Mit ganz lieben Grüßen von Kalea Deste-Roehl

Materialien zur Meinungsbildung

Was bedeutet es eigentlich, jemanden zu grüßen? Mehr noch: ­jemanden grüßen zu lassen. Der Gruß bezeugt ja zunächst einmal Aufmerksamkeit für einen anderen. So begrüßen sich etwa Wandersleut oder Motorradfahrer mit bestimmten Gesten oder Formeln, ohne dass dies zu Weiterem führen würde. Man gibt sich lediglich als Gleichgesinnte zu erkennen, bestärkt sich etwa in der Leidenschaft für langweilige Landschaften oder eben das motorisierte ­Lärmen auf den durch jene Landschaften geschlagenen Schneisen; allerdings grüßte ich auf meinem Klapprad auch mal freudig einen anderen Klappradfahrer, der aber bloß mürrisch raunte: »Hab das alberne Ding im Gegensatz zu dir nur geklaut, du Vollidiot!« Doch ist an Gruß-Ritualen grundsätzlich nichts auszusetzen. Sonderbar erscheint mir bloß, vor allem in unseren kommunikativ verdichteten Zeiten, den Gruß ausrichten zu lassen statt ihn selbst zu überbringen.

»Nur zu gern lauschte ich ein weiteres Stündchen deinen Saufgeschichten, bloß bin ich nun mit Kalea Deste-Roehl zum Schnupperkurs im Flachsspinnen verabredet.« — »Na, so was aber auch! Ich kannte Kalea Deste-Roehl noch zu ihrer Zeit als kontrovers diskutierte Dermatologin in Pirmasens-Niederimten. Bestell mal ganz, ganz liebe Grüße von mir!« — Ja, was soll das? Entweder man kennt und schätzt diesen Menschen, sodann wird man sich ohnehin die Mühe gemacht haben, mit ihm in Verbindung zu treten, und zwar ohne die Hilfe eines Boten. Oder aber man kennt diesen Menschen nicht oder nicht gut oder nicht mehr gut, und dann hat es etwas Linkisches, sich solcherart bei ihm anheischig zu machen.

Kurzum: Ich lasse keine Grüße mehr ausrichten. Es funktioniert ohnehin nicht. Die Menschen, die man beauftragt, vergessen es geflissentlich. Zurecht, denn es ist unangenehm. Da bringt man jemanden doch in eine ganz große Verlegenheit und nötigt ihn, endlos lange Sekunden in ein verdattertes Gesicht zu starren, um dann ein mechanisches »Schöne Grüße zurück« zu hören. Und das klingt wie das lästige Retournieren einer falsch ausgelieferten Warensendung. Stößt aber die Grußbotschaft auf freudigen Widerhall, na, dann drängelt man sich ja quasi zwischen die beiden, obwohl man da gerade eigentlich gar nichts zu suchen und offenbar auch nichts zu sagen hat, außer eben: schöne Grüße.

Doch ist es seltsam. Lässt man Grüße ausrichten, gilt das als völlig normal. Schickte man jedoch jemandem einen Brief, in dem nichts stände, außer »ganz, ganz liebe Grüße!« — wer dächte da nicht an den Auftakt zu einem Horrorfilm für Hartgesottene?

Tobse Bongartz sprach neulich wieder von diesem und jenem, kam vom Hölzchen aufs Stöckchen, und bald ging es hinein in einem ganzen Urwald aus Themen, Thesen und Thekenerlebnissen. Und irgendwann, sehr beiläufig und während er nach einem anderen Gedanken zu kramen schien, sagte er: »Ach, ich soll dich übrigens ganz, ganz lieb von Gesine Stabroth zurückgrüßen.« Irgendetwas störte mich. Aber war es nicht das, was ich mir, wenn auch nicht allzu sehnlichst, gewünscht hatte? Jetzt aber schien mir dieses Plattitüden-Pingpong an Tollheit kaum noch zu überbieten zu sein. Und je länger ich da­rüber nachdachte, desto mehr ­erschien mir diese wohl nicht ­zufällig gleichlautende Antwort von Gesine Stabroth als womöglich unverschämt.

Vielleicht, so dachte ich aber schließlich, war es wirklich unverschämt, aber eben doch auch nur als eine Reaktion auf meine ursprüngliche Unverschämtheit. Das Problem, jemanden als Gruß-Boten zu senden, ist allerdings auch, dass man nicht weiß, wie der Bote seinen Auftrag ausführt. Tobse Bongartz’ spöttischer Tonfall ließ jedenfalls nichts Gutes ahnen, und obwohl er plötzlich schwieg, meinte ich, sein Kichern zu hören.