Zauber des Unperfekten
»Die Bildwelten meiner Collagen sind die Summe dessen, was ich selbst erlebt und in meinem Umfeld beobachtet habe«, sagt Luisa Schatzmann. Ihre Zeichnungen bestehen aus nur wenigen Linien: abstrahierte Figuren, die die Künstlerin in Graphit auf Papier festgehalten, dann in Details ausgeschnitten und in ihren Collagen verdichtet hat.
Weibliche, männliche oder geschlechtsneutrale Körper begegnen Tieren, geometrischen Formen oder einander in surrealen Konstellationen. Manche der Figuren tragen einen Kopf ohne Gesicht, andere ein Gesicht mit verschwommenen, vibrierenden Augen. Wieder andere lächeln, blicken sich gegenseitig an, treten miteinander in Kommunikation, umarmen sich. Es sind unterschiedliche Blickwinkel aus verschiedenen Zeiten, die Schatzmanns Collagen kennzeichnen — und der »Zauber des Unperfekten«, wie sie sagt.
Luisa Schatzmann, die 1933 in Madrid geboren wurde, lebt seit 1954 in Köln (zuweilen auch im Salzburger Land) und ist seit den 1980er Jahren als Malerin bekannt. Ihr zeichnerisches Werk hat sie aber erst vor einigen Jahren begonnen zu zeigen, erstmals 2008 in der Kölner Trinitatiskirche. Seither sezierte Schatzmann ihre Zeichnungen, sammelte stapelweise Ausschnitte daraus und definierte sie als collagierte Tableaus neu. Jetzt liegen diese Collage-Arbeiten erstmals in einer umfangreichen Publikation als großformatige Faksimile-Ausgabe vor.
Luisa Schatzmanns fein komponierte Bilder werden in dieser Veröffentlichung von einem biografischen Text begleitet, den sie mit ihrem langjährigen Ateliermitarbeiter Christian Aberle verfasst hat. Aus der Ich-Perspektive geschrieben, erzählt Schatzmann darin aus ihrem Leben: etwa von der Strenge und der gleichzeitig gelebten Courage ihrer Großmütter, von den unterdrückten Bedürfnissen von Frauen und Kindern in der Zeit ihrer Kindheit. Dann, mittlerweile selbst Mutter von drei Kindern, von ihrem Weg hin zu einem selbstbestimmten Leben. Denn Luisa Schatzmann entschied sich erst im Alter von Mitte Vierzig dazu, ein Malereistudium an den Kölner Werkschulen aufzunehmen — und Künstlerin zu werden.
Die »Suche nach der verlorenen Zeit« im Sinne Marcel Prousts, auf dessen Literatur sich Luisa Schatzmann bezieht, vergegenwärtigt sich in ihren Bildern und Worten auf eindrückliche Art: als Mut, der Welt mit offenen Augen und Armen begegnen zu können, zu schätzen.
Luisa Schatzmann, »Die absolute Verbindung«, Hrsg.: Carmen Strzelecki; Strzelecki Books, 192 Seiten, 49,80 Euro.