Köln, 1951: Walther, Hermann und Otto Jahrreiß

»Der dritte Bruder«

Kathrin Jahrreiß führt anhand ihrer Familiengeschichte tief in die politischen Brüche Deutschlands

Recherchen in der eigenen Familiengeschichte sind im Dokumentarfilm beliebt. Die NS-Zeit ist dabei oft Thema. Doch so tief in die politischen und persönlichen Brüche des letzten Jahrhunderts in Deutschland wie in »Der dritte Bruder« führt eine Familiengeschichte selten. Denn der Groß­vater der Kölner Filmemacherin und dessen beiden Brüder wurden zwar alle kurz vor 1900 in Dresden geboren, sie haben aber gänzlich unterschiedliche Wege eingeschlagen.

Hermann, der älteste und erfolgreichste der drei, machte als Jurist nach dem Ersten Weltkrieg schnell Karriere und diente sich nach 1933 als Völkerrechtler auch den neuen Herrschern an. Nach dem Krieg rehabilitierte er sich ausgerechnet als Strafverteidiger von Alfred Jodl bei den Nürnberger Prozessen für eine höchst ertragreiche Laufbahn im Rechts- und Hochschulwesen der BRD und Europas. Diese brachte ihn von 1956 bis 1958 auch ins Rektorat der Universität Köln, die ihn noch bis in die 80er Jahre mit mehreren Festschriften und einer Ehrenbürgerschaft feierte.

Die beiden jüngeren Brüder waren mit jüdischen Frauen verheiratet. Doch während Walther mit Ehefrau und Töchtern früh in die USA emigrierte, blieben Otto und seine Frau in Dresden, wo diese noch 1940 an den emigrierten Schwager arglos von nettem nachbarschaftlichem Klatsch schrieb. Zwei Jahre später wird sie aus dieser Nachbarschaft heraus denunziert und von der Gestapo in »Schutzhaft« genommen und später in Auschwitz ermordet. Otto wird wegen einer scharf formulierten Traueranzeige inhaftiert, kommt aber durch äußeres Eingreifen — vermutlich durch Bruder Hermann — frei und bleibt allein mit zwei kleinen Söhnen, von denen der jüngere der Vater der Regisseurin ist.

Dessen auffälliges Desinteresse an der eigenen Familie war ein Ausgangspunkt für Kathrin Jahrreiß’ Neugier. Dazu kam eine Kiste im Keller des Hauses ihres Vaters, die voll mit bisher unbeachteten Schätzen an Fotos und Briefen war. Darunter befand sich auch ein Foto der drei Brüder im reiferen Alter, das als roter Faden durch den Film führt und wohl 1951 bei einem letzten Treffen in Köln aufgenommen wurde. Andere Materialien blättert der Film sukzessive auf, wobei neben der Familiengeschichte und einer langsamen Annäherung zwischen Tochter und Vater auch schmerzlich immer wieder die später oft verleugnete Kollaboration vieler Deutscher mit dem NS-Regime zum Thema wird.

D 2024, R: Kathrin Jahrreiß, 111 Min. Start: 1.5.
Filmvorführung mit anschließendem Gespräch über Hermann Jahrreiß:
Di 13.5, Aula 2 im Hauptgebäude der Uni Köln, 18.30 Uhr