Michael Triegel, Karfreitag 1300, 2012, Foto: Galerie Schwind, Leipzig | VG-Bildkunst, Bonn 2025

Kunsthistoriker*­innenporno

Das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen zeigt den neuen alten Meister Michael Triegel

Wer Kunstgeschichte studiert hat, denkt gerne an die Zeit der Zwischenprüfung zurück, als es galt, sich die Grundbegriffe der architektonischen Formenlehre draufzupacken und vor allem Renaissance, Altniederländer und Barockitaliener aus dem EffEff zu kennen. Dabei stand die Bildanalyse im Mittelpunkt des Geschehens und der Auswendig-Lern-Drill mündete in Formeln à la: blauer Stoff steht für die Madonna; ein Lamm für Jesus (Agnus Dei); kleine Figuren am Rande sind die Stifter des Gemäldes und Heilige mit Pfeilen im Körper heißen Sebastian.

Wer auf solche Trivia nicht zurückgreifen kann, dem sei ein Almanach der christlichen Ikonografie ans Herz gelegt: Für den Besuch der Ausstellung des 1968 geborenen Malers Michael Triegel lohnt die Anschaffung. Denn das Label des modernen Verfechters altmeisterlicher Bildinhalte und Maltechniken beschreibt das Wirken des Erfurter Künstlers zutreffend.

Seit einem Italienbesuch kurz nach dem Mauerfall besteht sein Werk — neben pittoresken, aber minderinteressanten Landschaftsaquarellen — aus behände simulierten Tafelbildern, die in Technik und Ikonografie den Wettkampf mit den Originalen von Raffael bis Pontormo nicht scheuen brauchen. In einer anachronistischen Akkuratesse, die man in der (Post-)Moderne — ­jenseits der Hyper- und Foto­realisten — vergeblich sucht, »Die Grablegung« simuliert das Chiaroscuro (Hell-Dunkel-Malerei) eines Caravaggios auf verblüffende Weise, der »Karfreitag 1300« weckt Erinnerungen an die wunderlich-mystische Malerei El Grecos; wenn Jesus in der Allegorie »Ecce Homo« auf einer schmalen Tafel fast menschengroß im Grabe liegt, dann schreit einem das weltberühmte Gemälde Hans Holbeins d.J. geradezu ins Gesicht.

Es wäre in seiner perfekten Imitation zum Gähnen langweilig wenn Triegel seine Gemälde nicht ins Absurde und Groteske überformen würde. Das kuriose »Mater« gibt den Ton vor, präsentiert statt einer Madonna, eine hölzerne Gliederpuppe als Mutter Gottes im blauen Stoff und zwei quietschgrüne Tennisbälle als Brustplatzhalter. Dieser Remix, der sich primär mit der Malerei und ihrer Technik  auseinandersetzt, ist ein bemerkenswerter Kunsthistoriker*innenporno, der sich gerne zu ernst nimmt, das Unwort »meta« groß schreibt und zum (Katholiken-)Kitsch neigt. Vielleicht gerade deshalb darf er als »guilty pleasure« herhalten.

Michael Triegel, »Jenseits des ­Sichtbaren«, Suermondt-Ludwig-Museum, Wilhelmstraße 18, Aachen, bis 15.6.; Di–So 10–17 Uhr