Die Geschichte im Blick: Ursula Krechel, Foto: Heike Steinweg

Mutti ist die Beste

Ursula Krechel verwebt die gewaltvollen Erfahrungen von Frauen durch die Jahrhunderte hinweg

Eva Patarak ist Kräuterverkäuferin, wohnt mit ihrem Sohn Philipp in einer Wohnung in Essen und ist Namensgeberin des ersten von drei Kapiteln in Ursula Krechels neuem Roman »Sehr geehrte Frau Ministerin«.
Aber von Anfang an geht es nicht nur um sie, sondern um viele Mütter: Um Eva, aber auch um Agrippina, die Mutter des römischen Kaisers Nero und Kölner Stadtmutter. Sie wurde auf Befehl ihres eigenen Sohns hingerichtet, obwohl sie ihm zur Herrschaft verhalf und zeitweise gleichberechtigt neben ihm thronte. »Frauen in Rom und anderswo wollten, dass es ihrem Sohn wohlergehe, fütterten ihn«, heißt es da. Eva Pataraks Sohn Philipp ist wütend. Er lebt bei ihr und von ihrem knappen Lohn aus dem Kräuterparadies und findet, die Möhren, die seine Mutter ihm gekocht hat, schmecken nach nichts. Und er spricht nicht gern mit ihr: »Wenn ich möchte, dass er mich ansieht, auf dem Weg ins Bad, in der Diele, sieht er an mir vorbei.« Denn er ist »zu dickfellig (oder zu dünnhäutig?), er will nicht gestört werden.«

Auf »Eva« folgt das Kapitel »ab ovo« — vom Ei, vom Ursprung her —, das sich dem Alltag der ­Lateinlehrerin Silke Aschauer widmet. Ihr Alltag ist von so heftigen Menstruationsschmerzen ­geprägt, dass sie sich für eine Hysterektomie entscheidet. Silke hat sich vorgenommen, Eva und ihren Sohn Philipp als Figuren in ­ihrem Roman zu beschreiben und geht so weit, in ihre Nähe zu ziehen, um mehr von ihrem Leben mitzubekommen. Nicht nur über sie, auch über die nahbare und ernsthaft bemühte Justizministerin möchte sie schreiben, um die es im letzten Kapitel »als ob« vorrangig geht.

Geschickt verwebt Ursula ­Krechel die Leben ihrer vier Hauptfiguren, durchzogen von Abschnitten aus der Antike, sorgfältig herausgearbeitet aus historischen Quellen. Dieses Buch ist eine scharfe Beobachtung der Lage und zeigt die kleinen Unterschiede auf, die seit Jahrtausenden als Rechtfertigung dienen, die Hälfte der Menschheit kleinzuhalten. Dabei erzeugt Krechels elegante und präzise Sprache eine Spannung, mittels der sie das Thema Gewalt durchexerziert. Die Gewalt in Form des antiken Kaisers (»er verlor einfach zu früh die Nerven«), in Form der schreibenden Person, die Menschen ­gegen deren Willen in ihre Geschichten einbaut, die Staatsgewalt des ­geltenden Rechts, aber auch die persönliche Gewalt im weiblichen Körper.

Ursula Krechel: »Sehr geehrte Frau Ministerin«, Klett Cotta, 368 Seiten, 26 Euro
Mo 12.5., Literaturhaus, 19.30 Uhr