AIDS-Katastrophe: Tony Kushners »Engel in Amerika«, Foto: Thilo Beu

Resiliente Wesen im Pop-Up-Klettergarten

Matthias Köhler inszeniert Kushners »Engel in Amerika« als lebendiges, vierstündiges Binge-Watching-Stück

Eigentlich müsste »Engel in ­Amerika« schwer zu ertragen sein: Es geht um das Leiden und Sterben an AIDS und das in der Reagan-Ära, die die Verachtung der Schwachen zur Maxime der Politik erhoben hat.
Ist es aber nicht. Nach vier Stunden lebendigem, zornigem, von leisem Humor durchzogenem Binge-Watching bleibt ein unbestimmtes Gefühl der Zuversicht. Nicht weil irgendetwas gut wäre. Zu klar sind die Parallelen zu heute. Zu klar leider auch, dass die frauen- und queerfeindliche Trump-Administration in ihrem Disruptionswahn weiter gehen will. Dieser Abend tut gut, weil er Menschen zeigt: Fehlerhafte, liebenswerte, wirre, erstaunlich resiliente Wesen, denen pursuit of happiness versprochen wurde, und die das jetzt auch leben wollen.

Tony Kushner, schwuler jüdischer Theater- und Drehbuchautor aus New York, schrieb das zweiteilige Stück »Angels in America« Anfang der 90er Jahre. Es galt als Befreiungsschlag für die diskriminierte queere Community. Im Zentrum steht das schwule Paar Louis (Simon Kirsch) und Prior (Nicolas Streit), bei dem AIDS diagnostiziert wird. Parallel geschnitten ist das Beziehungsende von Joe (Henri Mertens) und Harper (Sophia Burtscher), er ist verdeckt schwul, sie medikamentenabhängig. Und die Geschichten der Schwarzen Dragqueen und Pfleger*in Belize (Kelvin Kilonzo) sowie des Machtmenschen Roy (Andreas Grötzinger), die Theater-Version eines realen republikanischen Anwalts, der als politischer Ziehvater Donald Trumps gilt.
Die Realität der 1980er verschwimmt auf der Bühne mit schillernd inszenierten, phantastischen Erscheinungen. Roy wird von Ethel (Yvon Jansen) heimgesucht, einer Frau, die er zu Unrecht hinrichten ließ. Prior erscheint im Fieberwahn ein erzreaktionärer Engel (Nicola Gründel). Als Prior sich weigert, ihm als Prophet zu dienen, ist das auch ein Kampf ­zurück ins Leben.

Regisseur Matthias Köhler ­inszeniert das Stück im einstürzenden Popart-Klettergarten von Bühnenbildner Patrick Loibl. Er erzählt nah an den Figuren, und die durchweg starken Spieler*innen geben selbst den miesesten Charakteren Raum, sich zu erklären und zu entwickeln. Manchmal gehen in den lauten Streits die Zwischentöne verloren. Das gleicht aber Musikerin Eva Jantschitsch mit ihren Songs und ­deren fein abgestimmter Melange aus Melancholie und Ironie ­mühelos aus. 

Schauspiel Köln, Depot 1, 31.5., 18.30 Uhr