Steht für die Offenheit des Festivals: Elektronik-Produzent Martin Kohlstedt tritt am 16. Mai in der Philharmonie auf, Foto: Karine Bravo

Das Licht kommt aus dem Dunkeln

»Acht Brücken« ist eines der wichtigsten Festivals in Köln — und dennoch vor dem Aus

Kultur paradox: Vom 9. bis zum 18. Mai findet die 15. Ausgabe des »Acht Brücken«-Festivals statt. Das programmatische Motto lautet: »Licht«. Das passt, denn als Leucht­turm-Festival für Neue Musik hat es sich längst etabliert und setzt die große Tradition Kölns als Zentrum musikalischer Avantgarde fort. Dieses Jahr steht das vielschichtige Werk der finnischen Komponiosten Kaija Saariaho im Mittelpunkt der insgesamt 51 Veranstaltungen.

Aber das alles steht unter keinem guten Stern mehr: Am 13. Februar hat der Rat der Stadt Köln beschlossen, ab 2026 die Fördermittel für das Festival zu streichen und die Festival GmbH zu liquidieren. »Acht Brücken« steht vor dem Aus.

Es wird zudem das letzte Festival sein, das unter der Leitung von Louwrens Langevoort stattfindet. Am 31. Juli ist sein letzter Arbeitstag als Intendant der Kölner Philharmonie. Grund genug bei Langevoort und Nicolette Schäfer, die im Team von »Acht Brücken« für Dramaturgie und Planung verantwortlich ist, nachzufragen.

Am 13. Februar ist der städtische Haushalt verkündet worden und damit auch die Streichung aller städtischen Mittel für »Acht Brücken« ab 2026. Einige zuvor angekündigte Kürzungen im kulturellen Bereich sind ja noch rückgängig gemacht worden. Aber für »Acht Brücken« gilt das nicht.

Nicolette Schäfer: Eine Sache ist es, auf sich zukommen zu sehen, dass es Kürzungen geben wird. Eine andere Sache ist es, auf Null gesetzt zu werden. Und ein noch weiterer Schritt ist, dass die Liquidation der Acht Brücken GmbH forciert wird. Also dass verhindert wird, andere Lösungen zu finden, auch dass verhindert wird, mit dem anstehenden Intendanzwechsel über einen etwaigen Kurswechsel zu diskutieren — darüber zum Beispiel, wovon das Festival vielleicht mehr oder weniger bringen sollte. Aber nein, es wird wirklich komplett erstickt, was in 15 Jahren aufgebaut worden ist. Da kann man nicht sagen, dass wir das erwartet haben. Der Aufsichtsrat hatte uns aufgefordert, eine externe Evaluation durchzuführen, dafür mussten wir erhebliche Mittel bereitstellen. Diese Evaluation wurde sehr sorgfältig, sehr intensiv gemacht, kommt zu einem sehr guten Fazit, was den Vergleich mit ähnlichen Festivals betrifft, die Wirkung und Bedeutung von
»Acht Brücken« für die Stadtgesellschaft, die Aus­schöp­fung des Publikumspotenzials. Und all das spielt für die politische Bewertung und den Haushalt keine Rolle. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier ein Exempel statuiert wird und man sich bei einem Festival, was avanciert und natürlich alles andere als Mainstream ist, einen sechsstelligen Betrag holt, was dem Festival die Existenzgrundlage nimmt, aber, wie wir wissen, im städtischen Haushalt nicht wirklich zu einer Konsolidierung führen kann.

Welche Art von politischem Kalkül vermuten Sie dahinter?

Louwrens Langevoort: Das Einzige, was ich hinter diese Sachen sehe, ist mangelnde Weitsichtigkeit. Man hätte schon seit Jahren wissen können, was auf uns zukommt. Es ist doch ­eigentlich Aufgabe von Politik, langfristig zu planen, Probleme tiefergehend zu analysieren, Lösungen frühzeitig in Angriff zu nehmen. Das erwarte ich von der Politik, sonst sehen sich alle in drei Jahren wieder in genau der gleichen Situation und müssen dann noch mehr kürzen.

Was droht verloren zu gehen?

Schäfer: Kooperationen, Vernetzung und kulturelle Bildung: Dafür steht das Festival ganz besonders. Die Vielzahl der Kooperationen, kontinuierlich, aber auch mit wechselnden Partnern, da ist ein unglaublich stabiles Netz entstanden, das viele Synergien produziert hat, genauso wie man sich das wünscht. Einzelne Ensembles oder die Akteure der freien Szenen können das gar nicht leisten. Die sind froh, wenn sie die Finanzierung zusammen­bekommen für einzelne Konzerte. Wir können Begleitveranstaltungen anbieten, Einführungen, einen ganzen Tag — den »Freihafen« — zum freien Eintritt, wir können Wahlpreise ­anbieten, bei denen man selber entscheiden kann: Was gibt mein Portemonnaie her? Das alles kann so nur im Festival-Kontext umgesetzt werden.

Langevoort: Und um das zu betonen: Wir hätten auch mit einer verringerten Subvention noch viel machen können. Aber wenn die Stadt nichts gibt, dann ist nicht sicher, wieviel noch vom Ministerium oder von der Kunststiftung NRW kommt, das sind unsere anderen Partner. Das ist kein Gesetz. Aber man kann nur schwer vermitteln, dass wir ein Kölner Festival veranstalten, aber die Stadt überhaupt nichts zahlt.

Man hätte schon seit Jahren wissen können, was auf uns zukommt. Es ist doch eigentlich Aufgabe von Politik, langfristig zu planenLouwrens Langevoort

Um den Übergang zum aktuellen Programm zu machen. Das Festival-Motto »Licht« hat ja vor diesem Hintergrund fast schon eine politischen Bedeutung. Licht assoziiert man mit Aufklärung, mit Aufbruch, mit Optimismus. Das ist das Assoziationsfeld.

Schäfer: Das Motto für das Festival stand natürlich schon länger fest. Wir haben mit der konkreten inhaltlichen Planung vor zwei Jahren begonnen. Was am Anfang unserer Planungen steht, ist eigentlich ganz einfach: Welche Komponisten-Porträts sind vielfältig und abwechslungsreich? Wie beleuchten wir unterschiedliche ästhetische Positionen?

Langevoort: Also, wenn Sie schon assoziieren: Licht setzt Dunkelheit voraus. Am Anfang war es dunkel und dann wurde es Licht — davon spricht schon die Bibel. Wir arbeiten häufig so, dass wir eine Komponistin oder einen Komponisten haben, den wir unbedingt vorstellen möchten. Aber das wollen wir mit einem Thema verbinden. Was passt zu Frau Saariaho? Ausgehend von dem, was und wie sie geschrie­ben hat, kamen wir zunächst auf die Arbeits­titel »Licht und Dunkel«, »Licht oder Dunkel«, und das wurde dann ganz positiv: Licht. Mit Aufrufezeichen sogar! Kaija Saariaho ist leider schwer krank geworden und im Juni 2023 gestorben. Wir haben aber noch Ideen für Aufführungen mit ihr besprochen. Sie hat ein unglaublich großes Repertoire hinterlassen, das wir nun aufführen können.

Schäfer: Wir haben auch eins ihrer letzten Werke im Programm. Mit unserem Porträt decken wir ihre ganze Schaffenszeit ab, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Von Kammermusik über Instrumentalkonzerte bis hin zur Oper. Man kann sie richtig gut entdecken.

Wenn ich auf die vergangenen Festival-Programme zurückschaue — Gérard Grisey oder Rebecca Saunders: Musik, die sehr in den Raum geht, eine Art Landschaft kreiert —, dann passt Kaija Saariaho für mich in diese Reihe. Würden Sie sagen, dass Sie da eine gewisse Kontinuität etabliert haben und die Festivals über die letzten Jahre schlüssig aneinander anschließen?

Schäfer: Das war nicht beabsichtigt. Man kann die Stücke von Kaija Saariaho auch als Gegenpol zu Saunders oder zu Enno Poppe, den wir letztes Jahr im Porträt hatten, hören. Wir fragen uns eigentlich jedes Jahr, in welche ästhetische Richtung sind wir noch nicht gegangen? Wir wollen uns nicht damit zufrieden geben, ein Branchentreff zu sein. Sondern es ist uns total wichtig, Menschen zu verführen, sich auf dieses Abenteuer, Neue Musik zu hören, einzulassen. Wir machen das Festival nicht, oder nicht nur, für die Afficionados, sondern wir haben den Anspruch: »Hört mal, nichts kann so unterschiedlich sein wie Neue Musik«. Und dafür stehen die Kompositionen von Saariaho.

Langevoort: Ich sage gerne, dass wir nicht »zeitgenössische Musik« präsentieren, sondern die »Musik von jetzt«. Die »Musik von jetzt« meint eigentlich alle Musik der Gegenwart, unabhängig vom Zeitgeist. Dazu gehört auch Jazz, der ja auch seinen Ort bei »Acht Brücken« hat. Uns begeistern die interessanten Sachen, die jetzt komponiert und gespielt werden, da kommt es nicht darauf an, ob sie ­irgendwelche Genre-Vorgaben erfüllen. »Acht Brücken« präsentiert radikale Gegenwart.

Und die Zukunft? Sehen Sie eine Zukunft, in der das Festival seinen festen Platz in der Stadt hat?

Langevoort: Es wäre schade um die Zeitge­nössische Musik in Köln. Wir wären immer ­offen gewesen für andere Modelle, wenn man uns längerfristig informiert hätte. Jetzt kann ich nur noch in den paar Monaten, die ich noch Intendant bin, auf allen Seiten für das Festival werben.

Schäfer: Der Zeithorizont ist klar. Die Stadt hat entschieden, dass die Acht Brücken GmbH liquidiert wird und dass das von der Gesellschafterversammlung vollzogen werden soll. Die findet am 7. Juli statt. Dann sehen wir weiter.