Große Gesten
Ein Liveauftritt von The Deadnotes begeistert in jeder Hinsicht: Die aus Freiburg stammende, mittlerweile in Köln lebende Band — im Kern sind das Frontmann und Gitarrist Darius Lohmüller und Bassist Jakob Walheim, auf der Bühne werden sie von weiteren Musikern unterstützt — sprüht nur so vor Energie. Die instrumentalen Fähigkeiten der Mitglieder sind nicht zu übersehen, alles ergänzt sich zu einer lebendigen Performance. »Rock ’n’ Roll Saviour« (Grand Hotel van Cleef), das jüngst erschienene Album von The Deadnotes, fängt die gigantischen Ambitionen der Indie-Band auf tolle Weise ein. Was sind also die Perspektiven dieser großartigen Band?
Zum Interview schauten Darius Lohmüller und Jakob Walheim vorbei. Wir sprachen über ihre Ziele, große Gesten und den Status Quo des Rock ’n’ Roll — ah, und Charli XCX.
Zuerst einen kurzen Blick zurück: Wie würdet ihr eure frühere Musik im Vergleich zu »Rock ’n’ Roll Saviour« beschreiben?
Tatsächlich ist unsere Musik zu Beginn auch schon classic-rockig gewesen; zumindest mehr als das, was wir in den darauffolgenden Jahren gemacht haben, als wir eher zu einer Emo/Pop-Punk-Band geworden sind. Doch mit diesem Emo-Branding haben wir uns irgendwann nicht mehr wohlgefühlt. Es ist also interessant, jetzt einen Bogen zu den Anfängen zu spannen.
Das ist interessant, dass euer neues Album »Rock ’n’ Roll Saviour« auch eine Art Back-to-the-Roots-Move ist.
Zumindest in der Hinsicht, dass Classic Rock die Musik ist, mit der wir sozialisiert wurden, doch von der man als Jugendlicher erstmal weg will. Damals sind wir in die Punkszene gekommen, jetzt finden wir wieder zurück zum Anfang.
Hattet ihr ein konkretes Ziel, als ihr mit den Arbeiten an »Rock ’n’ Roll Saviour« begonnen habt?
Wir wollten zeigen, wo die Band gerade steht; dass sie alles sein kann. Man kann die Geschichte von The Deadnotes in zwei Abschnitte aufteilen, alles vor 2021 war einfach eine andere Ära. Für uns war klar, dass es gerade in eine andere Richtung geht. Es gab auch Gespräche, den Bandnamen zu ändern, doch letztendlich haben wir uns dagegen entschieden. Wir sind zwar eine komplett andere Gruppe — das ist normal, wenn man mit 15 anfängt —, aber gleichzeitig möchten wir unsere ganze Geschichte mittragen.
War der Soundwechsel auf »Rock ’n’ Roll Saviour« eine ganz bewusste Entscheidung?
Unser persönlicher Geschmack, unsere Hörgewohnheiten haben sich einfach total verändert. Früher — als wir noch den Emo-Stempel hatten — haben wir uns total viel in dieser Musik bewegt und mit ähnlichen Bands gespielt. Irgendwann gab es einen Punkt, wo wir gar keinen Bock mehr darauf hatten. Im Rahmen des aktuellen Albums wird immer wieder über einen Stilwechsel diskutiert, aber eigentlich ist das überhaupt keine Entwicklung, die explizit mit dieser Platte losgegangen ist. Das war auch schon auf vorherigen Veröffentlichung abzusehen.
Dass der Rock ’n’ Roll ausstirbt oder bereits tot sei, hört man ja immer wieder. Schon mit dem Titel eures neuen Albums habt ihr euch zum Ziel gesetzt, ihn zu retten. Warum ist euch das so wichtig?
Erstmal ist der Albumtitel in viele Richtungen interpretierbar. Uns war sehr wichtig, in diesem stumpfen und macho-haften Titel eine gewisse Doppeldeutigkeit mitzutragen. Ursprünglich stammt er aus einer Textzeile in unserem Song »Jesus Christ! (I’m Sick And Tired Of Falling In Love)«, der eigentlich eine externe Perspektive hat. Dass das mit einem Albumcover, auf dem wir beide, Darius und Jakob, drauf sind, dann natürlich trotzdem auf uns bezogen wird, haben wir gerne in Kauf genommen haben. Aber es geht gar nicht darum, irgendwas zu retten. Außerdem ist Rockmusik weit entfernt davon, auszusterben. Denn dabei spielt nicht nur die Musik eine Rolle, sondern auch das ganze Drumherum. Letztes Jahr war ja der BRAT-Summer — und am Ende ging es auf der Platte »BRAT« [von Charli XCX] auch um nichts anderes als Sex, Drugs und Rock’n’Roll, nur halt in einem anderen Rahmen. Wir wollen dieses Gefühl am Leben halten. Das war auch schon so, als wir noch Emo gemacht haben.
»Rock ’n’ Roll Saviour« ist eigentlich die traurigste Platte, die wir bisher veröffentlicht habenDarius Lohmüller
Man merkt, dass Rock ’n’ Roll für euch nicht bedeutet, den Marshall-Verstärker bis zum Anschlag aufzudrehen, sondern eher mit absoluter Freiheit zusammenhängt. Spielt der Titel also nicht nur darauf an, den Rock ’n’ Roll zu retten, sondern auch vom Rock ’n’ Roll gerettet zu werden?
Das ist das Kernthema dieser Platte. Wir hatten in den letzten zwei Jahren viele heftige Situationen mit der Band — Situationen, wo man sich oft überlegt hat, ob man noch weitermachen will. Wir haben viel Arbeit darauf verwendet, die Dinge herauszufinden, die uns aufhalten.
Das Album lebt von großen Gesten. Ihr tragt eure Rock ’n’ Roll-Attitüde mit voller Inbrunst vor. War es euch wichtig, die Platte als etwas zu gestalten, was auf manche Leute uncool wirken könnte?
Das ist ein Prozess, den wir in den letzten Jahren durchgemacht haben: Irgendwann haben wir gelernt, dass man die Dinge auch einfach feiern und zelebrieren kann. Dabei entstehen dann diese Gesten, die du meinst. Wenn Leute das nicht einordnen können, ist das völlig okay.
Als ich euch vor ein paar Wochen live gesehen habe, fand ich es sehr erfrischend, dass ihr eine wirkliche Show abgeliefert habt. Den Performance-Aspekt eurer Musik habt ihr sehr offensiv aufleben lassen.
Wenn wir auf der Bühne stehen, sind wir in einem ganz anderer Modus; das steht auch gegenteilig zu dem, wie wir im echten Leben sind. In der Emo-Welt heißt es oft, dass diese zelebrierende Art zu performen nicht cool sei. Deswegen hatten wir immer das Gefühl, uns dort nicht richtig ausleben zu können.
Ich finde es cool, dass dieses emo-mäßige Abfeiern von Traurigkeit bei euch keine Rolle spielt. Generell würde ich »Rock ’n’ Roll Saviour« als sehr optimistische Platte beschreiben. Seht ihr das auch so?
Wir hören das öfter,
aber wenn man sich die Songs tiefer anschaut und anhört, ist »Rock ’n’ Roll Saviour« eigentlich die traurigste Platte, die wir bisher veröffentlicht haben. Doch natürlich steckt da auch dieses Gefühl drin, was wir vorher beschrieben haben: Als alles richtig beschissen war, hatten wir trotzdem verdammt gute Momente zusammen. Durch dieses Gefühl entsteht dann dieser Optimismus. Ich glaube, dass man einfach merkt, wie sehr wir gerade hinter unserer Sache stehen.