Im Auge des Betrachteten
Als Beobachter am Rand zu stehen, ist Comiczeichner Luz nicht fremd. Am 7. Januar 2015, seinem Geburtstag, verschlief er morgens. Deshalb war er nicht bei der wöchentlichen Konferenz seines Arbeitgebers, der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, als zwei Islamisten die Redaktionsräume stürmten und zwölf Menschen erschossen, darunter fünf der bekannten Karikaturisten des Magazins. Luz lebt seitdem unter Personenschutz. Auch im Museum Ludwig, wo er Ende April zu Gast ist, findet seine Pressekonferenz nur nach vorheriger Anmeldung und Kontrolle statt. »Ich bin ein Mitglied der Gesellschaft, aber nicht ganz ein Teil davon«, sagt er dort.
Sein gerade erschienener Comic »Zwei weibliche Halbakte« sei der Versuch, über sich selbst zu schreiben, »aber mit den Mitteln der Kunst«, erzählt der 53-Jährige. Die ihn inspirierende Kunst hängt einen Raum weiter: »Zwei weibliche Halbakte«, ein expressionistisches Gemälde von Otto Mueller aus dem Jahr 1919.
Es zeigt zwei schwarzhaarige Frauen mit nacktem Oberkörper, aber im Comic zu sehen ist es nie. Stattdessen ist es die Erzählfigur, die »subjektive Kamera«, wie Luz es nennt: Alles, was wir beim Durchblättern sehen, ist das, was auch das Bild auf seinen vielen Stationen hätte sehen können. »Die Leser sollen nach draußen, auf die Welt schauen«, meint Luz.
Diese Welt ist eine Welt in Unruhe — sowohl in der Politik als auch im privaten Leben Otto Muellers. Der Comic eröffnet mit einer Szene, in der er und seine Frau sich darüber uneinig sind, ob sie Berlin verlassen wollen. Mueller hat eine Professur in Breslau angeboten bekommen, die er 1919 annimmt. Des Gemälde reist mit und wird dort Zeuge der Trennung der Eheleute und eines Verkaufs. Der Anwalt Ismar Littmann erwirbt das Bild für seine private Kunstsammlung und seine kleine Tochter Ruth fragt ihn beim Betrachten, was »erotisch« bedeute. »Dass es schön ist«, antwortet ihr Vater.
Viele dieser historischen Details hat Luz sich in eigenen Recherchen und in Zusammenarbeit mit dem Team des Museums Ludwig erarbeitet. Nun verwebt er sie in seinen Panels mit biographischen Referenzen. In Littmanns Arbeitszimmer wird Muellers Gemälde Zeuge der finanziellen Schwierigkeiten des Anwalts während der Weltwirtschaftskrise 1929 und dem Entzug seiner Anwaltlizenz nach der Machtübernahme der Nazis 1933. Aus dem Fenster ist ein orthodoxer Jude zu erkennen, der vor einem Antiquitäten-Geschäft sitzt: erst unbehelligt, dann mit demonstrierenden Nazis vor seinem Schaufenster. Schließlich wird er erst von der Polizei behelligt, dann von der SA verprügelt, und Littmann, der Zeuge dieser brutalen Tat wird, versteckt sich hinter dem Vorhang, um nicht auch ins Visier der Schlägertrupps zu geraten. Schließlich begeht er 1934 Selbstmord und der Blick des Gemäldes wird zu Luz’ eigenem Blick: Die Körperhaltung von Littmanns Leiche entspricht der Position der Leiche eines Freundes, den Luz nach dem Attentat tot in der Redaktion von Charlie Hebdo aufgefunden hat.
Die Leser sollen nach draußen, auf die Welt schauen
LUZ
»Zwei weibliche Halbakte« sei Teil einer »Trilogie der Resilienz«, meint Luz. Mit »Katharsis« (2015) beschrieb er, wie er nach dem Schock des Attentats zum Zeichnen zurückfand. Mit »Wir waren Charlie« (2018) zollte er seinen ermordeten Kolleg:innen Tribut. In »Zwei weibliche Halbakte« erforscht Luz auch, wie er selbst zum Künstler werden konnte und welche Freiheiten dies ihm gegeben hat. Dabei spielt der Expressionismus eine wichtige Rolle. Während des Golfkriegs 1991 fand Luz Interesse an expressionistischer Malerei, in der oft auch die Schrecken des Ersten Weltkriegs mitverhandelt wurden. Und mit Otto Mueller im Speziellen verbinde ihn »der dicke Strich«, erklärt er im Museum Ludwig.
Dabei ist sein Comic trotz des historischen Stoffes und der biographischen Motive sehr gegenwärtig. Nach Littmanns Selbstmord wurde »Zwei weibliche Halbakte« Teil der Nazi-Wanderausstellung »Entartete Kunst«. Luz druckt einen Großteil der Eröffnungsrede des NS-Kunstfunktionärs Adolf Ziegler ab, vielleicht auch, weil sie so fatal an die kulturpolitischen Programme gegenwärtiger Rechtsextremist:innen erinnert.
»Zwei weibliche Halbakte« findet trotz alldem ein versöhnliches Ende. Littmanns Tochter Ruth besucht das Gemälde im Museum Ludwig. Die Stadt Köln wird es kurz danach erst restituieren und dann für die permanente Sammlung ankaufen. Ein Happy End ist dies jedoch nicht. Von den 6000 Werken in Littmanns Sammlung konnten nur 15 wieder aufgefunden werden.
Luz: »Zwei weibliche Halbakte«, Reprodukt, 192 Seiten, 29 Euro