Im Vertrauen auf den Plot: Antje Rávik Strubel, Foto: Marcus Höhn

Heiteres Metoo

In »Der Einfluss der Fasane« erzählt Antje Rávik Strubel von Missbrauch im Kulturbetrieb

»Denn so war sie, Hella Renata Karl. Sie ließ sich von niemandem unterbuttern.« Fast leitmotivisch wiederholt Antje Rávik Strubels neuer Roman »Der Einfluss der Fasane« diesen Satz. Als erlebte Rede der Protagonistin ist er den kulturbetriebsfernen Klassenverhältnissen geschuldet, in denen sie aufwuchs, romanpoetologisch der komödiantischen Wiederholung und auch leichten Überzeichnung der Figuren verpflichtet. Hella Karl, Kulturchefin einer Berliner Tageszeitung, wird in den sozialen Medien vom Mob verfolgt und in der eigenen Redaktion aufgefordert, Überstunden abzubummeln. Kai Hochwerth, ein geschasster Theaterintendant, ist gestorben, im fernen Sidney unter etwas zu dramatischen Umständen am Rande eines Auftritts seiner Gattin — man muss im Zusammenhang mit diesem Roman »Gattin« sagen —, der Opernsängerin Patrizia Mingo. 

Hella Karl war jene Journalistin, die vor nicht allzu langer Zeit gnadenlos über die Metoo-Vorwürfe an Hochwerths Theater schrieb. Hat sie ihn in den Suizid getrieben? Dabei haben Hella und ihr Mitarbeiter Heiko Sellim belastbare Hinweise, dass Hochwerth eine Schauspielerin zur Abtreibung zwang, und seine vulgärsexistischen Sprüche hat Hella mit eigenen Ohren gehört.

»Der Einfluss der Fasane« ist der erstaunliche Folgeroman von »Blaue Frau«, dessen flirrende Sprache und erzählerische Langsamkeit 2021 den Buchpreis gewann. In ihrem neuen Buch vertraut Antje Rávik Strubel vollends auf den Plot, der Tonfall klingt bisweilen fast lieblich, von antipatriarchaler Wut über die Schieflage der Empörungskultur und den misogynen Theaterbetrieb keine Spur. Im Gegenteil, und zugleich entgegen der erwartbaren Generalabrechnung, hatte Hochwerth bis zu Hellas entscheidendem Artikel stets auch anziehende Wirkung auf sie, die alles andere als feministisch ist, und in ihrer gemeinsamen Herkunft aus Arbeitermilieus reflektiert der Roman völlig unangestrengt Klassismus im Kulturbetrieb mit.

Mit von der Chefredaktion gesperrtem Mail-Zugang sitzt Hella nun in ihrem weinumrankten Häuschen am saturierten Pots­damer Stadtrand. Ihr Lebensgefährte ist ins Zisterzienserkloster gefahren und meldet sich nicht, also beginnt Hella auf eigene Faust die Hintergründe von Hochwerths Tod zu recherchieren, »entwarf eine Skizze des tödlichen Abends«. Fast ein paar Volten zu viel schlägt die Romanhandlung dann am Schluss, und Fasane tapern auch noch durch den Text.

Antje Rávik Strubel: »Der Einfluss der Fasane«, S. Fischer, 240 Seiten, 24 Euro
stadtrevue präsentiert
Mi 11.6., Literaturhaus, 19.30 Uhr