»Die Herzen aufs Neue gewinnen«
Herr Charles, Sie wollten mit uns unter anderem über Kunst im öffentlichen Raum sprechen, warum?
Kultur kann einen entscheidenden Unterschied in der Qualität und der Wahrnehmung des öffentlichen Raums machen. Wir wollen die Kultur, die Angebote möglichst für alle öffnen. Das gelingt etwa in der Stadtbibliothek hervorragend, wo die Leute nicht nur wegen der Bücher kommen, sondern diesen Raum im Sinne eines dritten Ortes für sich entdeckt haben. Zu so etwas können alle Institutionen beitragen. Manchmal entwickeln wir auch Modelle unter freiem Himmel wie am Ebertplatz. Die Bespielung mit Kultur ist ein Zugewinn für die Menschen, die dort leben, aber uns wird auch bewusst, was die Herausforderungen sind.
Würden Sie sagen, dass das am Ebertplatz gut funktioniert? Als Kulturbespielung?
Ja, klar. Aber damit lösen wir nicht alle Probleme dort. Wir werden dieses Jahr auch wieder das Programm auf dem Neumarkt fortsetzen, das 2023 besonders von der Musik- und Literaturszene gut angenommen wurde. So schaffen wir neue Begegnungen und Aufenthaltsqualität. Und wir bespielen seit Mai auch den Waidmarkt mit einer künstlerischen Installation.
Die Kommunikation mit der freien Kulturszene wirkt verbesserungswürdig. Es wurde von Seiten der Kultur bemängelt, dass keiner aus der Stadtverwaltung das Gespräch mit den Interessenvertretungen gesucht habe, als Kürzungen anstanden. Wie wollen Sie das verbessern?
Die Kultur steht bundesweit unter Druck — gerade in Krisenzeiten ist es umso wichtiger, nah an den Menschen zu sein und offen zu kommunizieren. Wir können die schwierigen Rahmenbedingungen nicht einfach ändern, aber wir können dafür sorgen, dass wir die richtigen Prioritäten setzen. Das gelingt nur im Dialog. Deshalb sind Juana von Stein, die neue Leiterin des Kulturamts, und ich derzeit im Austausch mit den Vertretungen der verschiedenen Sparten. Gemeinsam mit den Kulturschaffenden erarbeiten wir Förderkonzepte, die wir künftig flexibler und regelmäßiger anpassen wollen. Dazu sind und bleiben wir mit der freien Szene kontinuierlich im Gespräch.
Das heißt, die Kommunikation zur freien Szene wird jetzt besser?
Ja, und ich bin froh, dass die Gespräche so konstruktiv ablaufen. Da ist viel Realitätssinn. Dass die Wiederbesetzung der Leitung des Kulturamts ausgerechnet in die Zeit fiel, als die Kürzungen zur Debatte standen und es dort keine Amtsleitung als Ansprechpartner gab, war unglücklich.
Für Unzufriedenheit sorgen auch die 1,4 Mrd. Euro, die die Opernsanierung kosten wird. Die teure Hamburger Elbphilharmonie erfährt inzwischen hohe Akzeptanz. Kann man das für die Kölner Oper schaffen?
Die Unzufriedenheit ist nachvollziehbar — allerdings liegen die Baukosten für die vier Bühnen am Offenbachplatz bei rund 800 Millionen Euro, nicht bei 1,4 Milliarden. Umso wichtiger ist es, dass wir aus den bisherigen Erfahrungen lernen. Deshalb arbeite ich gemeinsam mit dem Baudezernenten Markus Greitemann daran, Kulturprojekte in Köln künftig besser zu planen und zu steuern. Für die Bühnensanierung hat er persönlich die technische Leitung übernommen, bei der Stadtbibliothek setzen wir zum Beispiel auf einen Generalunternehmer. Aber am Ende entscheidet nicht nur das Bauwerk, sondern das, was darin passiert. Wenn es gelingt, den Offenbachplatz mit künstlerischer Strahlkraft zu füllen — mit Inszenierungen, über die die ganze Stadt spricht, mit großen Namen und kulturellen Höhepunkten aller Art — kann er zu einem Ort werden, auf den Köln stolz ist. Ich wünsche mir, dass die Bühnen nicht nur saniert, sondern auch neu erlebt werden — und die Herzen der Kölner*innen aufs Neue gewinnen.
Auch die Philharmonie und das Museum Ludwig müssen saniert werden, das Stadtmuseum ist im Interim. Müssen wir bei diesen Projekten künftig weniger an Repräsentation denken und mehr an einen spielerischen, flexibleren Umgang?
Die Sanierungen von Philharmonie und Museum Ludwig sind für die 2030er Jahre vorgesehen. Dennoch ist es entscheidend, schon jetzt zu reflektieren, welche Rolle unsere Kultureinrichtungen künftig spielen sollen. Die derzeitige Interimslösung für das Stadtmuseum im Haus Sauer eröffnet die Chance, neue Formen musealer Arbeit auszuprobieren — flexibler, dialogorientierter, näher am Alltag der Menschen. Diese Erfahrungen fließen direkt in die Planung des dauerhaften Standorts ein. Insofern geht es nicht um weniger Repräsentation, sondern um eine kluge Erweiterung: Räume der Kultur müssen heute offener, wandlungsfähiger und nahbarer sein, um zukunftsfähig zu bleiben.
Köln sollte auch wieder eine Tanzsparte mit eigenem Haus bekommen. Dann stiegen die Kosten für die Bühnensanierung und das Projekt wurde auf Eis gelegt.
Die Verzögerung bei der Tanzsparte hängt nicht direkt mit den Kosten der Bühnensanierung zusammen, sondern mit der schwierigen Haushaltslage der Stadt. Trotzdem bleibt der Tanz für Köln ein zentrales Thema. Er schafft Zugänge über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg und spricht ein vielfältiges, oft junges Publikum an. Die Tanzgastspiele der Bühnen Köln zeigen, wie groß das Interesse ist. Jetzt kommt es darauf an, den Ratsbeschluss so weiterzuentwickeln, dass er zur finanziellen Situation passt — und vielleicht in Etappen umgesetzt werden kann.
Kultur findet vor allem im Zentrum statt. Müsste man nicht die Veedel kulturell stärken, gerade, wenn man der Kultur auch eine soziale Bedeutung zuschreibt?
Tatsächlich entstehen viele spannende Kulturinitiativen in den Veedeln. Mit Projekten wie dem Depot in Mülheim oder dem Osthof in Kalk haben wir bewusst neue kulturelle Orte rechtsrheinisch und außerhalb des Zentrums geschaffen. Auch bei der Planung des Deutzer Hafens setze ich mich dafür ein, Kultur von Anfang an mitzudenken. Unsere städtischen Einrichtungen tragen ebenfalls zur kulturellen Vielfalt in den Stadtteilen bei — etwa die Stadtbibliothek mit elf Standorten in den Veedeln. Und mit dem Kulturraummanagement arbeiten wir gezielt daran, neue Räume im ganzen Stadtgebiet zu erschließen, wie zuletzt mit dem Produktionshaus für Künstler*innen in der Delmenhorster Straße in Niehl. Kultur muss überall in der Stadt erlebbar sein — nicht nur im Zentrum.