Wüste im Regen
Von außen sieht alles fertig aus. Sehnsüchtig blicken die Spaziergänger in der Flora auf die riesigen Kakteen und Palmen hinter den Glasscheiben. Die neuen, an ihrer höchsten Stelle 17 Meter emporragenden Schaugewächshäuser im Botanischen Garten sind zwar seit langem »baulich fertiggestellt«, wie es bei der Stadtverwaltung heißt. Aber sie sind noch immer von einem Zaun umgeben. Wie lange das so bleibt, ist ungewiss, denn: In den gläsernen Prachtbauten stimmt das Klima nicht.
Im Wüstenhaus, wo die Luft bekanntlich trocken sein sollte, ist es zu feucht. Zwar gibt es Lüftungsklappen, die das Klima regulieren sollen, doch öffnet man sie, dann regnet es herein! Im Tropenhaus wiederum verliert der große Wasserfall, der zu den Hauptattraktionen gehören soll, Wasser! Bis zu 200 Liter gingen zeitweise pro Tag verloren, und keiner weiß, wohin. Man untersuchte die Leitungen — doch die sind dicht.
Auch »Bodenuntersuchungen in Beckennähe ergaben keine erhöhten Feuchtigkeitswerte«, teilte die Stadtverwaltung Anfang Juni mit. Was passiert also mit dem Wasser? Hat man es etwa nur mit einer natürlichen Verdunstung zu tun? Um das zu ermitteln, hat die die städtische Gebäudewirtschaft als Bauherrin der Gewächshäuser nun einen »Fachmann für Gebäudetechnik« eingeschaltet. Auch wurden weitere, hoffentlich regensichere Lüftungsklappen bestellt, und man behob noch den einen oder anderen Mangel, der einem optimalen Genuss der »kölschen Tropen- und Wüstenlandschaft« (Gebäudewirtschaft) im Wege stand. Beim fünf Meter hoher Baumkronenpfad etwa, der durch die tropische Pflanzenwelt führt; und im Wüstencanyon, alles barrierefrei.
Lüftungsklappen sollen das Klima regulieren, doch öffnet man sie, dann regnet es herein!
Doch stellten die Gärtner fest, dass sie nicht mehr zu den Pflanzen gelangen konnten, weil die Geländer im Weg waren, auch drohten die Besucher mit Rollatoren oder Rollstühlen vom Weg abzukommen, weil »Radabweiser« fehlten. Das alles ist nun behoben, und sobald die neuen Lüftungsklappen eingebaut sind, sollen die Gewächshäuser dann auch wirklich eröffnet werden. Die Kosten, die man bei Baubeschluss 2015 mit knapp 11,4 Mio. Euro veranschlagte, sind inzwischen auf 19,3 Mio. gestiegen. Nicht mal eine Verdoppelung — das gilt ja heute schon fast als Erfolg! Wobei: das weitere Kostenrisiko wird als »hoch« eingeschätzt, schließlich sind die Kosten zur Optimierung des Klimas noch nicht ermittelt, und einige Baufirmen sind insolvent.
»Hier wächst ein besonderer Garten für Erlebnis, Erholung und Bildung, der jede Vorfreude wert ist«, sagte Jürgen Roters, Vorsitzender des Freundeskreises Botanischer Garten und ehemaliger Oberbürgermeister, beim Spatenstich im Jahr 2018. Auch sieben Jahre später hält diese Vorfreude an. Wenn es so weit ist, will man bei der Stadt einen Besucheransturm aber möglichst vermeiden. Zunächst erhält nur eine begrenzte Anzahl von Menschen Einlass, vorsichtshalber — um zu schauen, wie sich die atmenden und transpirierenden Besucher auf das Klima auswirken.