Wieder das Vergessen...

Materialien zur Meinungsbildung

Ich kann mich nicht erinnern, wann es mir zum ersten Mal auffiel. Wir haben alle zu lange geschwiegen zum Beharren auf ­Vergesslichkeit. Wenn ich Tobse Bongartz zum wiederholten Male daran erinnere, er möge mir bitte endlich meinen praktischen Bierflaschenträger zurückgeben, zumal die Flaschen ja wohl — Hand auf’s Herz, alter Trinkgenossse! — längst ausgetrunken seien, dann sagt Tobse Bongartz: »Ich versuche, dran zu denken, aber erinnere mich noch mal an deine Herrenhandtasche, falls ich’s vergesse.« Wie schafft der es nur, dass ich mir so kleinkariert vorkomme, ­obwohl ich nur etwas zurück­haben will, das mir gehört?

Zwei weitere Sachen daran ­regen mich auf. Erstens (bzw. zweitens), dass Tobse meinen Bierflaschenträger »Herrenhandtasche« nennt und damit ja irgendwie auch so tut, als würde ich sie, also vielmehr: ihn, den Bier­flaschenträger, so nennen. Und zweitens (bzw. drittens), dass Tobse Bongartz sich weigert, eigenständig sein Erinnerungs­vermögen funktionstüchtig halten. »Erinnere mich noch mal dran, wenn ich es vergesse« — das ist doch unverschämt! Wenn ich das höre, könnte ich mich glatt vergessen! 

Noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten, unser Bewusstsein auszulagern wie heute. Niemand muss To-do-Listen auf die Wand seiner Höhle schreiben (»2x Wollnashorn erlegen; 1x Götter gnädig stimmen; Feuer entdecken, falls noch Zeit«). Heute werde ich ­ständig mit Gesumm und Brummbrumm an irgendwas erinnert. Vorbei auch die crazy Zeiten, als man sich selbst auf den Anrufbeantworter sprach, weil der Bleistift für’s Notizbuch abgebrochen war.

Und heute? Das, was man früher mal Privatleben, Feierabend oder Füße-hoch-ihr-könnt-mich-mal-alle nannte, ist generalstabsmäßig organisiert und wird von digitalen Managementsystemen durchgetaktet. Menschen lieben es, nichts mehr dem Zufall oder ­einer spontanen Eingebung zu überlassen. Dieses digital betreute und von Unwägbarkeiten gesäuberte Leben mag man genießen oder verachten, aber es gibt keine Ausreden mehr, irgendetwas zu vergessen, solange nicht der ­Polsprung, ein Asteroid oder ­nihilistische Hacker dem ganzen Schabernack ein Ende setzen.

Ich klagte Gesine Stabroth mein Leid und sprach auch über meine kulturpessimistischen ­Fieberträume. Ich bin ein moderner Typ, der über seine Gefühle reden kann. Aber was musste ich mir anhören? Dass der Bierflaschenträger »voll boomermäßig« sei. Und was ich denn sonst noch bräuchte für mein Bier-Hobby? »So eine Mütze mit Bierdosen­halterungen über den Öhrchen, samt Schläuchen, die zum Mund führen, na?« Dann hätte Gesine Stabroth ja schon was für meinen Geburtstag. Ansonsten: »Herrenhandtasche« sei mega sexistisch. Ich bin mir nicht sicher, ob es mega sexistisch ist, das H-Wort zu benutzen, und falls doch, gegenüber welchem Sexus. Vielleicht ist das Wort auch einfach nur doof, also so doof wie »Hackenporsche« oder »Tangodiesel«. Ich sagte Gesine Stabroth, sie möge mich bitte noch erinnern, wenn mir so etwas rausrutscht, aber Tobse Bongartz sei eben kein guter Umgang, wenn man sich einer zeitgemäßen Großstadtsprache befleißigen möchte. Ich sei jedoch dazu verdammt, seinem Gedächtnis auf die ­Sprünge zu helfen, um die ordnungs­gemäßen Eigentums­verhältnisse bezüglich des Bier­flaschenträgers (ich sagte cool: des BFTs) perspektivisch wieder herzustellen. 

Bis auf weiteres kaufe ich ­meine Bierflaschen bei Trinkhalle Hirmsel jetzt mit Jutebeutel, der ist modern und es gibt keine doofen Wörter für ihn. Die stehen schon drauf: »Trinkhalle Hirmsel — ihr Partner in Sachen Durst«. Und Herr Hirmsel dann: »Sechsmal Hopfenkaltschale, macht elf vierzig.«