Tröstende Hauptsätze
Yannic Han Biao Federer hat einen wiedererkennbaren Stil: die Parataxe. Aber in seinem neuen Buch sind die aneinandergereihten Hauptsätze des Kölner Schriftstellers so wahrhaftig wie nirgends sonst in seinen Romanen. »Für immer seh ich dich wieder« erzählt von einem bodenlosen Schmerz. Der Autor Yannic und seine Partnerin Charlotte erwarten ein Kind, und nach einer seltenen Komplikation wird Gustav Tian Ming tot geboren. »Kühlschrankkalt« liegt der Leichnam des Jungen im Krankenhaus in den Armen der Eltern, und das Erschreckendste ist, dass das Leben wie mit einem Schulterzucken einfach weitergeht, seine Bürokratie und seine Banalitäten.
Noch auf der Station referiert der Oberarzt die Möglichkeit der kostenlosen Sammelbestattung auf dem Klinikfriedhof, über die Charlotte und Yannic sofort entscheiden müssen, und an der Essensausgabe muss man sich auch als Vater eines totgeborenen Sohnes auffüllen. »Wurst? Oder Frischkäse? Danke, sage ich, wirklich, das reicht. Sonst kommen Sie noch mal wieder, sagt sie, wenn etwas fehlt. Mach ich, sage ich, auf jeden Fall. Bis halb neun ist noch alles da. Danke, sage ich, tausend Dank. Na klar, sagt sie. Und dann: Mein Beileid. Danke, sage ich. Danke.« Floskelhaft sich dehnende Dialoge, in denen Lückenfüller die Sprachlosigkeit erzählen, ohne dass das Buch sie ausbuchstabieren muss. Wiederholungsfiguren wie Krücken, auf die sich der emotional versehrte Protagonist stützt. »Ich bin zu nichts in der Lage und kann nicht sagen, wann sich das wieder ändert«, dreimal auf einer Seite schreibt der Ich-Erzähler diesen Satz, in Arbeitsmails. Auch sie wollen weiter geschrieben werden, und nichts dürfte diese unerhörten Gleichzeitigkeiten plastischer erzählen können als die nüchternen Parataxen von »Für immer seh ich dich wieder«.
Noch auf der Station referiert der Oberarzt die Möglichkeit der kostenlosen Sammelbestattung auf dem Klinikfriedhof
Als das Paar zurückkehrt in die eigene Wohnung, muss die Bestattung geplant werden, für die Herr Kolb, Gartenmeister des Friedhofs, das günstigere Kinderreihengrab statt des Wahlgrabs empfiehlt. Über Geld mussten Charlotte und er im ersten Moment nicht nachdenken, schreibt Yannic später. Mühelos erzählt der Text von soziokulturell wie auch von postmigrantisch spezifischer Trauer, wenn Yannics deutsch-indonesisch-chinesischer Vater vom Strand im balinesischen Kuta Fotos von Canang Sari, kleinen schwimmenden Körben mit Opfergaben, schickt. Über lange Passagen berichtet der Protagonist ganz unmittelbar vom folgenden Besuch des Vaters oder von Gesprächen mit der Krankenkasse, dann holt das Buch zu Absetzbewegungen aus, die das Erzählen selbst reflektieren, das fiktionalisiert, reale Ereignisse verschiebt, wie es der Text erfordert.
Für das unverheiratete Paar setzen sich die bürokratischen Absurditäten fort, zur Anerkennung von Yannics Vaterschaft nach der Geburt wollen die Behörden eine Geburtsurkunde sehen, doch die gibt es in Gustavs Fall nicht, »keine Geburtsurkunde ohne Vaterschaftsanerkennung, und keine Vaterschaftsanerkennung ohne Geburtsurkunde«. Andererseits verschiebt die Rheinenergie sofort die Wasserleitungsarbeiten, die zunächst genau auf den Tag der Trauerfeier datiert werden, zu der Yannic und Charlotte ihre Gäste in der Wohnung empfangen. Freund*innen sind da für das Paar, in die Chatnachrichten mit ihnen schleicht sich noch einmal ein anderer Tonfall, umgangssprachlicher, manchmal blödelnd, und auch sonst kommt der Humor in dieser Prosa nicht zu kurz. Später brechen die beiden auf zu einer Reise nach Wien, an den Wörthersee und bis nach Rom, in Rückblenden erzählt das Buch ihr Kennenlernen. Schließlich beginnen beide wieder zu arbeiten, Yannic fliegt für eine Lesereise nach China, Charlotte versucht ein weiteres Mal schwanger zu werden, und doch meidet »Für immer seh ich dich wieder« ein Happy End, das Gustavs Tod verkitscht.
Es ist ein Text voller Trost, weil er die Trauer in eine ästhetische Erfahrung verwandelt, weil er vehement die literarische Form sucht, eine »Erzählung, in der sich die Dinge aufreihen, in der immer erst das eine passieren muss, bevor das andere geschehen kann, in der alles eine Zeit hat und einen Ort, den man aufsuchen und wieder verlassen kann, sogar gestalten und formen und bearbeiten.«
Yannic Han Biao Federer: »Für immer seh ich dich wieder«, Suhrkamp, 184 Seiten, 20 Euro