»Unsere Aufgabe besteht darin, ein nächstes Mal zu verhindern«: Historiker Martin Rüther Foto: Thomas Schäkel

Auf eigene Faust

Der Historiker Martin Rüther hat den sozialistischen Widerstand gegen die Nazis in Köln erstmals vollständig aufgearbeitet

Die Geschichte des Widerstands in Köln gegen das Nazi-Regime ist ungeschrieben. Ein Satz, der stutzig macht — hat doch 1974 das Stadtarchiv eine große Ausstellung über Widerstand in Köln gezeigt, eine Pionierleistung.
Es hat in den letzten Jahrzehnten auch Einzelstudien in Fachpublikationen gegeben. Eine Gesamtschau, eine systematische Auswertung der Archive aber fehlten bislang.


Eine fünfbändige Buch-Reihe unter dem Obertitel »Widerstand und Verweigerung in Köln 1933-1945« soll dies ändern. Herausgeber ist das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, bis 2026 werden die Bände erscheinen. Der vor wenigen Monaten erschienene erste Band hat, so der Titel, »Sozialdemokraten, Sozia­listen, Gewerkschafter« zum Thema und stammt von ­Martin Rüther. Die folgenden Bände widmen sich den Kommunisten, kirchlichem Widerstand, oppositionellen Jugendlichen und dem Helferwiderstand — solidarischen ­Aktionen aus der Stadtgesellschaft mit verfolgten Juden und Zwangsarbeitern.


Dass sich ein Band Sozialdemokraten, Sozialisten und Gewerkschafter, also den Protagonisten der hiesigen Arbeiterbewegung widmet, scheint naheliegend, waren ihre Organisationen doch diejenigen, auf die sich Verfolgungs- und Vernichtungswut der Nazis zuerst richteten. Und doch fördert der Band viel Unbekanntes zutage: Martin Rüther hat zahlreiche Biographien von Widerstandskämpfern recherchiert, hat ihre Netzwerke und Aktionen beschrieben — und ihre Zerschlagung durch die Gestapo. Seine Darstellung ist gut lesbar, die Gliederung so übersichtlich, dass man wie in einer Enzyklopädie die Geschichte einzelner Gruppen aus den sozialistischen Milieus nachschlagen kann.


Martin Rüther hat lange im NS-Dokumentations­zentrum geforscht und gearbeitet und ist Autor von ­Standardwerken zu Köln im Zweiten Weltkrieg und zur Kölner Arbeiterschaft unter dem NS-Regime. Aktuell ­erforscht er die Nazi-Zeit im Oberbergischen Kreis — ­auch das ein noch nicht aufgearbeitetes Kapitel.

Herr Rüther, was ist das Bemerkenswerteste, was Sie bei der Arbeit herausgefunden haben?

Vielleicht zwei Dinge. Zum einen die sozialistischen Zwischengruppen, also die Gruppen, die zwischen SPD und KPD standen und die Blockaden und Spaltungen in der Arbeiterbewegung durch neue Konzepte überwinden wollten. Die waren dann auch im Widerstand sehr aktiv — und sie waren offen für theoretische Diskussionen. Die lebten nicht in einer geschlossenen Welt, wie es für viele Sozialdemokraten und Kommunisten typisch war. Zum anderen der Mut, den vor allem die Leute aus den sogenannten ­Zwischengruppen aufbrachten, dieser hohe persönliche Einsatz. Das war ja brandgefährlich. Wenn man wie die Zwischengruppen den Anspruch hatte, die verschiedenen Fraktionen in der Arbeiterbewegung zusammenzubringen, also Vernetzungs- und Austauscharbeit zu ­leisten, dann war das sogar noch gefährlicher.

Wen haben Sie da im Sinn?

Wessen Akten haben Sie ­ausgegraben? Zum Beispiel Peter Keller aus Nippes, 1914 geboren. Der war in der Jugend der Sozialistischen ­Arbeiterpartei, einer linken SPD-Abspaltung, aktiv und bereitete ab dem 8. März 1933, unmittelbar nach seinem Abitur, seine illegale Tätigkeit vor. Von Köln aus operierte er sogar reichsweit. Das ist beeindruckend, was er da organisieren konnte. Aber schon Anfang September 1933 wurde sein Netzwerk zerschlagen, Peter Keller musste ins Gefängnis. Oder Karl Zimmermann, ein SPD-Mitglied, der auf eigene Faust ab Juni 1933 von Köln aus Widerstand organisiert hat. Er hatte damals für sich notiert: »Entschluss: Du stellst dich deiner Überzeugung voll und ganz zur Verfügung trotz drohendem Gefängnis und ­Verfolgung. Du gehst nicht ins Ausland. Opfer müssen gebracht werden von allen, auch von dir.« Auch Zimmermann musste dann später ins Gefängnis. Zu Leuten wie ihm, der wirklich ein Pionier des Widerstands war, hat die SPD nach 1945 geschwiegen — wohl weil sie unab­hängig handelten und sich nicht zu 100 Prozent an die Vorgaben des Exilvorstands hielten.

Zu Leuten wie Karl Zimmermann, der wirklich ein Pionier des Widerstands war, hat die SPD nach 1945 geschwiegen (Martin Rüther)

Das wäre also Ihre Kritik an der SPD: Sie nimmt zwar für sich in Anspruch, eine Partei im Widerstand gewesen zu sein, aber sie verdrängt gleichzeitig viele Leute, selbst aus ihren eigenen Reihen, die nicht in ihr Bild passten.

Ja. Dieses Verhalten passt überhaupt zum Umgang mit der NS-Zeit nach 1945. Verdrängung betraf in Deutschland alle gesellschaftlichen Bereiche, und auch bei der SPD war sie sehr ausgeprägt.

Wie war die Stimmung in der Kölner Arbeiterbewegung am 29. Januar 1933 — und wie war sie zwei Tage später?

Weitgehend unverändert. Wir neigen heute dazu, den 30. Januar, den Tag der Machterübernahme Hitlers, zu dramatisieren. Die letzte Reichstagswahl lag ein paar ­Wochen zurück, durch die Stadt rollte eine Grippewelle — und dann stand ja noch Karneval an. Die Ernennung ­Hitlers zum Reichskanzler ist in Kölner Zeitungen, und nicht nur in denen, zunächst nicht als spektakuläres ­Ereignis wahrgenommen worden.

Sie zitieren aus den Lebenserinnerungen von Käthe Schlechter-Bonnesen. Sie war damals eine junge Sozialdemokratin und berichtet von einer antifaschistischen Massenveranstaltung in der Ehrenfelder Rheinland-Halle im Sommer 1932. Die Stimmung ist kämpferisch, aber sie gehen alle ratlos nach Hause: »Hans Böckler sagt dort, dass die Arbeiterschaft sich auf keinen Fall dem Pöbel beugen würde und dass man auf jeden Fall kämpfen würde. Aber wie der Kampf hätte aussehen sollen, darüber wurde in den Arbeiterbewegungen nie gesprochen.«

Die jungen Sozialdemokraten haben auf die Befehle von oben gewartet, von den Alten, den Erfahrenen. Aber die kamen nicht. So war es auch im Mai 1933 beim Sturm auf die Gewerkschaftshäuser. Man wartete auf die Ansage von oben. Unter den Jungen gab es Kampfbereitschaft. Da haben Leute auch schon Waffen gesammelt. Aber die Älteren haben nie einen Aufruf zur revolutionären Gegenwehr gestartet. Da gab es keine Impulse. Die SPD bekannte sich zur Verfassung, zur Fahne, und daraus folgte auch eine große Hörigkeit gegenüber dem Staat — dem Staat stellt man sich nicht so ohne weiteres entgegen: Hitler ist legal an die Macht gekommen — und ja, im März gibt es doch noch eine Reichstagswahl. Der Frust an der Basis saß tief, die SA wütete, aber man durfte nicht zurückschlagen. Damals galt noch: Man hört auf die Alten. Die gaben vor, was Sache war.

Würden Sie von einem Versagen der Sozialdemokratie sprechen?

Sie dürfen die Angst nicht vergessen, die sich im Frühjahr 1933 ausbreitete. Diese Schlagartigkeit, diese hohe Geschwindigkeit, mit der die Nazis die »Schutzhaft« angewandt haben, dass man von der Straße weg verhaftet werden konnte und dann in ein SA-Lager kam, wo die Folterer keinen Regeln unterworfen waren: Das kann man sich gar nicht dramatisch genug ausmalen! Schutzhaft konnte alle betreffen, die wurde fast wahllos angewendet. Und jetzt stellen Sie sich vor: Sie sind Sozial­demokrat, sind 50, 60 Jahre alt — das war damals ein hohes Alter. Sie haben Enkel, auch schwere Zeiten mit Arbeitslosigkeit hinter sich. Sie bleiben vermutlich resistent gegen die Nazi-Ideologie, Sie bleiben auch in ihrer Stammtisch-Runde, aber der Schritt zum Widerstand oder in die Emigration ist zu groß. Um es zu ­betonen: Wir unterschätzen immer wieder, mit welcher Brutalität ein Regime Einzelne und ganze Gruppen zu vernichten trachtet. Wir haben es erst jetzt wieder aus syrischen Gefängnissen gehört.

Wir unterschätzen immer wieder, mit welcher Brutalität ein Regime Einzelne und ganze Gruppen zu vernichten ­trachtet (Martin Rüther)

Zu Beginn der Nazi-Zeit sind die Kommunisten am härtesten verfolgt worden. Gab es darüber ein Entsetzen unter den Sozialdemokraten? Nach dem Motto: Erst sie, dann wir? Gab es so etwas wie Solidarität?

Wenn man bedenkt, wie die sich bekriegt haben in der Weimarer Republik, die Sozialdemokraten waren ja aus Sicht der KPD »Sozialfaschisten«, dann denke ich, dass es  im Februar und März 1933 nicht viel gegenseitiges Verständnis, gar Mitleid gegeben hätte. Und gerade die Gewerkschaften haben bis zum 2. Mai gehofft, dass der Kelch an ihnen vorübergehen würde — dann wurden sie ohne Gegenwehr verboten. In Berlin, aber auch in Köln haben 1932 bei Streikaktionen kommunistische und nazistische Gewerkschaftsgruppen gemeinsame Sache gemacht — gegen die Sozialdemokraten. SPD und KPD: Das waren zwei verfeindete Lager.

Was unterscheidet die Kölner Arbeiterbewegung von anderen Arbeiterbewegungen in der Weimarer Republik?

Köln war nie die Industriestadt. Das Selbstverständnis von Köln war das einer Handelsmetropole. Große Indus­trie gab es nur im Rechtsrheinischen, die Kommunisten hatten hier den Schwerpunkt ihrer Agitation. Aber die ­Industriearbeiterschaft war im Kern sozialdemokratisch, ihre Konfliktbereitschaft war nicht sehr hoch. Im benachbarten Aachener Bergbaurevier, bei den Stahlarbeitern im Ruhrgebiet, war erheblich mehr Action.

Sie schreiben auch ausführlich über die Schwarze Front. Das hört sich kurios an: Das waren oppositionelle Nationalsozialisten, für die Hitler ein Verräter war. Insbesondere in Köln haben sie eine sehr umfangreiche Widerstandsaktivität entfaltet und zig Flugblätter produziert.

Da ging viel auf Wilhelm Kayser zurück. Ein aktiver Nationalsozialist vor 1933 und Führer der rheinischen Hitlerjugend. Der hat schon ganz früh, vor der Machterübernahme, gesagt, den Kurs Hitlers kann ich nicht mittragen, der tanzt vor den Industriellen herum, ich bin aber ­Sozialist. Das sind natürlich interessante Biographien.

Wie müssen wir uns das Selbstverständnis der Widerstandskämpfer vorstellen? Haben sie aus einem Schock heraus gehandelt? Haben sie »einfach« weitergemacht?

Man muss zunächst bedenken, dass es nur sehr wenige authentische, zeitgenössische Quellen dafür gibt. »Nieder mit den Notizen« hieß ja eine Parole, alles Schriftliche konnte der Gestapo in die Hände fallen. Wenn die Leute über ihre Zeit im Widerstand berichten, dann tun sie das rückblickend und aus großem zeitlichen Abstand, das ist immer auch ein Stück weit überformt. Eine Ausnahme bilden die Notizen von Karl Zimmermann, über den wir schon gesprochen haben. Aus ihnen geht ganz klar hervor, dass er sich der Schwere der Entscheidung bewusst war und das zeitgleich zu Papier brachte. Ich würde das nicht als Schock bezeichnen. Denn Zimmermann wägt ab, versucht seine Schritte klug zu planen. Aber er spürte diesen Ruck: Wir müssen jetzt was tun.

Erschreckend ist, wie schnell es der Gestapo gelang, die Widerstandsgruppen, die Sie darstellen, zu infiltrieren.

Das kann man so nicht sagen. Es gab keine systematische Infiltration, die Quellenlage gibt das nicht her. Häufig spielte der Zufall eine große Rolle, ob eine Gruppe ­aufflog, noch häufiger Denunziationen. Man darf nicht vergessen, was für eine vergleichsweise kleine Behörde die Gestapo war, auch in Köln. Die waren auf Zuträgerdienste angewiesen.

In seinen Erinnerungen schreibt der Kölner Widerstandskämpfer Ludwig August Jacobsen, damals ein unabhängiger Kommunist: »Überall drohte Verrat. Jeder fühlte sich von tausend Augen und Ohren belauert. (…) Es war ein hoffnungsloser Kampf. Einsam werden die aktiven ­Antifaschisten. Sie leben in einer Umwelt, die sie immer ­weniger versteht, nicht mehr verstehen will.« Das muss doch für ihn und seine Leute ein Hohn gewesen sein, als Konrad Adenauer in den 1950ern öffentlich bekundete, Köln sei eine Stadt des Widerstandes gewesen. Wo blieb der ­Aufschrei?

Gegenfrage: Was hätte er machen können in den 1950ern? Kaum einer hätte auf ihn gehört. Und Jacobsen hat es durchaus noch einige Jahre versucht, er wollte nach 1945 eine sozialistische Alternative zu SPD und KPD aufbauen. Ich denke, die 50er und 60er Jahre waren von einem starken restaurativen Geist geprägt. Das fängt schon früher an, mit der Entnazifizierung. Es gab eine breite Stimmung, dass das Siegerjustiz ist. Wer sich zum Widerstand bekannt hätte, hätte im Alltag sogar Ärger bekommen können — nach 1945! Das hat keine Bewunderung ausgelöst. Bei Leuten wie Jacobsen hat sich schließlich Resignation breit gemacht, da war er nicht der einzige.

Ihr Buch endet mit dem lakonischen Satz, aus den ­gewonnenen Erkenntnissen »weiterhin die richtigen Schlüsse für Gegenwart und Zukunft zu ziehen.«

Da geht es weniger darum, wie man Widerstand organisieren müsste, sondern darum, dass man es dazu — zu einer ­Diktatur, einem totalitären Regime — nicht kommen lässt. Das ist für mich der Sinn von Geschichtswissenschaft, den Leuten zu zeigen, so war es damals und so ist es dazu gekommen. Und unsere Aufgabe besteht darin, ein nächstes Mal zu verhindern.