Schürft nach Bedeutungen, um den Schrecken zu bannen: Muqata’a in Monheim Foto: Niclas Weber

Das Geräusch als psycholo­gische Waffe

Der palästinensische Klangkünstler Muqata’a ist einer der Stars der diesjährigen Monheim Triennale

Unter die geographische Fragmen­tiertheit, erkennbar in Fairouz ­Hasans Aufnahmen, die unterwegs zwischen verschiedenen ­Orten in Palästina entstanden sind, legen sich Subbässe. Ein »Bett aus Bass, das winzige, aber scharfe Klänge trägt«, wie ­Muqata’a im Interview mit Künstlerin Yuko Asanuma für die ­Monheim Papers erklärt. Unterbrochen von den Muqata’a-typischen Klängen, Klicks und Glitches, die selbst eine Collage oder Geographie zeichnen, sich abheben, aufwühlen. Mit »False Vectors« werden Hasan und Muqata’a zum zweiten Mal seit ihrer Artist Residency in Monheim ihre ­ge­mein­same Arbeit zeigen.


Denn der palästinensische Mu­siker, DJ und Producer Muqata’a ist als einer von sechzehn Signature Artists zur Monheim Triennale eingeladen. Der dreijährige Veranstaltungszyklus endet Anfang Juli mit der finalen Edition der Monheim Triennale II: The Festival. Im Rahmen des Festivals wird der Soundkünstler zusammen mit der palästinensischen Videokünstlerin Fairouz Hasan ihre im letzten Jahr begonnene audiovisuelle Zusammenarbeit fortsetzen. Bereits die Premiere ihrer Kooperation im ­Januar setzte mit traditioneller arabischer Musik ergänzte elek­tronische Klangteppiche neben Bilder einer Autobahnfahrt durch Gaza. »Re-Construction« hieß die Weltpremiere im Rahmen eines Hauskonzerts in der Monheimer Villa am Greisbachsee.


Muqata’as Arbeiten sind durch­zogen von der Zusammenarbeit mit anderen Artists. 2002 gründete er als MC Boikutt zusammen mit seinem Bruder Adwatt und Rapper Stormtrap das HipHop Kollektiv »Ramallah Underground«. Ihre Mischung aus HipHop, Down­tempo und Electronic hatte zum Ziel, der jungen Generation von Palästinenser*innen eine Stimme zu geben. Erfolgreich: Ihr Rap auf arabisch trug wesentlich zur ­Entstehung einer HipHop-Szene in Ramallah bei. Bis 2009 tourte das Trio, spielte live in Bethlehem, Wien, London, Brüssel, Kairo, ­Antwerpen, Amman, Hamburg, Prag, Rome, Liverpool, … 2009 ­erschien ihr Song »Tashweesh« auf dem Album Floodplain des ­renommierten amerikanischen Kronos Quartets. Elektronische Sounds untermalen hier die ­wunderschönen bis klagenden Töne des Streichquartetts.

Muqata’a — das ist ­raffinierter, bisweilen dichter Noise, immer wieder unterbrochen von unvorhersehbaren Pausen, Abbrüchen, Stückelungen

Tashweesh, das arabische Wort für Verzerrung, wird zum Namen des derzeitigen Projekts von Muqata’a. Darin verflechtet er zusammen mit den Küstler*innen Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme Sound, Musik, Bild und Text zu Performances und Installationen. Auch hier werden Field Recordings, Archivmaterial, Gesang, Soundscapes und abrupte Pausen zu Erfahrungen und ­Kollisionen verwoben. Das einzige Lied von Tashweesh auf Spotify mit dem passenden Titel »Untitled — Live« klingt nach einer ­dokumentarischen Sound-Doku, die zeitweise geisterbahnähnliche Klangkulissen durch das Aneinander- und Aufeinanderlegen von Soundspuren erzeugt.


Die gesampleten Sounds ­haben für Muqata’a etwas mit Identität zu tun. Er sammelt Töne von den vielzähligen Check-Points in der West Bank und von Militärfahrzeugen. »It is like a war of sounds«, sagt er in einem Interview mit DJ Nikita Rasskazov und erklärt, wie F-16 Jets dazu genutzt werden können, das Geräusch einer Explosion zu erzeugen — wie viel Angst und Spannung diese als psychologische Waffe eingesetzten Geräusche hervorrufen. Das Aufnehmen und Dokumentieren dieser Sounds ist für ihn ein Weg, mit dem andauernden Ausnahme­zustand in Ramallah umzugehen.


Hinzu kommt sein gesampeltes Material von Schallplatten und Tonbändern aus der gesamten ­Region um Palästina. Über Jahre digitalisierte und archivierte ­Muqata’a zusammen mit einem Freund alle Vinyls, die sie finden konnten. Aus dieser Sammlung entsteht raffinierter, bisweilen dichter Noise — immer wieder unterbrochen von unvorhersehbaren Pausen, Abbrüchen, Stückelungen, die die Erschütterungen des unvorhersehbaren und durch Aussetzer geprägten Alltags in ­Ramallah umformulieren.


2013 erschien Muqata’as erstes Soloalbum, ein heftiges HipHop-Album, unterlegt von Bässen, die die Organe angehen. Schon der erste Track startet düster mit wabernden Sounds. Auf der halbstündigen Reise wird es zeitweise tanzbar, zeitweise noizy und massiv. Bedrückende Basslines werden von jazzigem Klavier ergänzt. Stressige, bisweilen panisch klingende Rhythmen, die sich zum Folgetrack in etwas melodiöses auflösen. Das Klavier steht diesmal im Vordergrund, dazu der Bass begleitend — bis das Störgeräusch die Melodie bricht, ergänzt, verändert, sich zu einem hohen Ton wie Kopfschmerz entwickelt, dazu dringlicher werdender Rap, wieder unterbrochen durch Störgeräusche, die auf das Rauschen bei der Radiosendersuche hinweisen. Weniger Aufregung besetzt die Stimme des MCs. 2016 erschien eine Remix-Version von Hayawan Nateq auf dem Label Jon Kennedy Federation. Diese Version des ­Albums wirkt smoother, sanfter, weniger radikal als das Original.


Muqata’as letzte Alben, ­»Inkanakuntu« von 2018 und ­»Kamil Manqus« von 2021 kommen ganz ohne Rap aus. Beide klingen von Anfang an bedrückend, bedrohlich. Der Bass ist vollvereinnahmend zurück und schafft ein Grundrauschen, hinzu kommt auf »Inkanakuntu« ein Knistern — ist es Feuer? Das Knistern einer Plattennadel, bevor das Lied beginnt? Gesangsversatzstücke traditioneller Musik werden rhythmisch gesampelt, abermals gestoppt, unterbrochen, auseinandergerissen. Ein blecherner, ­industrieller Sound, gleichzeitig düster, verspielt und ernst.


Auf »Kamil Manqus« beschäftigt sich Muqata’a mit dem esoterischen Glaubenssystem »Simya«. Muqata’a deutet Simya, die spirituelle Alchemie-ähnliche Praxis aus dem Sufismus, der mystischen Strömung des Islam, für seine Zwecke metaphorisch um und kreiert so seine eigenen Muster, mit seinen Vorfahren zu kommunizieren. Auf dem gleichnamigen Song reihen sich zerschossene ­traditionelle Samples aneinander, werden verzerrt, geloopt, rhythmisiert. »Ich denke, dieser ganze Aspekt der Fragmentierung und Unberechenbarkeit spiegelt sich auch in unserer Arbeit wider, in den Rhythmen, Klängen und ­Bildern, aus denen unsere Performance besteht.«, beschreibt ­Muqata’a in den Monheim Papers.


In ihnen kündigt er auch an, bald neues Material zu veröffent­lichen, auf dem er wieder selbst rappt. »Ich habe das Gefühl, dass ich gerade in einer Phase bin, in der ich alles, was ich vorher getrennt habe, wieder zusammen­füge. Ich habe aufgehört, es als ­getrennte Dinge und Projekte zu sehen. Ich rappe, ich produziere, ich arbeite mit visuellen Künstler:innen, ich arbeite mit anderen Rapper:innen — einfach alles ­zusammen.«, erklärt er im ­Gespräch mit Yuko Asanuma.


Momentan stehen seinem Schaffen nicht nur die in­fra­strukturellen und logistischen Schwierigkeiten einer Heimat zwischen Berlin und Ramallah im Weg, auch fällt es bei all dem, was gerade in Palästina passiert unglaublich schwer, Zeit, Kapazität und Energie für Performances aufzubringen. Außerdem drängen sich ihm Fragen auf: »Was drücken wir aus? Worüber sprechen wir? Sollen wir uns überhaupt äußern? Ist es jetzt der richtige Zeitpunkt, sich durch Kunst auszudrücken?«

Muqata’a auf der Monheim Triennale: »False Vectors«, 5.7., Sojus 7

Text: monheim-triennale.de/de/papers/fragmented-reality-and-new-modes-of-survival

Veröffentlichungen: muqataa.bandcamp.com