»John wollte sich wirklich die Hände schmutzig machen«
In den letzten Jahren gab es mehrere Dokumentarfilme über die Beatles. Sie konzentrieren sich auf die Zeit nach dem Ende der Band, als John Lennon und Yoko Ono 1971 nach New York gezogen sind. Was hat Sie daran interessiert?
Zu Beginn ging es nur um das berühmte Benefizkonzert im Madison Square Garden 1972, von dem wir erstmals restaurierte Aufnahmen hatten. Ich versuchte herauszufinden, wie es zu diesem Konzert kam und stellte schnell fest, dass es darauf keine einfache Antwort gibt. In einem Interview hat John Lennon erzählt, wie er und Yoko in die USA gekommen sind und das Land durch das Fernsehen kennengelernt haben. So ist die Idee zu einer filmischen Collage ihrer Einflüsse entstanden: privat und was politisch und sozial passierte. Es gab so viel Material aus der Zeit, den Konzertmitschnitt, Fernsehauftritte, aber auch viel Alltägliches: Homevideos, Telefonate. Faszinierende Fragmente, aber keine stringente Geschichte. Das Publikum muss sich selbst ein Bild davon machen, wer die beiden damals gewesen sind.
Was sind die Gründe für das Paar gewesen, von London nach New York zu ziehen?
Sie sind aus Großbritannien weggezogen, in der Hoffnung, damit auch ihrem Leben im Scheinwerferlicht zu entgehen. Sie zogen in eine winzige Wohnung im West Village, das damals noch eine ziemlich raue Gegend war. Viele Zeitgenossen haben beschrieben, wie man einfach an ihre Tür klopfen und hereinkommen, sich auf ihr Bett setzen und plaudern konnte. John war auf der Suche: Was ist ein gutes Leben? Wie führt man eine Liebesbeziehung zwischen Gleichberechtigten? Gleichzeitig trifft er sich mit Bürgerrechtlern und Aktivisten, will die Welt verbessern.
Das Publikum muss sich selbst ein Bild davon machen, wer die beiden in diesem Moment sind
Sie haben für den Film die Wohnung der beiden nachgebaut. Warum?
John und Yoko haben Amerika vor allem über das aktuelle Fernsehen erlebt, die Nachrichten und Talkshows, aber auch Serien und Werbeclips. Mit dem Nachbau versetze ich das Publikum in ihre Lage. Es sitzt auf diesem Bett und sieht auf dem kleinen Bildschirm, was damals gesendet wurde. Von der Originalwohnung gab es nur wenige Fotos, die wir alle mit der Lupe untersucht haben, um sie möglichst exakt nachzustellen.
Ist Lennons Engagement für heutige Promis ein Vorbild?
John wollte sich wirklich die Hände schmutzig machen und dafür bewundere ich ihn. Die großen Stars würden sich heute nie derart zu etwas bekennen wie Lennon, aus Angst Angebote und Fans zu verlieren. John versuchte, seine Berühmtheit auf eine gute Art und Weise zu nutzen. Diese Zeit ist auch ein Lernprozess für ihn, weg von der »Weltrevolution«, hin zur ganz konkreten Hilfe. So kam dann auch die Idee zum Benefizkonzert für das Heim für Kinder mit Behinderung zustande.
Wollten Sie dabei auch das öffentliche Bild Yoko Onos korrigieren?
Sie wurde immer wieder von den Medien angegriffen, teils rassistisch und teils, weil sie eine eigenständige Frau und Künstlerin war, die sich nichts gefallen ließ. Für mich ist es eine Beziehung auf Augenhöhe, geprägt von gegenseitigem Respekt. Das ist sehr ungewöhnlich für diese Zeit, zumal er ein Weltstar ist. Sie verändert ihn als Künstler, zeigt ihm einen Weg , um etwas Neues zu machen. Doch selbst ich als großer Lennon-Fan wusste nicht, dass sie eine Tochter namens Kyoko hat, die von ihrem leiblichen Vater entführt worden ist. John und Yoko ließen jahrelang nach ihr suchen und haben dafür Millionen Dollar ausgegeben. Da erscheinen manche Performances in einem anderen Licht, als Ausdruck einer Trauer und Wut um den Verlust ihrer Tochter.
Ein Schatz sind die zahlreichen Telefonate, die das Paar aufgezeichnet hat. Was steckte dahinter?
Sie hatten den Verdacht, vom FBI abgehört zu werden und zeichneten Anrufe auf, um selbst Beweise zu haben. Aber es gibt große Lücken. Wir waren wie Archäologen, die versuchen, aus kleinen Fragmenten das große Bild zu rekonstruieren. In gewisser Weise ist dieser Film eine Metapher dafür, wie wir alle Vergangenheit interpretieren, unsere eigene Familiengeschichte etwa, der wir erst im Rückblick, aus einzelnen Momenten zusammengesetzt, einen Sinn verleihen.