Installationsansicht mit Selma Selman (links) © Frauenmuseum Bonn

Herstory statt History

Vigilantinnen, Kriegs- und Mordopfer, Künstlerinnen im Frauenmuseum

Was ist Heldinnentum? Und wie kann die (Kunst-)Geschichte aus einer weiblichen Perspektive neu geschrieben werden? Diesen ­Fragen widmet sich die Ausstellung »HELDINNEN/SHEROES« im Frau­enmuseum Bonn und lockt mit Namen international erfolgreicher Künstlerinnen wie Marina Abramo­vic, Ewa Partum, Selma Selman oder Pussy Riot.


Auffallend ist, dass alle diese Künstlerinnen aus dem osteuropäischen Raum kommen und vor­wiegend performativ arbeiten. Die von ihnen ausgestellten Arbeiten sind widerständig, entwerfen Gegenbilder, machen auf Missstände aufmerksam — jedoch in historisch wie geographisch sehr unterschied­lichen Kontexten. Während sich Partum mit »Pirouette«, damals — 1984 — bereits nach Westberlin emigriert, nur mit Schlittschuhen bekleidet durch das Zertreten ihres eigenen Spiegelbildes gegen patriarchal geprägte weibliche Rollen­bilder wandte, durchlebt Selman in »Crossing the Blue Bridge« (2024) rückblickend eine traumatische Erfahrung von Mutter und Schwester, die sich 1994 im Bosnienkrieg ereignete. In dem in Bonn gezeigten 47-sekündigen Ausschnitt der Videoarbeit im Loop sehen wir die Künstlerin ­die scheinbar endlose Alija-Izetbegovic-Brücke entlang rennen, deren Ende sie jedoch nie erreicht.


Pussy Riot zeigen mit »Swan Lake« (2023) das Video eines Protestsongs, das sich gegen russische Staatspropaganda richtet. Weiter finden sich Werke, die sich in ihrem jeweiligen Medium mit Heldinnen auseinandersetzen, die für eine gerechtere Welt kämpften und dafür mit dem Leben bezahlten. Erzählungen von indigenen Heldinnen gehören genauso dazu wie die Erinnerung an Jina Mahsa Amini, deren Tod die »Frau, ­Leben, Freiheit«-Proteste im Iran auslöste, oder an Sophie Scholl.


Auch wenn es den Kuratorinnen Marianne Pitzen und Regina Hellwig-Schmid zugute zu halten ist, Kampf und Schicksal all dieser Frauen zu würdigen, sie ins Gedächtnis zu rufen und eine neue, dezidiert weibliche (Kunst-)Geschichte im Sinne einer »Herstory« zu schreiben, in der diese Stimmen gehört werden, so wirkt die Zusammenstellung an mehreren Stellen beliebig und die Konzeption wenig durchdacht. Das Nebeneinanderstellen der zeitlich und geografisch äußerst heterogenen Kontexte und das Gleichmachen von Krieg, Völkermord, Rassismus, Femiziden, struktureller Unterdrückung und feministischem Widerstand wird den Werken und ihren Schöpferinnen, und so letzt­lich auch den weiblichen Heldinnen der (Kunst-)Geschichte nicht gerecht — und das hätten sie mehr als verdient.

Frauenmuseum Bonn, Im Krausfeld 10, bis 31.12.; Di–Sa 14–18 Uhr, So 11–18 Uhr