Wenn es kein Foto der Autorin gibt: Illustration aus »Die blutige Kammer«

Sex mal anders

Angela Carter schreibt Märchen ohne Verdruckstheit und mit feministischem Subtext

Das Latente manifest zu machen — das hatte Angela Carter im Hinterkopf, als sie in den späten 70er Jahren an ihrer Kurzgeschichtensammlung »Die blutige Kammer« gearbeitet hat, die jetzt in einer neuen Übersetzung vorliegt. Die darin versammelten Geschichten sind von europäischen Märchenklassikern inspiriert. Und deren latenter Inhalt ist voll mit Sexualität. Dornröschens Bluttropfen im weißen Schnee, anyone?


Für Carter ist dieser Subtext Anlass für eine Exploration weiblicher Heterosexualität. ­»Jeder Strich seiner Zunge riss mir ­Hautschicht um Hautschicht ab, sämtliche Hautschichten eines ­irdischen Lebens«, schreibt die Erzählerin, die sich in Carters ­Version von »Die Schöne und das Biest« in das Biest verwandelt ­anstatt in einer vermeintlich ­tugendhaften Weiblichkeit zu verharren.


Die Sexualität in Carters ­Märchen lässt dabei die Schattenseiten realen Begehrens nicht aus. In der Titelgeschichte, einer Variation von »Blaubart«, soll eine ­namenlos bleibende Erzählerin in das Schloss eines Marquis ziehen, dessen bisherige vier Ehefrauen gestorben sind, und deren Leichen sie in einem verschlossenen Kabuff, der »blutigen Kammer« entdeckt. Lange wurde diese Kammer als Symbol für den Tod im Kindsbett interpretiert, in ­Carters Variante tritt diese Gefahr in den Hintergrund und macht so Raum für die Gefahren männlicher, sadistischer Gewaltfantasien und weiblicher Passivität.


Schauer, Grusel, Spannung — Carters Geschichten lassen dabei keine Affekte aus. In ihrem Schreiben findet sich kein Widerspruch zwischen einer Prosa, die hochartifiziell und mit Referenzen auf die Literaturgeschichte durchsetzt ist und der Fabulierlust, die das Worldbuilding von Märchen auszeichnet. Der ­Marquis aus »Die blutige Kammer« ist ein Variation des Autors Marquis de Sade, dessen Roman »Justine« Carter ausgiebig studiert hat, um »die größte männliche Fantasie über Frauen« kennenzulernen. Passenderweise ­findet er in ­Carters Geschichte sein gerechtes Ende — mit einer Kugel im Kopf.


Denn Carters Geschichten zeichnet auch ihr Witz aus. Das wird besonders deutlich, wenn sie dem Lieblingstier des Literaturzirkus ein Denkmal setzt: der ­Katze. In »Der gestiefelte Kater« wird diese zur Todesfalle eines eher lästigen Ehemanns. Der Grund: Sie liegt friedlich herum, als er über sie stolpert, die Treppe herunterfällt und sich das Genick bricht. Männer sind halt Trottel — auch im Märchen.

Angela Carter: »Die blutige Kammer«, Suhrkamp, 237 Seiten, 25 Euro