Klein-Zürich am Neumarkt
Die »Verwahrlosung« auf Plätzen wie dem Neumarkt oder Friesenplatz ist eins der großen Wahlkampfthemen der anstehenden Kommunalwahl. Wie soll man mit den vielen Drogenabhängigen in der Stadt umgehen? Darüber sind die Verantwortlichen uneins. Polizeipräsident Johannes Hermanns bescheinigte dem 2022 eröffneten Drogenkonsumraum am Neumarkt, er sei »ein Eldorado für Dealer und auch für die Konsumenten« und in seiner jetzigen Form gescheitert. Und in den vergangenen Monaten hat sich rund um St. Joseph an der Venloer Straße in Ehrenfeld auch noch ein neuer Hotspot etabliert. Gerät die Lage in Köln außer Kontrolle?
Die Szene sei nicht größer geworden, sie habe sich aber stark verändert, sagt Stefan Lehmann. Lehmann arbeitet beim Gesundheitsamt und koordiniert das »Aufsuchende Suchtclearing« für ganz Köln und den Drogenkonsumraum am Neumarkt. Denn Crack ist in Köln zur vorherrschenden Droge aufgestiegen. Crack ist Kokain, das man rauchen kann. Es führt zu einem schnellen, intensiven Rausch, der aber nur kurz anhält und extrem abhängig macht. Vieles, was man unter dem Begriff Verwahrlosung zusammenfasst, lässt sich Lehmann zufolge auf die Wirkung dieser Droge zurückführen. Das aggressive, enthemmte Verhalten vieler Konsumenten, der rasche körperliche und psychische Verfall. Dieser spielt sich vor aller Augen ab, genau wie der Konsum, für den sich viele — anders als beim Spritzen von Heroin — nicht mehr zurückziehen. »Einen Crackstein legt man in die Pfeife und raucht ihn im Vorbeigehen. Das ist eine Sache von Sekunden.« Hinzu komme, dass viele rund um die Uhr konsumieren, weshalb sie nicht mehr in Notschlafstellen, sondern auf der Straße schlafen.
Seit dem Jahreswechsel haben Polizei, Ordnungsamt und KVB ihre Kontrollen verstärkt und sprechen Platzverweise aus. Dadurch sind die Menschen ausgewichen — in Wohngebiete wie Ehrenfeld und das Griechenmarktviertel. »Das macht es unseren Streetworkern schwerer, ihre Leute zu erreichen«, sagt Lehmann.
Daniel Deimel, Suchtforscher an der TH Nürnberg, hat am Neumarkt zwei Befragungen in der offenen Drogenszene durchgeführt. Während 2023 noch 21 Prozent der Befragten in den letzten 24 Stunden Crack konsumiert hatten, waren es 2024 schon 54 Prozent. »Und diese Entwicklung ist noch nicht am Ende«, sagt Deimel. Er widerspricht der Aussage des Polizeipräsidenten, der Konsumraum habe eine Sogwirkung entfaltet. »Crack ist Schuld an der Verelendung, nicht der Konsumraum«, sagt er. Der Konsumraum sei aber viel zu klein. »Die Suchthilfe ist noch nicht auf Crack-Konsum ausgelegt. Sie muss schnell angepasst werden.« Je länger man warte, desto mehr verschlechtere sich die Lage der Konsumenten, und die sozialen Konflikte nähmen zu. Für Anwohner und Geschäftsleute sei die Situation unzumutbar. »Ich sehe nur eine Möglichkeit, die offene Drogenszene am Neumarkt aufzulösen: Ein großes Suchtzentrum mit Konsumraum, Tagesruhebetten, Beratung, Sanitäranlagen, Essensausgabe«, so Deimel. Dies könne aber nur funktionieren, wenn dort, wie in Zürich, der Mikrohandel von Konsument zu Konsument toleriert werde. Dafür brauche es eine Übereinkunft mit Staatsanwaltschaft und Polizei. »Wenn Crack-Konsumenten die Einrichtung zum Kauf verlassen müssen, kommen sie zum Konsum nicht zurück. Dies funktioniert noch beim Heroinkonsum, nicht aber bei Crack.«
Wir schrauben die Ansprüche an die Nutzung herunter. Eigentlich sollte es günstiger werdenStefanie Ruffen, FDP
Das »Zürcher Modell« wird derzeit viel diskutiert, die grüne OB-Kandidatin Berivan Aymaz etwa wirbt offensiv dafür. In Zürich gelang es in den 90er Jahren, die einst größte offene Drogenszene Europas zu befrieden, indem die Stadt Konsum- und Aufenthaltsräume einrichtete und die Sozialarbeit verstärkte. Seither spielt sich der Drogenkonsum vor allem in den Einrichtungen ab und weniger in der Öffentlichkeit. Während die Polizei im öffentlichen Raum hart vorgeht, werden Konsum und auch Kleinhandel in den Einrichtungen geduldet. Nutzen dürfen die Suchthilfe allerdings nur Menschen mit Wohnsitz in Zürich.
Auch in Köln war ein größeres Suchthilfezentrum schon vor Jahren in Planung: In einem leerstehenden Geschäft neben dem Gesundheitsamt, mit Café und Aufenthaltsräumen. Doch als die Pläne öffentlich wurden, protestierten Anwohner und Geschäftsleute — und der Vermieter zog den Vertrag zurück. Der daraufhin eingerichtete Konsumraum im Gesundheitsamt sei nur eine »Notlösung«, sagt Ralf Unna (Grüne), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses. Jetzt wittert Unna die Chance, doch noch ein großes Suchthilfezentrum einzurichten, und zwar in der ehemaligen Kaufhofzentrale, die die Stadt vor drei Jahren angemietet hat, aber noch immer leersteht (siehe S. 13). Auch die renovierungsbedürftige Substitutionsambulanz an der Lungengasse, in der Drogenersatzstoffe ausgegeben werden, soll nach Unnas Vorstellung dorthin umziehen.
»Wir wollen ein umfassendes Angebot machen mit Substitution, Konsumraum, Aufenthaltsräumen und einem Café, das von den Jungs selbst betrieben wird«, sagt Unna. Die Grünen versuchen nun, andere Fraktionen für die Idee zu gewinnen. Auch auf tolerierten Kleinhandel wolle man hinwirken. »So könnte man die Leute vom Neumarkt holen.«