Im Nichtstun liegt die Kraft

Urlaub — endlich korrekt erklärt

Materialien zur Meinungsbildung

Mir graut vor der Urlaubszeit, denn alle Welt versteht den Urlaub falsch und nennt mich, der ich den Urlaub und die Idee dahinter durchdrungen habe, einen Urlaubsmuffel. So werden heutzutage die Fakten ver­dreht! Offenbar weiß nur ich, dass der Urlaub sich durch die Abwesenheit von Arbeit definiert. Das ist doch nicht schwer zu begreifen. Nota bene: Man trägt im Kalender den Urlaub ein. Niemand trägt im Kalender die Arbeitstage ein, oder? Also ist der Urlaub die Abwesenheit von etwas, nämlich der Arbeit. Quod erat demonstrandum. Aber die Menschen können sich Abwesenheit weder vorstellen noch aushalten. Dabei kann Abwesenheit wundervoll sein.
Wir schätzen zu wenig die Abwesenheit von etwas Schlechtem und bejubeln zu leichtfertig die Gegenwart von vermeintlich Gutem, das aber wiederum Arbeit macht. Warum freuen wir uns nicht tagaus, tagein über die Abwesenheit von Schüttelfrost, Fruchtfliegen oder darüber, dass wir nicht bis ans Ende unserer Tage durch einen drittklassigen Skulpturenpark schlendern müssen?
Doch es braucht Übung, sich die Abwesenheit vorzustellen und ihre Schönheit zu erkennen. (Allzu schnell denkt man ja bei der Abwesenheit von Tobse Bongartz an Tobse Bongartz, das ist ein Problem.) Den Menschen reicht die Abwesenheit nicht, sie wollen sie ersetzen, ein horror ­vacui ergreift sie, alles wollen sie ausfüllen, zuschütten, verstopfen mit irgendetwas: Statt sich im Urlaub über Nicht-­Arbeit zu freuen, muss die Arbeit ersetzt werden: durch Fernreisen in Länder, die für unsereins mit lauter Fettnäpfchen vollgestellt sind; durch Besuche bei Leuten, denen wir mit selbstgebackenem Kuchen auf den Wecker gehen; durch »Projekte für daheim« und home improvement. Ständig muss etwas gemacht ­werden — und eben das wird dann wieder zur Arbeit, zur Zerstörung der Idee des Urlaubs, jedenfalls für sensible Gemüter wie mich. 
Schon ab Neujahr werde ich genötigt zu sagen, wo es denn hingehe? Ja, den Bach runter, was denn sonst? Nein, nein, wo ich denn Urlaub mache, will man wissen. Immer dieser Druck. Ich möchte einfach die Zeit verstreichen ­lassen, statt sie auszunutzen. Balkonien ist ein ganz verwunschenes kleines Nest, das vom Massen­tourismus noch verschont geblieben ist, glaubt mir. 
Auch Gesine Stabroth will immer was machen. Wenn das Geld für eine Reise fehlt, dann fällt Gesine Stabroth bestimmt »irgendwas, das man zu Hause machen kann« ein. Selbst »11 Tipps für die Stadt bei Regen« hat sie sich einflüstern lassen, sicher auch »11 Tipps für die Stadt bei Erdbeben«. Und ringe ich mich durch, mitzumachen , muss ich immer auf Gesine Stabroth irgendwo warten, weil sie noch schnell was machen muss. Wenn wir dann durch einen drittklassigen Skulpturenpark in ­einem strukturschwachen Gebiet geschlendert sind oder uns ein schlechtes, aber »gerade jetzt« sehr wichtiges Theaterstück angeschaut haben, bemerke ich, dass die Zeit, in der ich auf Gesine Stabroth gewartet habe, die vergnüglichste des Tages war. Da war einfach nichts außer Nichts. Denn was ist Warten anderes, als ein Nichts mit einem Ende hintendran? Dass das Warten mein Top-Highlight war, liegt aber gar nicht daran, dass  Gesine Stabroth nicht da war — warum versteht Gesine Stabroth das denn falsch? Sondern es liegt daran, dass der Skulpturenpark und das Theaterstück noch nicht da waren! Ich hätte sehr, sehr gern mit Gesine Stabroth auf Gesine Stabroth gewartet, wirklich! Solche komplexen Komplimente kommen aber nicht an, und dann gibt es wie­der Streit und ich fülle die Abwesenheit von Gesine Stabroth mit Arbeit aus, mit Bierholen und Fern­sehereinschalten, mitten im Urlaub.