Auf dem falschen Rave: Sergi López, Bruno Núñez

Sirât

Óliver Laxe findet in der marokkanischen Wüste Utopie und Apokalypse

Dünner als ein Haar und schärfer als ein Schwert ist die Brücke zum Paradies, die alle Menschen am Tag des Gerichts überqueren müssen. Jede kleinste Abweichung vom geraden Weg führt unweigerlich zum Fall in die Hölle. ­As-Sirât heißt diese Brücke, dieser Weg im Islam.

Einen geraden Weg hat die Gemeinschaft, die Óliver Laxe zu Beginn von »Sirât« zeigt, längst verlassen — und sich ihr eigenes Paradies erschaffen. Hände schichten Lautsprecherboxen aufeinander, Sicherungen werden umgeworfen, die Elektrizität beginnt zu summen. Sirrende Sounds wie von einer elektronischen Monsterzikade erfüllen die Luft, gerade Beats schlagen wohlig in die Magengrube. Ein Techno-Rave beginnt, nicht in einem Club, sondern vor majestätischer Felskulisse, rot leuchtend im Abendlicht. In die marokkanische Wüste hat es eine internationale Gruppe von Glückssuchern verschlagen. Keine Clubkids, vor den Boxen hat sich eher eine Mischung aus Crust-Punks und Neo-Hippies versammelt, abgehärtete Gestalten, Wüstennomaden eines postmodernen Stammes, als feierten »Mad Max«-Statisten am Set eine Party.

Luis fällt direkt auf als Fremdkörper in dieser Welt. Der spanische Familienvater mit dem schnell überfordert wirkenden Blick ist mit seinem kleinen Sohn und dessen Hund in einem Campervan zum Rave gefahren. Er sucht seine vor fünf Monaten verschwundene erwachsene Tochter. Luis verteilt Handzettel mit ihrem Bild, doch niemand scheint sie ­gesehen zu haben. Eine Gruppe von Ravern gibt ihm einen Tipp: Vielleicht kommt sie ja zu dem Rave weiter im Süden, Richtung Mauretanien.

Am Morgen tanzen die Raver immer noch — bis sie jäh unterbrochen werden von Soldaten in gepanzerten Armeefahrzeugen. Mit vorgehaltenen Waffen zwingen sie die europäischen Ausländer, sich mit ihren Autos auf die Heimreise machen. Der Grund: Der Dritte Weltkrieg ist ausgebrochen.

Ein vom Militär begleiteter Konvoi der Raver macht sich auf Richtung Europa. Doch in einem günstigen Moment brechen ein paar Fahrzeuge aus und fahren quer in die Wüste, auf der Suche nach dem Rave im Süden. Ihnen folgt Luis spontan, in der Hoffnung, die Tochter zu finden. Er hat den geraden Weg verlassen — und zunächst ist unklar, ob es ihn in den Himmel oder in die Hölle bringen wird.

Der Weltuntergang ist die Domäne Hollywoods. Eher selten wagen sich Regisseure aus dem europäischen Kunstkino-Bereich an die Apokalypse 

Der Weltuntergang ist die Domäne Hollywoods. Eher selten wagen sich Regisseure aus dem europäischen Kunstkino-Bereich an die Apokalypse — wenn sie nicht gerade mit dem Selbstbewusstsein und der visuellen Gabe eines Lars von Trier ausgestattet sind, der in »Melancholia« (2011) einen inneren Kollaps allegorisch ins Planetarische verschoben hat. Vielleicht mangelt es hier am Geld für die spektakulären Visionen und am Mut, die Pfade des Realismus ins Reich des Spekulativen zu verlassen. Doch Óliver Laxe, in Frankreich geborener Sohn galizischer Eltern, der vor allem in Marokko seine Filme dreht, zeigt sich mit »Sirât« als furchtloser Visionär eines Weltuntergangs.

Die Wüstenschauplätze nutzt er mit seinem langjährigen Kameramann Mauro Herce zu spektakulärem Effekt: als träfe Michelangelo Antonionis mystische Hippieversion des Death Valley in »Zabriskie Point« auf die postapokalyptische Anarchozone aus den »Mad Max«-Filmen. Zugleich weiß Laxe die Spannungsschraube immer weiter anzuziehen: Luis’ Campervan erweist sich als alles andere als Offroad-tauglich, die Spritvorräte gehen zur Neige und wie vertrauenswürdig sind überhaupt diese seltsamen Gestalten, mit denen sich der Familienvater auf die Reise begeben hat? Aus dem Radio kommen derweil immer neue Meldungen vom eskalierenden weltweiten Konflikt.

Zunächst könnte man denken, »Sirât« erzähle eine weitere Variation der bekannten Geschichte einer zusammengewürfelten Truppe von Fremden, die durch äußere Gefahren zusammengeschweißt wird. Doch dann zieht Laxe seinem Film und dem Publikum den Boden ­unter den Füßen weg. Was folgt, ist ein Fall in eine allegorisch aufgeladene Hölle, aus der mit sardonischem Humor die Botschaft gesendet wird, dass wir uns in Zeiten ­globaler Katastrophen unserer west­­lichen Privilegien nicht allzu sicher sein sollten.

E/F 2025, R: Óliver Laxe, D: Sergi López, Bruno Núñez, Jade Oukid, 115 Min. Start: 14.8.