»Ich habe bewusst Männer weggelassen«
»Milch ins Feuer« spielt im kleinbäuerlichen Milieu Süddeutschlands und ist in Hohenlohischem Dialekt gedreht. Woher kommt das Interesse an dem Milieu und der Sprache?
Wenn man einen Debütfilm macht, dann ist der wahrscheinlich immer verbunden mit dem Ort, aus dem man kommt. Mit dem Dialekt bin ich auf einem Hof in Baden-Württemberg aufgewachsen. Ich habe ihn mir abgewöhnt, jedenfalls außerhalb des Ortes. Aber Hohenlohisch ist eng mit meiner Persönlichkeit verbunden, auch mit dem, was man ausdrücken kann: Da hat man manchmal mehr Freiraum oder kann auch limitierter sein. Man hat nicht so viele Gefühle in diesem landwirtschaftlichen Dialekt.
Man kann Gefühle nicht so gut ausdrücken?
Oder man umgeht sie, etwa indem man nicht sagt, mir geht’s nicht gut, sondern einen Witz darüber macht.
Der Film spielt auf einem Hof, auf dem drei Generationen von Frauen leben. Eine Tochter der Bäuerin, Katinka, möchte den Hof übernehmen, aber der geht traditionell an den Sohn. Ist das immer noch so?
Ja, leider. Aus meiner Familie kenne ich das auch, der Junge wird von Anfang an darauf trainiert, den Hof zu übernehmen, selbst wenn die Frauen das machen wollen.
Dem setzt der Film die Utopie eines Matriarchats entgegen.
Ich habe in der Erzählung bewusst Männer weggelassen, um mich auf die Frauen zu konzentrieren. Mit Katinka soll eine selbstverständlich starke Frau erzählt werden, in einem patriarchalen System. Aber trotzdem stellt sich die Frage: Egal wie stark die Frau ist, ist das System nicht immer stärker?
Es geht im Film viel um die Kastration von Tieren, mir kam das vor wie ein humorvoller Umgang mit der Angst der Männer vor einem Matriarchat.
Es gibt Männer, die finden das nicht so lustig mit der Kastration. Das ist ein Humor, der natürlich auch provozieren soll.
Wir hatten alles beim Dreh, was man nicht haben soll: Tiere, Kinder, Amateure, große Maschinen, nur Außenlocations
Im Film bringt sich ein Bauer um, weil er seine Familie nicht mehr durchbringen kann.
In Deutschland sind die Selbstmordraten unter Bauern nicht so hoch wie etwa in Frankreich, aber es ist schon ein Problem. Die Verantwortung ist groß, gleichzeitig kann man nicht zugeben, wenn es einem schlecht geht oder man es einfach nicht schafft.
»Milch ins Feuer« ist ein Sommerfilm, warum war das wichtig?
Wir haben während Corona gedreht, das war im Sommer einfacher, weil man viel draußen sein konnte. Aber es sollte auch ein Erntefilm sein und ein Coming-of-Age-Film, das Genre ist ja stark mit dem Sommer verbunden: Schwimmen gehen, Sommerferien und all die Entscheidungen, die nach dem Sommer anstehen.
Sie haben vor allem Laien gecastet, aber mit Johanna Wokalek in der Rolle der Bäuerin eine sehr erfahrene Schauspielerin besetzt. Das stelle ich mir herausfordernd vor.
Wir hatten beim Dreh alles, was man nicht haben soll: Tiere, Kinder, Amateure, große Maschinen, nur Außenlocations. Johanna ist dazugekommen, als wir uns schon eingegroovt hatten mit den Amateurdarstellerinnen und hat sich dann perfekt auf uns eingestimmt. Sie musste den Dialekt lernen und hatte ihren Text vorab. Den anderen habe ich den Text erst direkt vor der Szene gegeben, damit es nicht eingeprobt wirkt.
Sie haben Bildende Kunst studiert, ein Stipendium der Stadt Köln für ein Romanprojekt bekommen und »Milch im Feuer« ist Ihr Abschlussfilm an der Kunsthochschule für Medien. In welcher Kunstgattung fühlen Sie sich am meisten zuhause?
Ich habe erst Kunst studiert, aber dann bemerkt, dass ich eher Geschichten erzählen und nicht nur dieses elitäre Kunstpublikum erreichen will. Schreiben ist das, was ich glaube, am besten zu können, aber den Roman habe ich pausiert wegen »Milch ins Feuer«. Film vereint alle Kunstgattungen.
In »Milch ins Feuer« rät die Mutter Katinka ab, Bäuerin zu werden. War das bei Ihnen auch so? Das ist vielleicht das Autobiografischste an dem Film. Meine Mutter hat auch immer gesagt, wir Kinder sollen bloß keine Landwirtschaft machen, weil sich das nicht lohnt. Aber ich weiß nicht, ob es in der Hinsicht besser war, Regie zu studieren (lacht).