Mittelpunkt seiner Welt: Bernhard Marsch vor dem Kino 813 in der Brücke

Aus einem Guss

Ein Nachruf auf den Kölner Kinobetreiber, Filmemacher und Sammler Bernhard Marsch

Natürlich radelte Bernhard am 15. Juni zum Kino 813, wo bald schon der Film starten sollte. Wie so oft zuvor war er ein bisschen spät dran; und wenn man es eilig hat, verengt sich der Blick, schaut man eher nicht so genau hin. Und dann war da plötzlich eine Straßenbahn viel zu nah und Bernhard tot.

Als mich die Nachricht von Bernhard Marschs absurdem Ende erreichte, fiel mir als erstes der polnische Schauspieler Zbigniew Cybulski ein, der im Bahnhof von Wrocław beim Sprung auf einen anfahrenden Zug abrutschte und unter dessen Rädern starb. 

Figuren wie Bernhard gehörten zu Zbigniews Rollenrepertoire: Konsensverweigerer, Tagediebe, Filous, gern mit außerordentlichen Begabungen, perfekt verdichtet in Jacek, dem Protagonisten von »Auf Wiedersehen bis morgen« (1960). Keine Ahnung, ob Bernhard den Film kannte, aber er passt gut zwischen zwei seiner Lieblingsfilme: zum einen »Menschen am Sonntag« (1930) von ­Edgar Georg Ulmer, Billy Wilder sowie den Brüdern Robert und Curt Siodmak, zum anderen »Vogelfrei« (1985) von Agnès ­Varda — beide schimmern nach in Bernhards ­eigenen Kurzfilmen als ­Filmemacher wie »Junge Hunde« (1993), »Halleluja« (1995) und »Nackt am See« (2010).

Will man aber ganz nahe heran an Bernhard, dann sollte man sich »Eins« (1971) und »Chapeau Claque« (1974) anschauen, beide von und mit Ulrich Schamoni als Anarcho-Privatier, weiter alle ­Werke May Spils’ mit Schauspieler und Autor Werner Enke als kreativem Freigeist, dazu noch jeden Film, den der Bulgariendeutsche

Marran Gosov mit Dieter Augustin vor der Kamera als Austrickser des Alltags hinterlassen hat. Oder vielleicht reicht auch schon »Chapeau Claque«, dessen Hanno Giessen ein (An-)Sammler vor dem Herrn ist — ähnlich wie Bernhard, der berühmt-berüchtigt war für die Art, wie er (buchstäblich!) alles Mögliche aufhob, in seine Wohnung mitnahm, dort einordnete, auf­bewahrte und ab und an sogar einem neuen Zweck zuführte.

Was das bedeutete, zeigt ­Bernhards dokumentarisches ­Gegenstück zu Schamonis Film-Monument: der Kurzfilm »Wohnhaft« (2004). Bernhard filmte seine Wohnung in der Subbel­rather Straße, kurz bevor er sie wegen Eigenbedarfs verlassen musste: den ganzen Wahnsinn aus Regalen, Kisten, Stapeln von Büchern, Zeitungen, Fotografien, dazwischen ein von Papieren überschwemmter Schreibtisch sowie eine unter Geschirrmassen verschwundene Spüle. Das ungeschnittene Filmmaterial zeigte er Werner Enke, Fragmente des Gesprächs der beiden über das Gesehene sind in »Wohnhaft« zu den Bildern zu hören.

Sein Auftreten hatte immer etwas von einer Perfomance. War man mit ihm zusammen, wurde man Teil seiner Welt

Irgendwann fanden in Bernhards Regalen auch 16- und 35mm-Filme von anderen ihren Platz, darunter angeblich die einzige noch spielbare Kopie von Klaus Lemkes »48 Stunden bis Acapulco« (1967) sowie gute Teile des Gesamtwerks von Marran ­Gosov, um dessen Schaffen er sich kümmerte wie niemand zuvor. Damit komplettierte sich seine Tätigkeitstrias: Filmer, Kinomit­betreiber, Kopienbewahrer — ein in sich geschlossenes System. 

Ich kannte Bernhard über fünfunddreißig Jahre, und immer wieder war ich mir nicht sicher, ob ich jemals ihn erlebt hatte oder allein eine Persona, so aus einem Guss war alles, was er tat, nicht zuletzt, weil sein Auftreten immer etwas von einer Perfomance hatte. War man mit ihm zusammen, wurde man Teil seiner Welt. 

Dieser Dynamik gemäß wurde irgendwann der Filmclub 813, den er mitbegründete, seine Welt — deren Mittelpunkt. In den letzten Jahren las man Bernhards Namen meistens im Zusammenhang mit Querelen um das Kino 813 und den Filmclub, den Streitigkeiten mit dem Kölnischen Kunstverein (dessen bisweilen herrenreiteriges Verhalten den Dingen nicht weiterhalf) und auch mit Vereinsmitgliedern, die noch nicht geklärt sind — da ist ein riesiger Scherbenhaufen für uns Hiergebliebenen, zu dem unvollendete Filme und sein verstreut bewahrtes Anhäufungslebenswerk genauso gehören wie uralte zerbrochene Freundschaften, die nicht mehr zu retten sind.

Trost spendet vielleicht Bernhards Musikvideo »Mauerblümchen« (2001), in dem er selber zwar nicht zu sehen ist, aber alles, was seine Welt ausmachte: Meer und Strandkörbe, Züge und Autos, charmante Frauen, ein Kino. Oder mit Rilke gesprochen, der auch in »Chapeau Claque« zitiert wird: »Der Sommer war sehr groß.«