Mit Pfiff, Schmackes und Anmut
Die Teile der Kölner Kinoszene, die in die Vergangenheit blicken, haben sich grosso modo der Sommerfrische hingegeben. Das macht die abendliche Pendelei zwischen Köln und Bonn entschieden anziehender — es gibt ja keinen Grund, in der Kapitale der Leichtfüßigkeit zu bleiben, vor allem, wenn die einstige Hauptstadt der BRD mit filmhistorischen Kostbarkeiten lockt.
Wenn auch in einem Fall wahres Genie von den Internationalen Stummfilmtagen in ein falsches Licht gestellt wird: »Suspense« (1913) wird als Film von Lois Weber angekündigt, was nur zur Hälfte stimmt, da es noch einen Co-Regisseur gibt namens Phillips Smalley (ihr Gatte). Das kann ein einfacher Fehler sein oder Geschichtsklitterung, die in Bezug auf Regisseurinnen und deren reale Arbeitssituationen in den letzten Jahren kein Einzelfall ist — will man so die Frauenquoten in Programmen erhöhen? Das wäre eine peinliche Zurschaustellung der eigenen Tugendhaftigkeit. Erinnert sei in dem Zusammenhang an den Versuch der Stummfilmtage vor ein paar Jahren, aus sowjetischen ukrainische Filme zu machen.
Ungnädig gestimmt und mit entsprechender Verkniffenheit könnte man in Len Powers’ allein mit lustig verkleideten Enten, Gänsen und anderen Viechern besetzten Kurzfilm »Love’s Reward« (1924) nicht mehr als das Abfeiern des Misshandelns von Tieren sehen. Muss man aber auch nicht, weil den Viechern wohl nichts allzu Arges angetan wurde und der Film ja wirklich lieb ist. Wobei: Was sich wohl eine Gans denkt, wenn man sie durch das Tragen eines doofen Huts zum Affen macht?
Die Kurzfilme zählen Jahr für Jahr zu den Höhepunkten der Veranstaltung. Zwei weitere lassen sich noch nennen: »The Boatswain’s Mate« (1924), eine von mehreren Humoresken nach Geschichten von William Wymark Jacobs, die der britische B-Film-Tausendsassa Horace Manning Haynes in den 20er Jahren stets mit Verve und Stil realisierte, außerdem »Monsieur Fantômas«
(1937), ein surrealistisches Unikum, das der einzige Film des belgischen Lyrikers Ernst Moerman blieb. Schön wäre es, die beiden einmal als Doppelprogramm zu zeigen unter der Prämisse: die zwei Seiten des Surrealismus — hier das volkstümlich Derbe (britisch schaumgebremst), dort der diskrete Charme der Bourgeoisie beim Delirieren.
Ähnlich wild geht es bei den besonders empfehlenswerten Langfilmen nur beim Schenkelklopfer »Krudt med knald« (1931) von Lau Lauritzen Sr. zu, der wirklich halt- und heillos doof im nobelsten Sinn ist. Ansonsten bleibt der Tonfall meist auf der seriösen Seite, wenn auch manchmal, wie etwa im Falle von Karel Lamačs »Saxophon-Susi« (1928), mit Pfiff, Schmackes und Anmut. Der fast immer wunderbare Maurice Gleize zum Beispiel zieht in seinem metaphysischen Rachethriller »Tu m’appartiens!« (1928) die Spannungsschrauben gehörig fest an, macht und wird ernst, wenn er über den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit, Gesellschaft und Einzelnen, Verstand und Gefühl nachdenkt.
Im halbdokumentarischen »Vagabund« (1930) von Fritz Weiß geht es um die Härte des Alltags am Rande, wenn nicht gar außerhalb der Normgesellschaft, sowie die Formen der Selbstorganisation derjenigen, die sich nicht vom Staat das Leben strukturieren lassen wollen. Wie gefährlich diese Akte der Verweigerung sein konnten und können, zeigt das Leben von Georg Gog, hier in einer Nebenrolle zu sehen, einem Vagabundenbewegungsaktivisten, der wenige Jahre darauf von der Gestapo in ein KZ gesteckt wurde.
Mit Wu Yonggangs Kapital- und Kardinalwerk der Shanghaier Moderne, »Shennü« (1934), wird es dann mächtig melodramatisch wie auch erkenntnisförderlich realistisch im ureigensten Gattungssinne: Anhand des Daseins einer Frau, die sich durch das Übel des Patriarchats in der Prostitution wiederfindet, werden die Strukturen feudalistisch-kapitalistischer Unterdrückung durch materielle Abhängigkeitsverhältnisse demonstriert. Unsagbar elegant inszeniert, nuanciert im Spiel, dabei grausam und klar.
Do 7.8.–So 17.8., Arkadenhof der Uni Bonn. Eintritt frei! Alle Vorführungen werden mit Livemusik begleitet. Teile des Programms werden auch gestreamt. Infos: internationale-stummfilmtage.de