Memoiren einer Schnecke
Vor 15 Jahren hatte der australische Regisseur Adam Elliot mit seinem Debütfilm »Mary & Max — oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?« großen Erfolg, einem in der mühseligen, stilistisch aber einzigartigen Stop-Motion-Technik gedrehten Animationsfilm. Acht Jahre hat er nun am Nachfolger gearbeitet, dem in jedem Moment der liebevolle Arbeitsprozess anzumerken ist. Denn im Gegensatz etwa zu den neuen »Wallace & Gromit«-Filmen, die zunehmend auch auf die Hilfe von Computertechnik zurückgreifen, hat Elliot zusammen mit seinem Team tatsächlich jedes Bild von »Memoiren einer Schnecke« in Handarbeit hergestellt.
Eine langsame Arbeit, doch nicht deswegen stehen Schnecken im Mittelpunkt, sondern als Allegorie für das Wesen der Hauptfigur Grace, einem einsamen Mädchen, das nur zwei Freundinnen hat — beziehungsweise hatte. Die menschliche der beiden ist gerade verstorben, nun bleibt nur noch die andere: Sylvia, eine winzige Schnecke. Deren Mutter war einst die erste Schnecke, die Grace aufgezogen hat, der Beginn einer innigen Beziehung zu den Weichtieren, die ihr eigenes Haus mit sich herumtragen, in das sie sich bei Gefahr schnell zurückziehen können.
Ähnlich defensiv hat auch Grace ihr bisheriges Leben verbracht, das sie Sylvia nun in langen Rückblenden erzählt. Einen Zwillingsbruder namens Gilbert hatte Grace einst, der auch ihr bester Freund war, bis die Geschwister nach dem Tod der Eltern getrennt wurden. Das Unglück war nie fern im Leben der Grace: Wegen einer Hasenscharte wurde sie in der Schule gehänselt, statt mit Menschen umgab sie sich lieber mit Büchern. Und so ging das Leben dahin.
Immer neue Hindernisse stellten sich Grace in den Weg, fast als wäre sie eine moderne Hiob-Figur, deren Durchhaltevermögen getestet wird. Schnecken-Gift schluckt sie einmal fast, in einem Moment, in dem die Verzweiflung sie zu überwältigen droht.
Doch in solche Abgründe lässt Elliot seine Hauptfigur nur für Momente blicken. Er wählt stattdessen meist einen tragikomischen Ton, der voller Witz und Humanismus davon erzählt, wie für einen herzensguten Menschen wie Grace am Ende doch die Hoffnung siegt. Das ist als Geschichte zwar vorhersehbar, der enorme visuelle Einfallsreichtum, der in praktisch jedem Bild unzählige zu entdeckende Details bereithält, lässt jedoch darüber hinwegsehen.
(Memoirs of a Snail) AUS 2025, R: Adam Elliot,95 Min. Start: 24.7.