Von Afrika lernen
»Es lebe das Operndorf!« — mit diesen Worten beschloss Christoph Schlingensief seine Rede zur Grundsteinlegung, die er im Februar 2010, ein halbes Jahr vor seinem Tod, noch selbst vor Ort gehalten hat. Das Operndorf im Hinterland von Burkina Faso wurde sein Vermächtnis. Kein Ort für Arien, sondern ein Wirkungsraum ästhetisch-sozialer Praxis, der Teilhabe und Begegnung, Veränderung und Heilung verspricht — gemäß eines erweiterten Opernbegriffs. »Jedem Mensch seine Oper!«, lautete die Forderung, über die der Film-, Theater- und Opernregisseur, Autor und Aktionskünstler Schlingensief Kunst und Leben vereint sah.
Unweit der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou hat die Vision einer sozialen Plastik allmählich Gestalt angenommen. Entstanden ist ein lebendiger Ort, der sich kontinuierlich weiterentwickelt — wie die Schneckenform, der das Dorf seine Struktur entliehen hat. Im Zentrum liegt ein Garten, um den sich weitere Gebäude winden, darunter eine Krankenstation, eine Schule mit Tonstudio, Filmvorführraum, Bibliothek, Freiluft-Bühne und Kantine sowie Unterkünfte für Personal, Workshops und die Künstler*innen des Residenz-Programms. Aino Laberenz, Schlingensiefs Lebenspartnerin, begleitet das Projekt seit seinem Start und führt es seit 2010 hauptverantwortlich fort.
»Von Anfang an war das Projekt darauf ausgerichtet, mit unterschiedlichen Herkünften, Kulturen und gesellschaftlichen Fragen in einen gemeinsamen Austausch zu treten. Wir erleben überall auf der Welt, wie schnell sich Dinge verändern«, sagt Aino Laberenz. »Das Operndorf war nie als starres Konzept gedacht, sondern als ein Raum, der offen bleibt für solche Veränderungen.« Das Land in Westafrika, das zu den ärmsten der Welt gehört, hat in dieser Zeit einen politischen Wandel durchlaufen, die Sicherheitslage hat sich deutlich verschlechtert. Die Stärkung zivilgesellschaftlicher Initiativen und kultureller Projekte ist daher umso wichtiger, wie uns Laberenz zu verstehen gibt: »Wir gehen mit diesen Veränderungen, anstatt ihnen auszuweichen. Wir leben in einer Zeit, in der man den Eindruck hat, dass sich Menschen voneinander entfernen, Gräben und Distanzen verhärten. Im Operndorf erleben wir durch den Austausch der Künstler*innen, durch Workshops für die Zivilbevölkerung oder im täglichen Zusammenleben, dass es möglich ist, offener zu werden und neue Formen des Zusammenhalts zu finden. Darin liegt ein Zukunftsentwurf des Operndorfs: dass das Miteinander der Weg ist, nicht das Gegeneinander.«
In einem sich wandelnden politischen Klima erweisen sich Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Orte des offenen Austauschs als besonders wichtig. Das Anliegen, Kunst als soziale Praxis zu begreifen, die verschiedene kulturelle Lebensrealitäten ins Gespräch bringt, spiegelte sich auch in der Ausstellung »Alle Räume sind anders« wider, mit der das Operndorf Afrika für einen Monat am Kölner Ebertplatz zu Gast war. Im Kunstraum Gold + Beton wurden im Juni und Juli Arbeiten von Nezaket Ekici, Abrie Fourie und Akinbode Akinbiyi präsentiert, die im Rahmen der Residenzen in Burkina Faso entstanden sind. Globale Verflechtungen, (post-)koloniale Kontinuitäten und visuelle Narrative im urbanen Raum rückten ins Zentrum der Auseinandersetzung und fanden ihre spezifische Verortung im Kontext des Ebertplatzes.
»Alle Räume sind anders, aber zugleich eng miteinander verknüpft«, erklärt der britisch-nigerianische Fotograf Akinbode Akinbiyi, der seit fünf Jahren das Residenzprogramm im Operndorf leitet: »Es gibt klare und versteckte Verbindungen — etwa die Luft, die wir gemeinsam atmen, aber dazwischen auch Grenzen, designierte Fronten und Territorien. Unsere Arbeiten haben viel vom Operndorf und von Burkina Faso hinübertransportiert und sie wirken hier in Köln weiter, indem sie sich in dieser neuen Umgebung behaupten und dazu auffordern, sich mit entfernten Realitäten auseinanderzusetzen.«
Ich bin immer noch beeindruckt, wie hier eine Art Modellprojekt für gemeinschaftliche Zwischennutzung entstanden ist, wie man miteinander umgeht Tatjana Arens
Eröffnet wurde die Ausstellung mit einer Performance der Marina.Abramovic-Schülerin Ekici, im weiteren Verlauf folgten Veranstaltungen im Zeichen einer künstlerisch-sozialen Praxis — Live-Musik, öffentliche Dinner sowie Artist Talks zur künstlerischen Auseinandersetzung mit (post)kolonialen Perspektiven und Narrativen. »Wenn künstlerische Werke an unterschiedlichen Orten gezeigt werden, verändert sich ihre Aussage. Es können sich Spannungen zu dem Gesehenen ergeben, aber auch klärende Gespräche mit den Künstler*innen. Erfahrungen und Erlebnisse werden ausgetauscht, innere, enge Räume gesprengt und man stellt fest, dass wir alle zusammengehören und in denselben Räumen hin und her wandern«, so Akinbiyi.
Dass die Wahl auf den Ebertplatz fiel, war keine beiläufige Entscheidung, wie Tatjana Arens, Programmkoordinatorin des Operndorf Afrika, erläutert: »Wir wollten die künstlerischen Arbeiten in einem urbanen Kontext verorten, in dem unterschiedliche Realitäten aufeinandertreffen, der von migrantischen Communities genutzt wird und die afrikanische Diaspora erreicht.« Einiges hat sich in den letzten Jahren durch das Engagement der Initiativen zur Zwischennutzung am Ebertplatz getan: Kultur und Unterhaltung treffen hier auf diverse Lebenswelten, Passant*innen auf Menschen mit und ohne Obdach, auf ein Kunstpublikum und eine Aperol Spritz-Freizeitkultur. In den Passagen befindet sich zudem die Musik-Bar »African Drum«, mit Bezug zu ostafrikanischen Kulturen; bis vor einigen Jahren gab es dort auch ein Bistro für die westafrikanische Diaspora.
»Ich bin immer noch beeindruckt, wie hier eine Art Modellprojekt für gemeinschaftliche Zwischennutzung entstanden ist, wie man miteinander umgeht — das alles passt zu unserem Ansatz, Kunst als Einladung zum Dialog zu begreifen«, so Tatjana Arens.
Die Ausstellung trifft in ein Setting, das Gegensätze und unterschiedliche, teils willkürliche Gemeinschaften vereint. Blickte man am Eröffnungsabend über den Platz, sah man aber auch, wie sich eine erhöhte Polizeipräsenz in unmittelbarer Nähe zur Performance von Ekici aufbaut, die im Gegensatz zur gezeigten Kunst alles andere als einladend wirkt. »Mit unseren Ausstellungen ermöglichen wir Perspektivwechsel, um sich mit anderen Wirklichkeiten und Erzählungen auseinanderzusetzen, ohne sie zu exotisieren«, ergänzt Arens.
»Von Afrika lernen!«, das hatte Schlingensief gefordert und meinte damit eben auch, gängige Vorstellungen über den afrikanischen Kontinent zu dekonstruieren — um ein differenzierteres Bild des afrikanischen Kontinents zu zeichnen und neue Erzählungen zu finden. Der Besuch des Operndorf zeigte auch, wie recht er doch wieder hatte.
Informationen zum Operndorf Afrika, zur Geschichte, zu den Residenz-Künstler*innen und zu Spendenmöglichkeiten gibt es unter: operndorf-afrika.comv