Aufbruch in Volkhoven?!
Wer dieser Tage das Gelände der Simultanhalle betritt, begibt sich auf Schatzsuche. Denn nur wer genau hinsieht, entdeckt die filigranen Bodenskulpturen der Künstlerin Filiz Özçelik. Hier sickert Licht durch einen leeren Rahmen auf ein Podest, fällt auf kleine, zu poetischen Ensembles collagierte Objekte. Dort gruppieren sich kleinformatige Gegenstände, die wie Muscheln, Steine oder Perlenketten anmuten. Aus ihrem umfassenden Materialarchiv schöpfend, dazu teils aus der unmittelbaren Umgebung des Ausstellungsortes gesammelt, findet eine Vielzahl von Gegenständen zueinander. Dabei handelt es sich um von der Künstlerin mit sensiblem Blick aufgespürte Fragmente des Alltäglichen, denen sie in langsam wachsenden Entscheidungsprozessen ein zweites Leben verleiht.
Von gedämpfter Farbigkeit überzogen und in einen neuen Kontext versetzt, wird die bisher den Relikten innewohnende Historie überschrieben. Neben der Verwendung von Fundstücken produziert die 1988 in Bielefeld geborene und in Düsseldorf lebende Künstlerin noch selbst Objekte, um sich mehr Freiheit bezüglich formaler Entscheidungen zu gewähren. Özçelik studierte bei Rosemarie Trockel und Yesim Akdeniz an der Kunstakademie in Düsseldorf und schloss 2019 als Meisterschülerin von Tomma Abts ab. Für die Ausstellung an der Simultanhalle schuf sie nun zum ersten Mal Bodenskulpturen für den Außenraum, zuvor arbeitete sie meist an Wandreliefs.
Die Neuorientierung gelingt, denn so wie sich die Objekte zu stimmigen kleinen Ensembles fügen, passt sich die jeweilige Skulptur auch in ihre Umgebung ein. Es scheint, als könne Özçelik nicht nur die innere Stimme der stillen, meist im Ungesehenen verbleibenden Dinge hörbar machen, sondern diese auch in einen Gleichklang mit der naturbelassenen Umgebung versetzen. Ihre Materialcollagen spielen mit hohen Wildblumen, grauen Gully-Deckeln oder verwitterterten Bänken im wuchernden Garten. Sie binden darüber hinaus Relikte vergangener Ausstellungen ein, erkunden sensibel die Besonderheiten des Geländes, bilden eine Art Bestandsaufnahme.
Özçeliks Soloschau »Imperfekt« macht den Auftakt des als Dreiklang konzipierten Jahresprogramms der diesjährigen SimultanProjekte, welches zukunftsweisend für die Ausstellungspraxis des Geländes rund um die Simultanhalle sein soll. Denn seit 2018 ist die einst als Modell für die im Museum Ludwig entstandene Architektur nicht bespielbar, muss der seit 40 Jahren bestehende Förderverein Simultanhalle Köln-Volkhoven e. V. auf den Außenraum ausweichen. Die SimultanProjekte 2025 sollen nun eine neue Phase der Ausstellungsgestaltung einläuten, experimentell angelegte Formate spielerisch austesten und zu einer Neudefinition des Ortes beitragen.
In diesem offenen Prozess der sommerlichen Bespielung soll schließlich eine temporäre Architektur entwickelt werden, die im nächsten Jahr wieder Ausstellungen beherbergen könnte
Für Özçelik dürfte dieser Umstand eine besondere Spannung bergen, indem wahrscheinlich Gezeiten und Tiere die bestehenden Kunstwerke bei fortlaufender Ausstellungsdauer verändern werden. Von der Vergangenheit über die Gegenwart bis hin zur Zukunft soll von Juni bis September 2025 das Kunstprojekt, das Wind und Wetter ausgesetzt ist, neu verhandelt werden. Auf Özçeliks »Imperfekt« folgen »ABER« der Düsseldorfer Künstlerin Rebekka Benzenberg, die mit der Geste des Protests den Bauzaun, der die Halle seit 2024 umgibt, in ihr Werk integrieren wird, sowie die Gruppenausstellung »futur« mit Olivier Goethals, Valeria Fahrenkrog und Johanna Reich. Letztere wird von den Architektinnen Katrin Tacke und Selina Redeker — beide zugleich Vereinsmitglieder — kuratorisch betreut und soll in eine abschließende Diskussion münden.
In diesem offenen Prozess der sommerlichen Bespielung, der mit den Soloshows an die Zeiten des regulären Betriebs erinnert, soll schließlich — auch in Workshops — eine temporäre Architektur entwickelt werden, die im nächsten Jahr wieder Ausstellungen beherbergen könnte. Denn auch wenn ein Gutachten des Zustands der Simultanhalle in Planung ist, bleibt ihre Zukunft ungewiss. Der Verein muss zwangsläufig kreativ in der Ausstellungsgestaltung sein und stellt sich dieser Aufgabe genauso wie in den letzten Jahren voller Hindernisse und immer wieder neuen Einschränkungen. Man wünscht dem Team wackeres Durchhalten und schnellstmögliche Planungssicherheit.
Simultanhalle, Volkhovener Weg 209–211, Sa & So 14–18 Uhr
Ausstellung: Rebekka Benzenberg, »ABER« Eröffnung: Sa 2.8., 16 Uhr; bis 23.8.