Essbare Skulpturen mit Einmachgläsern: Paula Erstmann, © Sopho Kobidze

Jenseits des Wasserglases

Die Literatur-Performance-Reihe »Unruly Readings« geht in die zweite Runde

»Lesung« — in den meisten Köpfen löst dieses Wort eine bestimmte Assoziation aus: eine gesittete Kulturveranstaltung nach einem Skript aus Begrüßung, Vorlesen, Fragerunde und natürlich das Wasserglas auf dem Tisch. Son ­Lewandowski, Michaela Predeick und Katharina Stahlhofen haben sich etwas anderes gewünscht: Lesungsformate, die performativer sind, bei denen das Publikum Teil der Lesung sein kann oder bei denen mit Text, Film und Musik gearbeitet wird. Also konzeptu­alisierten und kuratierten sie im ­vergangenen Jahr die erste Runde der Unruly Readings, der »widerspenstigen Lesungen.« In Berlin gibt es so ein Angebot bereits, in Köln begannen die Drei im vergangenen Sommer damit, eine »empfundene Lücke« zu schließen, so Michaela Predeick. Die auf drei Sonntagnachmittage angelegte Reihe kam gut an: Alle Veranstaltungen waren »mehr als ausverkauft«, so Predeick. Daher geht es diesen Sommer in die zweite Runde.

Zwar beherbergt Köln mit der Kunsthochschule für Medien eine Institution, die ihren Schreibstudiengang interdisziplinär einbindet: Studierende suchen so offener nach ihrer literarischen Form. Und auch das Kölner Auftakt Festival lädt als interdisziplinäres Literaturfestival zu einem performativen, sprachkünstlerischen oder audiovisuellen Arbeiten mit Text ein. Dennoch werden die ­aufwändigen Arbeiten oft nur ­einmalig aufgeführt. »Grundsätzlich sind wir daran interessiert, Autor:innen, die wir toll finden, die Möglichkeit zu geben, performative Arbeiten wiederaufzuführen oder weiterzuentwickeln«,­ ­erklärt Predeick. Außerdem gehe es bei den Unruly Readings auch darum, dem Publikum zu ermöglichen, »andere Erfahrungen im Kontext von Literatur zu machen«.

Natürlich ist jede konventionelle Lesung von performativen Elementen geprägt: Immer geht es um ein Live-Erlebnis mit den Autor:innen. Trotzdem ist der allgemeine Literaturbetrieb nach wie vor auf ein eher simples Setting ausgelegt. Einen Kontrast dazu bildet die multimedial auslegbare Infrastruktur des Orangerie-Theaters.

»Ich habe beobachtet, dass es viele Autor:innen gibt, die eine eigene Form über das klassische Lesesetting hinaus suchen. Die gerne mit Sound, mit Video oder auch installativ arbeiten«, erklärt Michaela Predeick. 
Der Fokus der ersten Ausgabe in diesem Jahr: Unruly Places. Den Autor:innen wird es hier darum gehen, zu erkunden, womit Orte kulturell aufgeladen sind. Mit Abdalrahman Alqalaq performt ein palästinensischer Dichter, der literarisch den Ort in Haifa aufsucht, an dem seine Familie eine Generation vor ihm ein Haus besaß, das inzwischen nicht mehr existiert. Haifa wird zum symbolischen Ausgangspunkt seiner Performance, in der er erkundet, was Vertreibung bedeuten kann. 

Die Künstlerin Paula Erstmann wird ­skulpturale essbare Landschaften in den Garten der Orangerie mitbringen

Die nigerianische Dichter:in Logan February befasst sich mit der ambivalenten Rolle des Waldes in der Yoruba-Mythologie: als gefährlicher Ort, aber auch als Zufluchtsort für Menschen, die nicht den gesellschaftlichen Konven­tionen entsprechen. Logan verknüpft dies mit dem eigenen Queersein und dessen Kriminalisierung in Nigeria. 

Auch eine kulinarische Performance ist fest im Veranstaltungsprogramm verankert. Michaela ­Predeick erklärt: »Mit einem gemeinsamen Essen wollen wir ganz banal einen Raum schaffen, an dem sich ausgetauscht werden kann.«  Die Künstlerin Paula Erstmann wird skulpturale essbare Landschaften in den Garten der Orangerie mitbringen, die zwischen den literarischen Performances probiert und miteinander geteilt werden können. Über die mitgebrachten Zutaten — von lokalen Märkten oder aus dem Garten von Bekannten — und durch weitergegebene Zubereitungs­weisen kann das Thema Unruly Places in einer weiteren Variante anklingen. 

Durch das Laufen von Station zu Station in der Orangerie ergeben sich angenehme kleine Pausen, die das konzentrierte Zuschauen ergänzen. Außerdem ist die Umbauphase der denkmalgeschützten Orangerie inzwischen passé — ­somit werden in diesem Sommer jeweils etwa 100 Leute mehr pro Veranstaltung im barrierearmen Theater dabei sein können. Dennoch kann es sich lohnen, Tickets auch dieses Jahr früh zu besorgen, denn, so Predeick: »Es gab insgesamt große Begeisterung für diese Formate und für unser Gesamtkonzept.«

So 17.8., Orangerie, 17 Uhr