Surreale Körpererfahrungen: Leon Skottnik, © Leon Skottnik

Skulpturtexte

Leon Skottnik verdichtet in »Eigengrau« auf ­sinnliche Weise

Es geht nicht mit rechten Dingen zu in Leon Skottniks schmalem neuen Buch. Mit Augenbinden auf einer Liege machen die beiden Protagonist:innen von ­»Verkörpern« surreale Körpererfahrungen während einer bewusstseinserweiternden neuromedizinischen Behandlung, möglicherweise aber nicht ganz freiwillig. Im längsten Text des Bandes, »In sich geschlossen«, dauern Fahrstuhlfahrten Stunden, so hoch ist das Gebäude, deren Wohnungen standardisierte Einheitsgrundrisse haben. Eine orwellsche dystopische Spur zieht sich durch Skottniks Band, bedrohliche Realitätsverschiebungen, kafkaeske Flur- und Korridorarchitekturen, durch die die Figuren dieser Prosaminiaturen irren, die sich alle auf namentlich genannte Kunstwerke beziehen.

Den im Vorwort formulierten konzeptuellen Anspruch lösen die Texte allerdings formal kaum ein. »So entsteht die Erfassung eines Kunstwerks«, heißt es da, »am Ende einer Kette von Erfahrungen. Vor allem im Narrativ lassen sich solche Verkettungen entfalten.« Aber die Miniaturen bestehen auch für sich, als Texte. »Eigengrau« sucht die sinnliche Verdichtung, die mal luzide enge Räume evoziert, mal sphärischen Nebel. Materiales taucht in den Wahrnehmungen der Figuren auf, manchmal im engeren Sinne künstlerische Skulpturen. In der »Flucht« spürt der Ich-Erzähler am Hals einer Metallbüste plötzlich ein Pulsieren, und in »Vantablack«, einer zunächst realistisch erzählten Regenwaldexpedition, entdecken die Teilnehmenden eines Morgens in der Ferne eine schwarze Fläche, »eine Schablone, die man auf den Wald gelegt hat, um ein Loch zu stanzen«. 

Im »Rollband« gleitet der Erzähler auf einer weißen Fläche an seinem eigenen Körper vorbei, dann an Vitrinen, hinter denen sich »ein zertrenntes Tier«, eine Orange, schließlich die Butter von ­Joseph Beuys’ »Fettecke« ­präsentieren.

Am stärksten ist »Eigengrau« da, wo es radikal konzentriert, in den bis zu einer Seite gekürzten Texten, zu denen auch einige Gedichte zählen und Genrespielchen wie das »Hinweisblatt«, eine Bedienungsanleitung über von KI zum Leben erweckte Plastikköpfe, oder die abschließende To-Do-­Liste. In ihr wird aufgetragen, »Texte an die Innenwände eines Museums schreiben, darin die Überlegenheit von Literatur gegenüber bildender Kunst zu proklamieren. Mit entgegengesetztem Standpunkt in einer Bibliothek wiederholen«.

Leon Skottnik: »Eigengrau«, Parasitenpresse, 60 Seiten, 12 Euro
Sa 2.8., »Nimm Platz« am Neumarkt, 17.30 Uhr, Eintritt frei