Wie im Film
»Es läuft immer auf die eine Frage hinaus, die sich jeder stellen muss, wenn es soweit ist«, erklärt Isabel Kreitz in einem Interview die Grundfrage ihrer neuen Graphic Novel »Die letzte Einstellung«: »Kann es ein richtiges Leben im Falschen geben?« Das »Falsche« ist in »Die letzte Einstellung« der deutsche NS-Staat, wo im letzten Kriegsjahr der Durchhalte- und Propagandafilm »Das Leben geht weiter« gedreht wird, während die Alliierten täglich Luftangriffe fliegen und kaum noch männliche Schauspieler zur Verfügung stehen, da alle eingezogen worden sind.
Die Frage nach dem »richtigen Leben im Falschen« stellen sich nach und nach alle Protagonisten des Buches, angefangen mit dem an Erich Kästner angelehnten Autoren Heinz Hoffmann. Anders als viele seiner Kollegen, deren Bücher ebenfalls 1933 verbrannt wurden, ist er nicht ins Exil gegangen, sondern in die innere Emigration, und lässt sich kurz vor Kriegsende von den Nazis für das Filmprojekt vereinnahmen.
Auch die anderen Personen in Kreitz’ erster Graphic Novel seit 2015 kreisen um Fragen der Schuld. Hoffmanns Lebensgefährtin Erika Harms, die für die UFA arbeitet und an der Produktion von »Das Leben geht weiter« beteiligt ist, etwa betont: »Es geht um uns alle, die an diesem Film mitarbeiten und den verdammten Krieg überleben wollen! Wir alle sind keine Nazis!«. »Schlimmer! Ihr seid Opportunisten!«, erwidert Hoffmann, nur um kurz darauf das Drehbuch zu der von Goebbels selbst entwickelten Filmidee über das Alltagsleben unter Kriegsbedingungen zu übernehmen. »Politik spielt hier keine Rolle! Es geht um künstlerische Werte«, schwärmt der Regisseur Wolfgang Liebeneiner gegenüber Heinz Hoffmann. »Unsere Antwort auf den totalen Krieg … die totale Filmkunst.«
Die 1967 geborene Kreitz zeigt in ihrer dicht erzählten Geschichte die Komplexität auf, die zu Hoffmanns Entscheidung führt, sich kurz vor Kriegsende zum Werkzeug des NS machen zu lassen. Mit gutem Gespür für die Sprache jener Jahre, und geschult durch zahlreiche Comic-Adaptionen von Erich-Kästner-Büchern, entwirft Kreitz das lebendige Bild einer Gruppe von Menschen, die versucht, sich auf individuellen Wegen dem NS-Staat zu entziehen. Dem Thema angemessen hat Kreitz einen sehr cineastischen Blick für ihren Comic gewählt, Perspektiven, Nahaufnahmen und Lichtverhältnisse spielen eine wichtige Rolle in den sehr detailreichen Bleistiftzeichnungen, die viele Grauschattierungen zulassen, wie auch die Charaktere nicht nur schwarz und weiß gezeichnet sind.
Isabel Kreitz: »Die letzte Einstellung«, Reprodukt, 312 Seiten, 29 Euro