Kölner Tradition: NN Theater im Baui, Foto: Rene Achenbach / NN Theater

Antihelden, viktorianischer Horror und die Liebe

Die Straßentheatergruppe NN Theater Köln bespielt beim Freiluftfestival den Baui im Friedenspark

An der Südwestküste von Marokko, in einem Palmenwald bei gedecktem Tisch unter einem Sonnen­segel — es ist der vierte Akt von ­Ibsens »Peer Gynt« — da ruft der Phantast, der Antiheld: »Zu leben, wollen wir denn auch leben!« und bringt damit all das zum Ausdruck, was ihn sein Leben lang antrieb: die rohe Sehnsucht, mit beiden Händen nach dem Leben zu greifen, es aufzusaugen und auszusaugen und dabei nur bloß nicht die bittere Realität zu schmecken. Man kann sich wiederfinden in diesem Wille nach Eskapismus, während rings herum die Krisen sich verstärken — und vielleicht hat das NN Theater Köln gerade aus diesem Grund das dramatische Gedicht auf den Spielplan seines alljährlichen Sommerfestivals gebracht.

Aus ihrem Repertoire bespielt die Gruppe im August den Friedens­park, genauer: das Gelände des Bau­spielplatzes. Das Festival ist schon seit einigen Jahren zur Kölner Tradition geworden, ebenso wie die Idee, klassische Theatertexte trotz ihrer inhaltlichen Komplexität und manchmal auch Schwere verständ­lich aufzubereiten. Seit fast 40 Jah­ren folgt das NN Theater diesem Programm unter wechselnder Regie, seit ihrer Gründung 1987, damals als reine Straßentheatergrup­pe, die überall dort spielte, wo Menschen zusammenkommen: auf Marktplätzen, in Stadttheatern, Kulturzentren und Industriehallen.

Auch die »Odyssee« mit Zyklopen, singenden Sirenen und Göttern, sowie »Holmes & Watson« mit der Geschichte vom Hund von Bas­kerville wird beim Freiluftfestival gezeigt, als Krimi-Komödie mit vikto­rianischem Horror. Als weiteres Stück zeigt das Ensemble »Exit Casablanca«, eine an den Filmklas­siker von 1942 angelehnte Theater­inszenierung über die im Zweiten Weltkrieg Geflüchteten oder Gestrandeten in Rick’s Café. »Wer bekommt die begehrten Transitvisa, um vor den Nazis fliehen zu können, wer spielt ein dop­peltes Spiel, und vor allem: wer liebt hier eigentlich wen?«, heißt es in der Beschrei­bung des NN Theaters.

Am 20. August zum Abschluss des Festivals: zwei Gastauftritte. Da ist einmal das Comedy-Akrobatik-Varieté mit »Tébé und Leiste« und das Jazz-Konzert der Band Pers­pec­tives. Was na­türlich all die Jahre und auch in diesem wieder dazu gehören wird: ein gemütlich knackendes Lagerfeuer, ein kühles Bier und der langsam dämmernde Sommerabendhimmel über der Stadt.