Kultur unter der Eistüte
Eigentlich macht der Neumarkt, zentraler Knotenpunkt mitten in Köln und einer der größten Plätze der Stadt, meist nur negative Schlagzeilen. Die Baukosten für den 2024 eröffneten Brunnen sind weiter gestiegen, statt 790.000 Euro kosten sie mit 1,7 Millionen Euro jetzt mehr als das Doppelte. Die auf dem Platz präsente Drogenszene wird mittlerweile von Crack dominiert. Der Neumarkt, der »Problem-Platz«, ist einer, über den man möglichst schnell hinüber hastet, sich durch Menschenmassen schlängelt, und eigentlich nur dann notgedrungen länger aufhält, wenn man eine Bahn verpasst hat.
Doch während der Sommermonate gibt es hier auch in diesem Jahr wieder einen Lichtblick, im wahrsten Sinne des Wortes: einen gelben Pavillon aus Holz, ein bisschen am Rand gelegen, in der Nähe von Bäumen, dem Brunnen und einem Café.
»Nimm Platz« ist der programmatische Titel dieses Kulturangebotes, umsonst und unter freiem Himmel — oder eben auf den hölzernen Sitzstufen im Inneren des Pavillons, der zu zwei Seiten ins Freie geöffnet ist. Gebaut ist er nach dem Entwurf der Bildhauerin und Installationskünstlerin Erika Hock. Im vergangenen Jahr musste das städtische Projekt pausieren, weil es an Geld fehlte, doch 2025 kehrt es wieder zurück. »Das ist ein Ort der Kultur, aber auch ein Ort, an dem sich Menschen begegnen können«, kommentierte Kulturdezernent Stefan Charles. »Das Projekt hat schon bei seiner Premiere aufgezeigt, dass dem Neumarkt ein kuratiertes Kunst- und Kulturprogramm, neben der vor allem kommerziellen Platzfläche, guttut. Man darf so einen Platz nicht sich selbst überlassen. Wir hatten vor zwei Jahren viel positive Resonanz.«
Noch bis zum 5. September wird der gelbe Pavillon bespielt, als gemeinsames Projekt der Kölner Kulturverwaltung und der Freien Kulturszene, mit Beiträgen der Hochschule für Musik und Tanz (HfMT) und der Kunsthochschule für Medien (KHM). Auch die Lesereihe »Kölner Literatursommer«, kuratiert von der Literaturszene Köln e.V., kehrt mit täglichen Lesungen auf die gelbe Bühne am Neumarkt zurück.
Täglich von 17.30 bis 18.30 Uhr lesen Autor*innen hier aus ihren Texten, angefangen im August mit Thea Mantwill und ihrem dystopischen Near-Future-Roman »Glühfarbe« (1.8.). Zwei Tage später kommt die frühere Stadtrevue-Autorin Simone Schabert mit ihrem Text »Für Anna. Eine Belichtung«, in dem sie die Lebensgeschichte der britischen Fotografin Anna Atkins nachzeichnet (3.8.). Angela Steidele liest aus ihrem Roman »Rosenstengel« (7.8.) und Selim Özdogan aus ihren Kurzgeschichten »Ihr kriegt uns hier nicht raus« (21.8.). Auch die Kölner Autorin und Podcast-Macherin Traudl Bünger (28.8.) wird lesen: aus ihrem Buch »Eisernes Schweigen«, in dem sie die Hintergründe und Geschehnisse des rechtsextremen Sprengstoffattentats 1962 in Verona recherchiert, an dem ihr Vater beteiligt war und bei dem ein Bahnhofsmitarbeiter starb.
›Nimm Platz‹ ist hier Programm — umsonst und unter freiem Himmel oder auf den hölzernen Sitzstufen im Inneren des Pavillons, der zu zwei Seiten ins Freie geöffnet ist
Kuratiert wird das Programm im Auftrag der Stadt Köln von Marina Zielke und Roman Jungblut, die gemeinsam mit Akteur*innen der Freien Szene auch Darstellende Künstler*innen auf die gelbe Bühne eingeladen haben. Darunter — und für junges Publikum bestens geeignet — der Zauberkünstler Conor Schlüter. Im Alter von gerade einmal acht Jahren begann er vor großem Publikum aufzutreten, jetzt ist er 21 und stand schon mit dem Profi-Zauberbrüder-Paar, den Ehrlich Brothers, auf der Bühne. Im Pavillon wird er in einer 30-minütigen Solo-Show das Publikum in Staunen versetzen, Seiltricks gehören zu seinem liebsten Mittel der Verzauberung. Lasst euch umgarnen!
Ein weiterer Höhepunkt des Programms: Die performativen Shows von Thomas Bartling, bekannt von dem queeren, deutsch-türkischen Performance-Duo Çakey Blond, das zu Empowertment durch Performance aufruft, Mariah Careys Musikfilm re-enactet oder zur exzentrischen Drama-Party bittet. Im Programm »Nimm Platz« wird Thomas Bartling an verschiedenen Abenden auf der Bühne stehen, etwa mit »Kaffeklatsch«, bei dem er seine »erlesenen und wenig belesenen Gäst*innen« einlädt, um bei Kaffee und Kuchen die Themen des Tages zu besprechen. Ein Damenkränzchen, ein Tortentratsch, ein queerer Raum für den Austausch über die schönsten Nebensächlichkeiten: den Gossip der Stars, den Klatsch und Tratsch der Prominenten und des Adels. Und Thomas Bartling macht »Teleshopping«: ein Entertainment-Format, in dem er witzig, schrill und möglichst schnell so viele Dinge wie möglich für einen symbolischen Preis an das Publikum verscherbelt.
Auch das Moovy Tanzfilmfestival liefert einen Beitrag mit ihrem Kurzfilmprogramm »Wenn Körper Landschaft werden. Und Landschaften tanzen«. In der Reihe »Stattkino«, kuratiert von Institutionen der Filmszene Köln, laufen Kurzfilme zum Thema »Beziehungskisten«, »Viele Stimmen, ein Platz« und »Sound der Stadt«.
Es gibt Konzerte unter anderem mit der Sopranistin Anna Moog, dem norwegischen Schlagzeuger Jonas Evenstad und der ecuadorianische Performer*in, Choreograf*in und Geiger*in Espinoza Hidrobo. Beim Karaoke-Abend mit der Makkaroni Akademie »Sing Deinen Lieblings-Italo-Song« können Zuschauer*innen selbst ans Mikrofon treten.
Es ist ein vielfältiges, genreübergreifendes Programm, durch das hoffentlich der Neumarkt zu einem Ort des Zusammenkommens und Verweilens werden kann und das hoffentlich auch dazu beiträgt, dass diese etwas traurige Ödnis, die den Platz umgibt, sich lichtet. Wer dennoch gerne einmal in Bewegung kommen, sich von den Sitzstufen erheben und die Gegend erkunden möchte: Der Kulturwissenschaftler und Vorsitzender des Kunstbeirats der Stadt Köln hat einen Stadtspaziergang rund um den Neumarkt entwickelt, entlang von sichtbaren und unsichtbaren Kunstwerken der Stadt. »Wenn Eistüten vom Himmel fallen und Heilige zu Sitzbänken werden« heißt der Titel der rund zweistündigen Tour vom Mahnmal bis zur Brunnenskulptur, von Claes Oldenburgs »Dropped Cone« (der berühmten Eistüte) bis zum Wandrelief, von der Fassadenmalerei bis zur künstlerischen Platzgestaltung. Eine weitere Möglichkeit, den Platz inmitten der Stadt, aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen.
»Nimm Platz«, bis 5.9., Programm unter nimmplatz-neumarkt.de