Sehnsüchte, Stimmungen, Untiefen: Lorde

Abschied vom Konsens

Mit ihrem neuen Album »Virgin« lässt Lorde tiefere ­Ambivalenzen zu. Aber wird die Musik dadurch auch besser?

Als die damals gerade mal siebzehnjährigen Popsängerin Lorde 2013 auf der Bildfläche erschien und ihr kurze Zeit später schon ­ultraeinflussreiches Debütalbum »Pure Heroin« veröffentlichte, war die Neuseeländerin eine der auffälligsten Newcomer*innen, die vom Poptimismus profitierte. Also von jenem Phänomen, das in journalistischen Kreisen dafür sorgte, dass mainstreamige Pop-Acts plötzlich genauso ernst genommen wurden wie Rockbands oder Singer/Songwriter, die zuvor für das Veröffentlichen relevanter Klassiker gefeiert wurden.

Auch prätentiöse Kritiker mögen Lorde — so wie gefühlt jeder: Ich weiß noch, wie ich als 13jähriges Indie-Kid neben mei­nem zehn Jahre älteren, vor allem HipHop hörenden Bruder saß und wir beide viel mit »Royals« — so hieß der Durchbruchssong von Lorde — ­anfangen konnten. Dass Bruce Springsteen den Song coverte und auch David Bowie sich als Fan von Lorde outete, hat bei meiner Begeisterung sicherlich geholfen …

2017 erschien »Melodrama«, ihr großartiges Zweitwerk. Zu diesem Zeitpunkt war ich komplett an Bord. Die Platte ist ein farbvoller, filmwürdiger Coming-of-Age-Rausch. Nicht zuletzt durch die pompösen Arrangements von Jack Antonoff — neben Lana Del Reys »Norman Fucking Rockwell« stellt das Album seine beste Produktionsarbeit dar — bin ich bei ­jedem Hördurchgang wieder überrascht davon, wie lebhaft und aufgeladen »Melodrama« ist. Schon jetzt eines der besten Popalben des 21. Jahrhunderts.

Mit »Solar Power« (2021) ließ die Qualität — oder sagen wir besser: die Lebhaftigkeit — von Lordes Musik dramatisch nach. Auch wenn ich die Platte dafür bewundere, dass sie mit ihren bekifften, sonnigen Folkpop-Songs eine selbstbewusste Vision hatte und etwas wagte, war das Album am Ende doch langweilig, die sanft angeschlagenen Akustikgitarren schlichtweg nicht genug. Es wurde deutlich, dass die Produktion von Jack Antonoff nur dann funktioniert, wenn er alle Register ziehen darf. Schade.

Nachdem Lorde für längere Zeit aus den Medien verschwunden war, kehrt sie nun mit ihrem vierten Album »Virgin« zurück. Darauf ist sie mit gleich mehreren Dingen beschäftigt — einer der besten Songs heißt »Shapeshifter«, was eine treffende Beschreibung für das Spektrum von »Virgin« ist: Lorde reflektiert die Einstellung zu ihrem Gender (»Some days I’m a woman/Some days I’m a man«), thematisiert ihre Essstörung, greift Themen wie ­Ver­hütung auf und findet Platz für einen Song über ihre Mutter. Vor allem geht’s um die Selbstbeleuchtung im Angesicht äußerer Ein­flüs­se, was auch im Röntgen-Album­cover deutlich wird, und um die Sehnsucht nach einem Gefühl der Unbeflecktheit.

Vor allem geht es Lorde um die Selbst­beleuchtung im Angesicht äußerer Einflüsse und um die Sehnsucht nach einem Gefühl der Unbeflecktheit

Womit wir beim Albumtitel wären. Nostalgie spielt bei diesen »visions of a teenage innocence« eine wichtige Rolle. Das holt mich zwar ab, doch fühlt sich auch merkwürdig an … Warum muss Lord schon mit 28 Jahren einen Song wie »What Was That« veröffentlichen, der sich eine vergangene Zeit herbeiwünscht?

Schon zu »Melodrama«-Zeiten sprach Lorde davon, dass sie in ihrer Musik von Ecstasy beeinflusst war. Auch »What Was That« greift diese Thematik auf — »MDMA in the back garden, blow our pupils up« —, fühlt sich aber nicht wie ein euphorischer Trip, sondern wie die Erinnerung an einen solchen Trip an. Das liegt auch an dem zwar Club-inspirierten, aber stets gedämpften Sound von »Virgin« (das Album wurde von Jim E-Stack produziert, der zuletzt an dem neuen Album von Bon Iver beteiligt war): Songs wie »Hammer« und »Man of the Year« besitzen zwar alle nötigen Elemente dazu, wollen aber nie richtig explodieren. Das ist vermut­lich Absicht und rückt die Stimme von Lorde in den Vordergrund; doch deshalb ist die Platte ja nicht automatisch gut. Es ist ein schmaler Grad zwischen Kohärenz und Eintönigkeit. 

Insgesamt fühlt sich »Virgin« wie eine minimalistische Version von »Melodrama« an — was im Prinzip bedeutet, dass dem neuen Album gerade das fehlt, was »Melodrama« so aufregend gemacht hat: Ambition. Wo jener 2017 erschienene Pop-Klassiker eine einheitliche Geschichte erzählte und klangliche Ausbrüche aufwies, ist »Virgin« nun das genaue Gegenteil davon; heißt, dass die Platte sound­mäßig einheitlich ist und vielmehr eine inhaltliche Diversität der Texte aufweist. Das ist vielleicht ein sinnvoller Schritt für Lorde, sorgt aber dafür, dass »Virgin« schlichtweg langweiliger (oder zumindest weniger aufrüttelnd) ist. Anders als 2013 wird sich heute nicht jeder auf Lorde einigen können.