Wie ein Lavakuchen: Wendy Eisenberg, David Grubbs und Kramer sind Squanderers

Neun Stücke ergeben einen Film

Rock und Avantgarde — nirgendwo gelingt diese Synthese so gut wie in den USA. Bestes Beispiel ­dafür: die Indie-Supergroup Squanderers. Wir geben einen Einblick in ihre Werkstatt

Die Squanderers eine Supergroup zu nennen, ist durchaus gerechtfertigt, auch wenn das Trio gerade erst sein Debütalbum »If a Body Meet a Body« (via Shimmy Disc /Cargo erhältlich) veröffentlicht hat. Aber die Namen stehen für Qualität — mitunter seit Jahrzehnten: Wendy Eisenberg, David Grubbs und Kramer. Grubbs und Kramer haben den US-Indie-Sound seit Mitte der 80er-Jahre maßgeblich geprägt — Grubbs mit Squirrel Bait, Bastro, Gastr del Sol und als Solokünstler, Kramer als Teil von Bongwater, Shockabilly, als Labelmacher von Shimmy Disc und natürlich als Produzent (etwa für Ween, Galaxie 500 und Low). Noch kann Wendy Eisenbergs Diskografie da nicht ganz mithalten — wer jedoch ihre bisherigen Veröffentlichungen kennt oder die New Yorker Gitarristin zuletzt im April im Jaki live erlebt hat, weiß, es ist nur eine Frage der Zeit. Stilistisch agiert sie längst auf Augenhöhe.
Ihr gemeinsames Album ist jedenfalls eines dieser Versprechen, wie man sie nur alle paar Jahre gemacht bekommt. Ihr erster Auftritt beim diesjährigen Big Ears Festival in Knoxville, Tennessee, geriet trotz schwieriger Rahmenbedingungen (ungünstige Raumdynamik, zweifelhafte Visuals) zu einem enigmatisch-psychedelischen Soundtrip, der bis heute in mir nachhallt — ebenso der daran anschließende unterhaltsame Austausch mit den drei Musikern.

Habt ihr das Gefühl, dass ihr bei Squanderers bestimmte Rollen erfüllt?

Kramer: Es geht definitiv um den ungehinderten Fluss der Freiheiten, die wir teilen. Ich sehe das Trio als eine Einheit, wie einen vielzelligen Organismus, der sich so verhält, wie er es tut — ohne Unterscheidung, ohne ein anderes Ziel, als sich zu reproduzieren und am Leben zu bleiben. Die Platten, die wir machen, sind unsere Reproduktionsakte. Wenn ich eine »Rolle« habe, dann ist es die, die Aufnahmen zu mischen und zu mastern und die tiefen Frequenzen zu dämpfen, wenn es angebracht ist. Und wenn es nicht das Richtige ist (der Bass, meine ich), bleibe ich still. Stille ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

David Grubbs: Ja, ich könnte auch keine bestimmte Rolle für mich in der Band ausmachen. Wenn ich das Gefühl habe, dass es anfängt zu verkalken, gibt es Möglichkeiten, darauf zu reagieren.

Wendy Eisenberg: Ich spüre, wie sich einige Rollen verfestigen, aber sie fühlen sich für mich nicht fest an. Eher wie ein Lavakuchen oder eine Wackelpuddingform. Eine der Stillen, die ich genieße, ist, nicht zu singen, aber das muss vielleicht nicht für immer so bleiben.

Ihr habt das Album in einer ein­tä­gi­gen Studio-Livesession in New York aufgenommen. Was bedeutet das für die Songs auf dem Album? Sind sie Ausschnitte aus längeren Jams oder repräsentieren sie neun der Stücke, die an diesem Tag entstanden sind?

Kramer: Wir haben alle Stücke auf dieser LP vor der Mittagspause ein­gespielt. Unser kommendes ­Album »SKANTAGIO« enthält die Stücke, die wir nach dem Mittagessen ein­ge­spielt haben. Wir mögen verschwendungssüchtig sein ( = Squan­derers), aber wir trödeln nicht. In gewisser Weise entwerfe ich die LP in meinem Kopf gleichzeitig mit den Aufnahmen und der Live-Performance im Studio. Ich kann sehen, wohin sich eine LP entwickelt, bevor der Aufnahmeprozess abgeschlossen ist. Es ist wie 3D-Schach. Ich denke mehrere Züge voraus. Die Bear­beitung kommt zuletzt. Es ist so, als würde ich sicherstellen, dass das Auto Luft in den Reifen hat, bevor ich einsteige und in die Stadt fahre. Augen und Ohren offen. Das ist der Schlüssel, der den Motor startet. Entschuldige die schmierigen Metaphern, aber sie scheinen im Moment für mich zu funktionieren.

David Grubbs: Squanderers können sich sehr glücklich schätzen, dass Kramer die Aufgaben des Schneidens, Abmischens und Sequenzie­rens übernimmt — obwohl ich sagen muss, dass dies Aufgaben sind, die auch mir sehr viel Spaß machen.

Wendy Eisenberg: Ich bin furchtbar im Sequenzieren. Es fällt mir schwer, nicht jede Aufnahme, die ich höre, sofort als perfekt in der Form zu akzeptieren, in der ich ihr zum ersten Mal begegnet bin. Das Aufnehmen von improvisiertem /improvisationsnahem Material ist die ultimative Übung für diese Art von Akzeptanz. Ich habe das Glück, dass meine beiden Kollegen diese Aufgaben genießen.

Alle neun Songs des Albums präsentieren »Themes for ...«, was eine stark filmische Atmosphäre schafft. Gibt es denn potenziell Themen für jede mögliche Situation, der die Squanderers begegnen könnten, oder gibt es Mo­men­­te, in denen Stille die Antwort ist?

Kramer: Die Stille wird unterschätzt und zu wenig genutzt. Die Menschen haben immer das Gefühl, dass sie etwas tun müssen. Sie beschränken sich oft auf zwei Möglichkeiten: Gehe ich nach links oder gehe ich nach rechts? Manchmal stellen sie sich eine dritte Möglichkeit vor: geradeaus gehen. Die Menschen vernach­lässigen allzu oft, dass auch das Nichtstun eine gültige Wahl ist. Aber als Menschen haben wir uns zu Wesen der Aktion entwickelt. John Cage hat uns gelehrt, dass es einen alter­nativen Weg gibt — einen der Stille —, und dass es sich lohnt, ihn in Betracht zu ziehen. Das Trio-Format ist immer weit ­offen für den Eintritt und die Ausbreitung der Stille. Es gibt meiner Meinung nach keine offenere Konfiguration für Musiker:innen und den kreativen Prozess selbst als das Trio.

Wenn man jung ist, scheint das Touren die beste Sache der Welt zu sein, aber irgendwann wird es schwieriger, motiviert zu bleiben — bis die Sehnsucht nach der Bühne zurückkommt. Trifft das auch auf euch zu?

Kramer: Ich habe mich nicht ein ein­ziges Mal in meinem kreativen Leben oder meinem sogenannten Be­rufsleben nach der Bühne gesehnt. Es schien mir nie lohnenswert, 23 Stunden am Tag mit Reisen / Anrei­sen / Vorbereitungen zu verschwen­den, damit ich eine Stun­de am Tag auf der Bühne verbrin­gen kann. Ich habe es nur getan, weil ich der Meinung war, dass es der bestmög­liche Weg war, die Künstler:innen zu fördern, mit denen ich auf meinem Label arbeitete. Jetzt scheint es in dieser Hinsicht noch weniger zu bedeuten. Mit Live-Auftritten lassen sich keine Platten verkaufen. Tatsächlich halten mich Live-Auftritte vom Aufnahmestudio, von Filmsets und Schneideräumen fern und ­lenken mich von meinen Bemühungen ab, eine Art von Kino zu schaffen, das — im Vergleich — neu und originell ist. Es gibt nur zwei Gründe, warum ich mir so etwas Unsinniges und Sinnloses wie »Tou­­ren« noch einmal antun würde, und diese beiden Gründe sind: David Grubbs und Wendy Eisenberg.

David Grubbs: Das Reisen war eine der größten Lehren meines Lebens, und ich verdanke alles dem Spielen auf Tournee. ­Normalerweise bin ich immer ­bereit, auf Tour zu gehen — was ich leicht sagen kann, weil ich einen Vollzeitjob als Professor habe, sodass das Touren für mich Teil eines idealen größeren Lebensrhythmus ist.

Wendy Eisenberg: Wie für viele Menschen ist das Musizieren für mich ein Ort der psychischen ­Zuflucht. Paradoxerweise ist die Straße mit ihrer unendlichen Öffentlichkeit ein wichtiger Zufluchtsort für mich. Die Art von Reisen, die man für die Musik unternimmt — die Sensibilität des »Blicks durch ein fremdes Fenster« bei der Beobachtung einer Stadt von Augenblick zu Augenblick, die Magie der Menschen, denen man begegnet und in deren Leben man nur kurz eintaucht — all die Besonderheiten dieser Erfahrungen gleichen die Arbeit aus, die ich als lecturer mache, wie David. Es erinnert mich daran, dass das, was ich meinen Studierenden über die kommunikative Kraft der Musik beibringen will, sehr real ist.

Da ihr aus unterschiedlichen Generationen stammt: Diskutiert ihr die sozioökonomischen und politischen Aspekte des Musikerdaseins untereinander?

Wendy Eisenberg: So viel wie andere Menschen mit demselben Beruf auch, wenn sie zusammen im Auto sitzen. Vielleicht sogar mehr, weil das Musikerdasein seltsamer ist — oder vielleicht denke ich nur, dass es seltsamer ist, weil ich nicht aus einer Familie stamme, in der Musik eine berufliche Rolle gespielt hat.
Man muss kein Pessimist sein, um zu erkennen, dass die heutigen Bedingungen für ein Leben als Musiker:in härter sind als noch in den 90er Jahren.

Kramer: Ich kenne viele Musiker:innen, die genauso hart gearbeitet haben wie ich und heute keine Musik mehr machen, weil sie einen anderen Weg gefunden haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und eine Altersvorsorge aufzubauen. Ich habe sehr viel Glück gehabt. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit dem Abmischen und Mastern für Künstler:innen, die glauben, dass ich eine positive Rolle in ihrer Musik spielen kann. Ich habe meinen Lebensunterhalt nie als Musiker verdient. Vielleicht ändert sich das ja noch — man sagt ja, es sei nie zu spät.

David Grubbs: Ich hatte nur eine kurze Zeit — definitiv weniger als ein Jahrzehnt —, in der das Musizieren mein Vollzeitjob war. Ich bin froh, dass ich verschiedene Phasen in der Musikindustrie erlebt habe; andernfalls wäre es schwierig zu verstehen, wie sehr sich bestimmte Epochen voneinander unterscheiden können.

Musik hilft uns, die Herausforderungen unseres Lebens zu bewältigen. Inwieweit fühlt ihr euch als Musiker:innen verpflichtet, euch politisch zu äußern?

Kramer: John Cassavetes sagte einmal: »Alles, was mich interessiert, ist die Liebe.« Und er hatte Recht — sein großartiges, zeitloses Werk spiegelt genau dieses Ethos wider. Wenn mehr Menschen so empfinden würden, wäre die Politik vielleicht nicht eine so zerstörerische Kraft in der Welt und in unserem Leben. Natürlich soll und muss man protestieren, seine Stimme erheben und sich mit Gleichgesinnten verbinden. Aber dann sollte man auch schnell wieder Kunst machen. Vielleicht ist genau das unsere einzige Hoffnung: kreativ zu sein. Kunstmachen ist eine heilende Erfahrung. Man muss mit anderen Menschen etwas erschaffen — das ist der Weg zum Bewusstsein. Wir dürfen der Politik nicht die Macht geben, unsere Leben zu dominieren. Das ist der sichere Weg ins Unglück. Glück findet man nicht einfach um sich herum. Wir müssen es suchen, anstreben und alles einsetzen, was wir haben. Es ist harte Arbeit.