Für das Neue offen bleiben

Nach zwanzig Jahren als Intendant verlässt Louwrens Langevoort die Kölner Philharmonie. Wie verabschiedet man sich am besten? Was nimmt man mit? Welche Enttäuschungen bleiben? Im Gespräch weiß er darauf Antworten

Herr Langevoort, Sie sind bekannt dafür, dass Sie sich sehr viele Konzerte in der Kölner Philharmonie angehört haben. Manche behaupten: fast alle. Wenn Sie auf Ihre zwanzig Jahre hier im Haus zurückblicken, wie haben sich die Hörgewohnheiten des Publikums verändert?

Das Publikum, das ich hier erlebt habe, war schon offen für sehr vieles, für Neue Musik oder Jazz, und diese Offenheit hat sich weiterentwickelt, sie wird auch nicht weniger. Aber bei bestimmten Genres ist deutlich zu sehen, dass das Publikum älter wird. Das betrifft nicht die Klassik, vielmehr den konventionellen Jazz. Für den neuen Jazz gibt es schon ein total anderes Publikum. Hörgewohnheiten ändern sich dauernd, und es ist die Aufgabe des Hauses, sich darauf einzustellen. Und das ist eigentlich schon genug Herausforderung, denke ich. Konzerte wurden kürzer, die Vermittlungsarbeit hat zugenommen, aber der wichtigste Pfeiler unseres philharmonischen Programms bleibt das klassische Konzert — mit einem großen Orchester, der Feier des Dirigenten oder der Dirigentin, der Solistinnen und Solisten. Es bleibt ein soziales Ereignis für das Publikum, das einander bei dem Konzert trifft und miteinander auch die leisen Töne hören will — und die Hustenden verdammt.

Es hat sich also so viel gar nicht geändert?

Doch! Ich bin sehr froh, dass viele andere Sachen dazu gekommen sind. Natürlich gibt es Schwankungen im Programm, aber die haben nicht mit der Musik an sich zu tun. Da spielen Faktoren eine Rolle, auf die wir kaum Einfluss haben. Corona natürlich — für unseren Betrieb war das auch eine Katastrophe. Eigentlich muss man die Jahre 2020 bis 2023 aus unserer Bilanz herausnehmen, das war ein Ausnahmezustand. Seit 2024 kommt der Betrieb wieder einigermaßen in die Form, die er vorher hatte. Wir haben jetzt fast die gleichen Besucherzahlen wie aus der Zeit vor Corona. Die Finanzströme sind gut, auch das hat sich seit 2005 nicht geändert. Die einzige Sache ist, dass die Subventionen seit 2005 kaum gestiegen sind und wir sehr viel arbeiten müssen, um die Gagen- und Tarifsteigerungen aus Mehreinnahmen zu finanzieren. Da muss man das Publikum zur Kasse bitten und gleichzeitig dafür sorgen, dass es nicht abgeschreckt wird durch überteuerte Karten. Wir haben uns gesagt: unsere Tiefpreise bleiben die gleichen. Es gibt immer noch Stehplätze und die günstigen Plätze von 12 bis 30 Euro — auch wenn die Wiener Philharmoniker spielen. Dafür sind die teuren Plätze im Preis gestiegen, aber nicht wahnsinnig viel. Als ich anfing, lag der Toppreis für ein Konzert bei 130 Euro, jetzt sind wir für ganz wenige Konzerte, wie das der Berliner Philharmoniker bei 195 Euro. Über zwanzig Jahre gesehen ist das eine moderate Steigerung.

Sie haben die Subventionen angesprochen, die zu einem großen Teil von der Stadt Köln geleistet werden. Was hat sich aus Ihrer Sicht in der Kulturpolitik über die vergangenen zwanzig Jahre geändert?

Es geht doch nicht nur um Kulturpolitik. In dieser Stadt gibt es drei Pole, die offensichtlich zu wenig miteinander können. Als ich ankam, regierte Schwarz-Rot, dann kam Rot-Grün und jetzt ist es Grün-Schwarz. Da hat man alle Kombinationen ausprobiert, jeder Pol hat so seine Vorlieben, die dürften mitt­lerweile bekannt sein, und ich würde mal sagen, man könnte einander besser zuhören, um zu besseren Kompromissen zu kommen. Aber das ist eine nette Antwort.

Und die realistische? Schauen Sie sich die Baustellen der Stadt an, dann wissen Sie, wie es der Stadt geht. Wie häufig mussten Sie improvisieren?

Mein Beruf bedeutet einfach, dass man improvisieren kann — improvisieren muss, und zwar jeden Tag! — und es so macht, dass die Leute denken, es sei alles eigentlich von langer Hand geplant. Improvisieren bedeutet, die Gelegenheit, die sich plötzlich auftut, zu nutzen. Wenn sich einem die Möglichkeiten öffnen, muss man sofort die Initiative ergreifen.

Schauen Sie sich die Baustellen der Stadt an, dann wissen Sie, wie es der Stadt geht

Da müssen Sie uns aber jetzt ein Beispiel nennen.

2008 oder 2009, im Winter, Anfang Januar. Damals kam ein Orchester nicht aus Italien raus. Der Flug nach Köln fiel aus, weil der Mailänder Flughafen eingeschneit war. Sie sind dann mit dem Bus nach Bologna gefahren, aber das Flugzeug, das von Bologna aus fliegen sollte, landete zuvor in Verona und kam nicht mehr nach Bologna. Das wurde uns um halb sieben, nur wenige Stunden vor Konzertbeginn,bekanntgegeben. Okay, dieses Konzert findet nicht statt. Was machen wir jetzt? Die Konzertabsage käme zu kurzfristig. Also haben wir ein Ersatzprogramm organisiert, wir haben eine Pianistin, die gerade in der Stadt war, angerufen. Die meinte bloß, ich wollte sowieso gerade üben, aber dann mache ich das halt bei euch auf der Bühne.

Ich vermute, am meisten wurde dieses Improvisationstalent in der Corona-Zeit gefordert.

Wir hatten ein Streichquartett, bei dem der Bratschist ganz kurz vor dem ­Konzert ausfiel, weil er positiv getestet wurde. Nun, ein Quartett ohne Bratsche ist kein Quartett. Man kann nicht sagen, die Bratsche kommt vom Band. Wir haben festgelegt: Es gibt drei Solisten. Wir brauchen noch einen Pianisten, der mit diesen drei Musiker:innen Sonaten und andere Kammermusik spielt. Das kriegt man hin. Eine halbe Stunde vor dem Konzert kam der Pianist, und erfuhr erst dann genau, was er überhaupt — vom Blatt! —  zu spielen hat. Vielleicht war das kein Topkonzert, aber wir waren stolz, wie sportlich wir das hingekriegt haben. Meine erste Lektion als Intendant war: Was du nicht getan hast, ist immer mehr zu bedauern, als das, was du getan hast.

Der größte Erfolg der Kölner Philharmonie in den vergangenen Jahren war vielleicht einer, der nur indirekt mit dem Haus hier an der Bischofsgartenstraße zu tun hat. Ich denke an die »PhilharmonieVeedel«-Programme.

Mir war schon 2005 bewusst: Wir müssen die ganze Stadt bespielen, wir müssen klar machen, die Philharmonie gehört zu Köln — zu ganz Köln. Das gilt auch für das Acht-Brücken-Festival, für das wir Kirchen angefragt haben — oder auch die »Lagerstätte für die mobilen Hochwasserschutzelemente«. Beim Veedel-Programm arbeiten wir mittlerweile mit einem halben Dutzend Bürgerzentren zusammen. Das war keine Selbstverständlichkeit, auch nicht, dass wir damit nach Chorweiler gegangen sind. Dass wir uns da durchsetzen und weitermachen konnten, war mir sehr wichtig.

Kommt die Sanierung der Philharmonie?

Das werden Sie unmittelbarer verfolgen als ich. Ich bin ja weg. Die offizielle Antwort ist, wenn man diese Kölner Philharmonie auf gute Weise instandhält und rechtzeitig das repariert, was repariert werden muss, dann kann die neue Führung meines Erachtens noch 15 Jahre weiterarbeiten, ohne dass das Haus richtig renoviert oder saniert wird. Das ist durchaus möglich. Wenn man saniert, muss es jedoch unglaublich gut vorbereitet sein, man muss das, was man vorhat, sehr deutlich vorher sagen und nicht mit dieser Haltung anfangen: Schauen wir mal, wie der Hase läuft. Diese Haltung haben wir bei einem anderen Gebäude in der Stadt 15 Jahre lang erlebt… Zur Vorbereitung gehört auch, einen angemessen Ausweichort für die Orchester, die zur Philharmonie gehören — das Gürzenich Orchester und das WDR Sinfonieorchester — überhaupt erst zu schaffen. Darüber braucht man gar nicht zu diskutieren, das ist einfach die conditio sine qua non.

Wo hätten Sie mehr Unterstützung oder Verständnis erwartet?

Sicherlich beim Acht-Brücken-Festival. Wenn man diese Sparmaßnahmen haben möchte, dann hätte man darüber schon weit vorher reden können und nicht bloß verkünden: Wir machen es dicht, das ist jetzt so. Am selben Tag, an dem der Haushaltsentwurf in den Rat eingebracht wurde, riefen mich die Oberbürgermeisterin und der Kulturdezernent an, ich solle bloß keine Interviews geben. Ich hätte von ihnen Unterstützung erwartet, weil beide im Aufsichtsrat der Festival GmbH sitzen und doch eigentlich für das Festival brennen müssten. Man ist doch kompromissbereit, man kann miteinander reden! Aber stattdessen gesagt zu bekommen, nicht mit Journalisten zu reden, das finde ich schon ein starkes Stück. Ich bin engagiert worden, hundert Prozent für die Kölner Philharmonie und ihre Aktivitäten einzustehen — und nicht dafür, alles abzunicken, was aus der Politik kommt. Da muss sich die Stadt als eine lebendige Diskussionsplattform begreifen, wir sind hier doch nicht in Washington oder Moskau, wo vom Thron aus dekretiert wird. Man muss darüber reden, was man machen kann, um zusammen einen Kompromiss zu finden.

Und diese vielen Konzerte… die waren meine ­tägliche Droge, so wie andere ­Menschen ihren ­Kaffee brauchen

Ganz unsentimental gefragt — was werden Sie vermissen? Und was nicht?

Also ganz ehrlich, was werde ich vermissen? Ich bin schrecklich romantisch und sentimental. Ich bin mit diesem Gebäude verheiratet gewesen. Und diese vielen Konzerte… die waren meine tägliche Droge, so wie andere Menschen ihren Kaffee brauchen. Ich habe die Musik aufgesaugt. Auch diese Kontakte zu den Künstlerinnen und Künstlern von überall in der Welt… das alles werde ich schon vermissen. Ich bin sicher, ich werde dafür jetzt andere Sachen machen können. Ich werde den Künstler:innen auf eine andere Weise begegnen. Die Offenheit, und dass man sie nie verlernen sollte, habe ich ja hier gelernt. Den ganzen organisatorischen Stress werde ich wohl eher nicht vermissen.

Schöpfen Sie doch mal aus Ihrem Erfahrungsschatz und blicken in die Zukunft. Wie sähe die aus für ein Haus wie die Philharmonie?

Die Philharmonie wird ihren zentralen Platz im städtischen Leben behalten. Musik und überhaupt Kunst sind für die Gesellschaft viel wichtiger als das, was — zumindest im Moment — die Politik darüber denkt. Kunst prägt eine Gesellschaft. Es gibt die Zölle von Herrn Trump oder den Ölpreis als ein Barometer für die Zufriedenheit im Land. Dabei geht es darum, ob man mehr oder weniger Geld hat. Das will ich gar nicht kleinreden. Aber es geht doch darum, dass irgendwas in den Köpfen hängen bleibt, dass etwas zum ­Denken, Nachdenken, Reflektieren einlädt. Das ist die Aufgabe der Kunst. Ein schöner Schlusssatz, oder?

Noch nicht ganz. Sie sind seit 1979 in den unterschiedlichsten Berufen für die Kultur tätig gewesen. Die längste Zeit davon in Köln. Was nehmen Sie mit?

Das Wichtigste, glaube ich, ist die Begeisterung und die Neugier, Menschen kennenzulernen, nicht nur in seiner eigenen Generation. Es immer wichtig — gerade auch in so einem Haus —, dass man aus der nächsten und übernächsten Generation Künstlerinnen und Künstler kennt und die Mög­lichkeit ergreift, sie zu fördern, damit sie etwas Neues machen. Etwas Neues, was ich vielleicht nicht ­verstehe, aber das ist überhaupt nicht schlimm. Die ­sollen etwas Neues schaffen. Dafür sind sie da.

Das ist der Schlusssatz! Herr Langevoort, vielen Dank.

 

Louwrens Langevoort trat am 1. August 2005 in Köln die Nachfolge des zuvor nach kurzer schwerer Krankheit verstorbenen Albin Hänseroth an. Zuvor war Langevoort bereits Intendant der Hamburger Staatsoper. Lange­voort kam in einer schwierigen Zeit nach Köln. Der Ruf, eine herausragende Musikstadt zu sein, war ramponiert. Mit Langevoort ist der Wiederaufstieg Kölns zur führenden Musikmetropole in Deutschland und Europa eng verbunden. Er initiierte das »Acht Brücken«-Festival für zeitgenös­sische und Neue Musik, das »PhilharmonieVeedel«-Programm, die das Gürzenich Orchester in die Bürgerhäuser brachte, und seit 2019 das Festival »FEL!X« für Barockmusik. Dass die Stadt im Frühjahr entschied, die Förderung für das erfolgreiche »Acht Brücken«-Festival einzustellen, trübt den Abschied.