Raus aus Köln
Die Kunstlandschaft rund um Köln mit ihren zahlreichen Museen, Ausstellungshäusern und Skulpturenparks ist in Deutschland einzigartig. Wir haben zehn Stationen zwischen Monschau und Bochum, Remscheid und Krefeld ausgesucht, die wir euch dieses Jahr besonders ans Herz legen möchten. Manche sind urban, andere pittoresk, viele lassen sich mit Urlauben in der Natur kombinieren oder verströmen Festival-Spirit. Raus aus Köln … und rein ins Vergnügen!
Lässt sich nicht lumpen
Sammlung Ringier in der Langen Foundation
Als wäre der postbrutalistische Bau von Tadao Andō nicht schon Blickfang genug, lockt die Langen Foundation gerade mit einer Mega-Schau. Die Sammlung des Schweizer Verlegers Michael Ringier, der auch im Rheinland seine Spuren hinterlassen hat, präsentiert sich in Hombroich von ihrer besten Seite. Die deutsche Kuratorin Beatrix Ruf und der US-amerikanische Künstler Wade Guyton nutzen die Tiefe der Sammlung, die sich mit allen großen Bewegungen der vergangenen 60 Jahre beschäftigt hat, und lassen sich nicht lumpen: Es sind 500 Werke, die zum Beispiel im großen Saal in der All-Over-Ästhetik Sankt Petersburger Prägung geradezu überwältigen. Dabei liegt besonderes Augenmerk auf jenen Werken und Künstler*innen, die immer wieder den Gattungs- und Mediensprung gewagt haben und immer noch wagen, die Genregrenzen nivellieren und die Übergänge zwischen etwa Malerei und Fotografie zerfließen lassen. Eine breit angelegte Schau, die 30 Jahre konzentrierte Sammelleidenschaft extrem dicht dokumentiert.
Lars Fleischmann
Langen Foundation, Raketenstation Hombroich 1, 41472 Neuss, langenfoundation.de, bis 5.10.; Di–So 10–18 Uhr
Idyll mit Klasse
Kunsthaus NRW Kornelimünster
Im historischen Ortskern von Aachen-Kornelimünster ist ein Idyll zu entdecken: Schmucke Bürgerhäuser aus dem 15. bis 18. Jahrhundert säumen das Kopfsteinpflaster, es grünt und blüht, ein Café lädt zum Verweilen ein, und gleich um die Ecke beginnt auch der Wanderweg Eifelsteig.
Die gotische Kirche gehörte zur Benediktinerabtei Kornelimünster, die hier im Flusstal der Inde im 9. Jahrhundert gegründet wurde. In die eindrucksvolle barocke Klosteranlage zog 1976 das Kunsthaus NRW ein. Seine Kunstsammlung verdankt es einem Förderprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen, das seit 1948 herausragende Kunstschaffende, die in NRW leben oder studiert haben, durch Ankäufe unterstützt. Ein Teil des mittlerweile rund 5000 Werke umfassenden Bestands ist an Ministerien und Landesbehörden ausgeliehen. Die restliche Sammlung wird in wechselnden, thematisch kuratierten Konstellationen in den prächtigen Innenräumen und im Garten des ehemaligen Klosters präsentiert — Eintritt frei!
Die aktuelle Ausstellung »Klassenverhältnisse. Lehrende, Lernende, Künstler:innen« erinnert daran, dass die Auslese aus gut 75 Jahren Kunst aus NRW bereits mehrere Generationen umfasst und eng mit den Kunsthochschulen des Landes (primär Düsseldorf, Münster, Köln und die Essener Folkwang) verbunden ist.
Unter den Lehrer:innen und ihren Schüler:innen, die mitunter selbst Lehrende wurden, sind viele große Namen zu entdecken. Beispielsweise Ewald Mataré und sein Schüler Joseph Beuys, dessen Wirkungskraft vom Modell eines Klassenraums der Düsseldorfer Akademie in Szene gesetzt wird, wo etwa auch Katharina Sieverding bei ihm studierte. Da sind Bernd und Hilla Becher und ihre »Düsseldorfer Fotoschule« oder auch Karl Otto Götz, der als Lehrer so unterschiedliche Köpfe wie Gerhard Richter, HA Schult oder Gotthard Graubner anzog. Vertreten sind ebenso Rosemarie Trockel und Jürgen Klauke, die an den Kölner Werkschulen studierten, einer Vorläuferin der Kunsthochschule für Medien, an der wiederum Klauke später lehrte. Zu den jüngsten Ankäufen zählt eine Installation der Düsseldorf-Absolventin Mira Mann, die im Gewölbe der alten Klosterküche einen idealen Platz gefunden hat.
Dagmar Behr
Kunsthaus NRW Kornelimünster, Abteigarten 6, 52076 Aachen — Kornelimünster, kunsthaus.nrw, bis 21.09.; Do–Sa 12–17 Uhr, So 11–17 Uhr
Kate Moss in Remscheid
Große Wolfgang-Tillmans-Schau im Museum Haus Cleff
Fast schüchtern lächelt einem am Eingang das Model der 90er Jahre entgegen: Kate Moss. Die »Kate McQueen« betitelte Fotografie befindet sich hier, zusammen mit einem Bild der verstorbenen britischen Königin und dem Rückenporträt von Wolfgang Tillmans’ Mutter mit Trockenhaube, in bester Gesellschaft. Unabwendbar verfängt auf dem Weg ins zweite Stockwerk das geheimnisvolle Lächeln der Künstlerin Isa Genzken in »Isa Mona Lisa«. Die auf drei Etagen im Haus Cleff gezeigten Arbeiten sind ein Querschnitt des Werks des bekannten deutschen Fotografen und Turner-Preisträgers Tillmans — und erwecken das frisch renovierte Patrizierhaus in Remscheid zum Leben. In großen Schauen in Dresden und Paris ist er in diesem Jahr zu sehen — und eben auch in Remscheid, seiner Geburtsstadt. Wie so oft hat er auch diese Ausstellung selbst kuratiert. In den 30 Räumen begegnet man Szenerien aus Sub- und Popkultur, Werkstattporträts aus der Umgebung, abstrakten Bildwelten sowie Sound- und Videoinstallationen. Die Ausstellung zeigt, wie sehr der Künstler der jeweiligen Gegenwart zugeneigt war und ist. Die Gleichbehandlung von Sujets steht nicht im Zeichen enzyklopädischer Ordnung, sondern einer Logik der Notation. So können Zusammenhänge im Nachhinein sichtbar und zeitlich Getrenntes oder zunächst nicht Naheliegendes anschlussfähig werden.
Julia Martel
Haus Cleff, Cleffstraße 2-6, 42855 Remscheid, haus-cleff.de, bis 4.1.2026; Mi–So 11–19 Uhr
Widersprüche im Moloch
Museum Küppersmühle im Innenhafen Duisburg
Aus Sicht des Ruhrpotts war Duisburg der Wilde Westen. Hatten die Arbeitersiedlungen in Dortmund oder Bochum immer noch ein dörfliches Flair, war Duisburg schon der verruchte Moloch. Lang ist’s her, 50, gar 100 Jahre. Aber die größte Binnenhafenstadt der Welt war und ist immer noch ein riesiger Umschlagplatz für Waren und Arbeitskraft. Legendär — und tragisch — sind die Arbeitskämpfe, aber auch die Wellen von Verarmung, die Duisburg immer wieder durchgeschüttelt haben. Der Innenhafen, auch er ein Superlativ: einst der größte Umschlagplatz in Europa für Getreide, wurde er vor 30 Jahren zum Leuchtturmprojekt erklärt.
Durch seine Sanierung und architektonische Umgestaltung zu einem Ort für Dienstleistungsunternehmen und teure Eigentumswohnungen sollte die Modernisierung Duisburgs eingeleitet werden. Mit dem Museum Küppersmühle ist hier einer der bedeutendsten Orte für die Nachkriegsavantgarde eröffnet worden. Die — sozialen, kulturellen, infrastrukturellen, architektonischen — Widersprüche sind aus der Stadt freilich nicht verschwunden, im Gegenteil. Gerade der herausgeputzte Innenhafen verstärkt den Kontrast von Armut und Reichtum in der Stadt. Die Ausstellung »Zwischen Erfinden und Erfassen«, die während der Ruhrtriennale zu sehen ist, stellt sich diesen Widersprüchen und Kontrasten, verspricht sie in globale Zusammenhänge zu stellen und arbeitet die Geschichte des Innenhafens auf idiosynkratische Weise auf. Die künstlerischen Positionen u.a. von Cosima von Bonin, Ramona Schacht & Luca Bublik, Iris Touliatou oder Stella Flatten sind eigens für diese Ausstellung entstanden und umfassen Performances ebenso wie multimediale Installationen.
Nick Reutter
Innenhafen Duisburg, 22.8. bis 5.10., eine Produktion von Urbane Künste Ruhr für die Ruhrtriennale, ruhrtriennale.de
Erdbeeren auf der Agora
Der Mariendom in Neviges
Wie kantige Schollen des Eismeers, das Caspar David Friedrich 1823/24 malte, ragen die Spitzen des Mariendoms in Velbert-Neviges in den blauen Himmel: geometrische Körper in Weiß-Grau, die sich auftürmen zu einem Berg, zu einem Gotteshaus. Mit jedem Schritt die Backsteinstufen hinauf, die kaskadenartig am postmodernen Pilgerhaus entlangführen, rückt das mächtige Betongebäude des Nevigeser Wallfahrtdoms weiter in den Blick und lässt in seiner monolithischen Plastizität für einen Moment innehalten. 1968 als Wallfahrtskirche »Maria Königin des Friedens« erbaut, gilt sie als das bekannteste Bauwerk des Architekten und Bildhauers Gottfried Böhm (1920–2021) und ist die zweitgrößte Kirche des Erzbistums Köln.
So grell wie die Betonfläche an einem sonnigen Tag reflektiert, so dunkel erscheint der Innenraum des Kirchensaals. Ursprünglich ohne Sitzplätze geplant, sodass 6000 Menschen darin Raum finden, ist der Wallfahrtsdom mittlerweile teils bestuhlt — doch in offener Struktur, damit Besucher*innen einander sehen, sich gegenseitig wahrnehmen. Die Dunkelheit des bis zur Kuppel geöffneten Raumes wird immer wieder durchbrochen von metaphysischen Lichtsituationen: Sonnenlicht strahlt durch geometrisch geformte Fensteröffnungen, lässt den oberen Bereich des Doms wie ein Himmelszelt mit funkelnden Sternen wirken — oder wie ein Raumschiff, das in den Kosmos eintaucht. Leitend bei der Innengestaltung des Mariendoms war für Böhm das »Hardenberger Gnadenbild«, das seit 1681 den Mittelpunkt der Nevigeser Wallfahrt bildet.
Maria — umgeben von Sonne, Mond und Sternen — steht da in symbolischer Verbindung mit einer Rose, dem Wahrzeichen des Mariendoms. Das Motiv der »Hardenberger Rose« erscheint wiederkehrend in Böhms Buntglasfenstern und prägt vor allem das Raumerleben der Sakramentskapelle: Das Rosenmotiv der über Eck verlaufenden Fenster hüllt die Nische des stillen Gebets in einen feinen rötlichen Schimmer, der durch die offen konzipierte Architektur in das Hauptschiff abstrahlt. Die von Böhm gesetzten Lichtmomente bilden Ankerpunkte, die Himmelsrichtungen miteinander verbinden und das Selbst zur Ruhe führen.
Wer sich jetzt im Sommer auf den Weg zum Mariendom in Neviges begibt, sollte frische Erdbeeren nicht vergessen: Auf dem Vorplatz lassen sie sich neben den dort gepflanzten Rosen verzehren, wie auf einer Agora. Bei längerem Aufenthalt: Das 1970 von Böhm gestaltete Pilgerhaus bietet eine einfache Unterkunft zur Einkehr.
Christina Irrgang
Mariendom, Elberfelder Straße 12, 42553 Velbert, wallfahrt-neviges.de
Kunst im Stahlkoloss
Das Beste der Ruhrtriennale
Die Jahrhunderthalle, diese industrielle Kathedrale im Westpark, stand nicht immer in Bochum. Als sie 1902 für die sogenannte kleine Weltausstellung gebaut wurde, war das in Düsseldorf — allerdings entwarf man ihre Konstruktion schon damals so, dass sie komplett demontierbar war, in dem Wissen, dass dieses stählerne Gebäude einmal weiterziehen würde. Einen ganzen Winter lang, 1903, war man mit der Umsiedlung des monumentalen Kolosses vom Rhein an die Ruhr beschäftigt. Und weil auf dem dicht bebauten Gelände des Bochumer Vereins schlicht die zusammenhängende Fläche für ein derart großes Bauwerk fehlte, baute man die Jahrhunderthalle einfach über bereits bestehende Gebäude. Im Herzen des Stahlwerks thronte sie nun, ohne Glockenturm und ohne die ursprüngliche Fassade in Form einer gotischen Kirche, um an die ersten erfolgreichen Stahlguss-Versuche zu erinnern. Doch über 60 Jahre lang versorgte die Jahrhunderthalle als Gaskraftzentrale das Werk und die umliegende Siedlung mit Energie. 2003, mittlerweile denkmalgeschützt, übergab man die Halle als »Montagehalle der Kunst« der Ruhrtriennale.
Es ist ein schönes Bild, das sich mit der Jahrhunderthalle als zumindest inoffiziellem Festivalzentrum der Ruhrtriennale verbindet: ein die Zeit überdauernder Stahlgigant, stabil und widerstandsfähig, gebaut auf der Vergangenheit, aber erweitert mit Anbauten und wandelbar in seinem Zweck, die Menschen auf die eine oder andere Weise mit Energie zu versorgen. Hier also startet die Ruhrtriennale alljährlich am Eröffnungsabend im August, zuletzt mit Sandra Hüller, die in »I Want Absolute Beauty« Songs von PJ Harvey sang, und erst wenige Monate zuvor für den Oscar nominiert worden war. Und in diesem Jahr kommen Lars Eidinger und Larissa Sirah Herden mit »I Did It My Way« auf die Bühne, ein Musiktheaterstück, inspiriert von der Musik Nina Simones und Frank Sinatras, das von der Trennung zweier gegensätzlicher Menschen erzählt.
Regie führt bei diesem Stück der Intendant persönlich, Ivo van Hove, der bis 2026 die alle drei Jahre wechselnde Intendanz des Festivals übernimmt. Im vergangenen Jahr war er in die Kritik geraten, nachdem ein Missbrauchsskandal am Internationaal Theater Amsterdam öffentlich wurde, das er mehr als 20 Jahre lang geleitet hat. Es ging um Einschüchterung, Machtmissbrauch und verbale Gewalt. Die Vorwürfe sollen sich laut einer externen Untersuchungskommission nicht gegen van Hove selbst gerichtet haben. Doch dies war nicht der erste Skandal, den die Ruhrtriennale überlebte. Bereits 2020 kam es zum Streit, weil dem kenianischen Historiker und Politologen Achille Mbembe, der die Eröffnungsrede halten sollte, vorgeworfen wurde, er sympathisiere mit der BDS-Bewegung. Dann kam die Pandemie und das Festival musste gänzlich abgesagt werden.
Auf dem Programm der diesjährigen Ausgabe, die Architekturen der Stahlindustrie und des Bergbaus auch in Duisburg, Essen und Gladbeck bespielt, stehen viele weitere spannende Stücke, darunter fünf Uraufführungen und zehn Erstaufführungen. Etwa »Oracle« in der Kraftzentrale von Dramatikerin Anka Herbut, inszeniert von Łukasz Twarkowski. Um die »dunkle Seele der Technik« gehe es in dem Stück, schreibt die Ruhrtriennale, aber auch um den britischen Computertechnikpionier Alan Turing, der den Enigma-Code knackte, den Zweiten Weltkrieg verkürzte, nur um dann von der eigenen Regierung aufgrund seiner sexuellen Orientierung verfolgt zu werden. Da ist »Delay the Sadness«, ein Tanzstück der renommierten Choreografin Sharon Eyal, in dem sämtliche Emotionen des Lebens in Bewegungen überführt werden. Und da ist »GenZ Don’t Cry«, ein immersives 3D-Soundtheater, performt von Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet.
Die Ruhrtriennale holt auch die feministische Sängerin Gaye Su Akyol auf die Bühne der Gießhalle in Duisburg (29.8.), die Post-Punk, Grunge und Pop mit anatolischer Volksmusik verknüpft und von der die New York Times sagt, sie sei die »größte Hoffnung der türkischen Rockmusik«. Mit der »Rave-L Party« (22.-24.8.) in der Maschinenhalle Zweckel erfüllt das französische Kollektiv Les Apaches! dem Komponisten Maurice Ravel zum 150. Geburtstag den Wunsch, seinen Superhit »Boléro« einmal in einer Fabrik zu hören: ein immersives Tanzerlebnis.
Philippa Schindler
ruhrtriennale.de, 21. August bis 21. September
Geflüchtete in der Bauhausvilla
Haus Lange & Haus Esters in Krefeld
Im Briefkasten steckt ein vergilbtes Anzeigenblatt. Jemand hat es achtlos eingeworfen, doch die Bewohner haben die Postille offensichtlich auch nicht beachtet. Willkommen im Haus Esters! Die moderne, lichtdurchflutete Bauhaus-Villa, die in den 1920er-Jahren von Ludwig Mies van der Rohe für den Seidenindustriellen Josef Esters gebaut wurde, war für einige Wochen das Zuhause einer aus Syrien geflüchteten Familie, die vom international renommierten Künstler Gregor Schneider eingeladen worden war. Die temporären Mieter durften die Villa ganz nach ihrem Geschmack einrichten. Nun ist sie leer und wieder musealer Ausstellungsraum. Zurückgeblieben sind Spuren der Zwischennutzung: Vorhänge, Tapeten und Wandschmuck sowie Utensilien wie Teller, Tassen, Salz und Schrubber. Mit dem Projekt »Welcome« stellt Schneider existenzielle Fragen zu Wohnraum und Heimat, Flucht und Migration sowie zur Rolle der Kunst in diesem Kontext. Sein bekanntestes Werk ist das »Haus ur«, in das er über Jahrzehnte labyrinthartig immer mehr Räume eingebaut hat. Wie Räume den Menschen prägen — und umgekehrt — lässt sich auch im benachbarten Haus Lange erleben. Die Ausstellung »Teilweise möbliert, exzellente Aussicht« zeigt, wie sich Künstler:innen seit Ende der 1960er Jahre von der grandiosen Architektur inspirieren ließen.
Cordula Walter
Kunstmuseen Krefeld Haus Lange Haus Esters, Wilhelmshofallee 91–97, 47800 Krefeld, kunstmuseenkrefeld.de/de/Museum/Haus-Lange-Haus-Esters, Di–So 11–17 Uhr
Hochkarätiges in massivem Beton
Clemens-Sels-Museum in Neuss
In letzter Zeit ist wieder viel von Schutzräumen die Rede. Wer sich für das Gefühl von Sicherheit interessiert, ist in der massiven Betonarchitektur des Clemens-Sels-Museums aus den 70er Jahren bestens aufgehoben. Im Inneren wartet diese robuste Schatzkammer am Rand der Innenstadt mit Überraschungen auf. So bietet der erste Stock viel hochkarätige Malerei aus der Zeit um 1900, für die man sonst nach Frankreich oder Belgien reisen müsste — zum Beispiel eine mystische »Seelandschaft nach dem Sturm« (um 1909) von Léon Spilliaert mit dem sprichwörtlichen Silberstreif am Horizont.
Auf der zweiten Etage steht bis Ende September die zeitgenössische Kunst im Mittelpunkt. Unter dem Titel »The Unboxing Experience« zeigen die Gastkuratorinnen Lara Bader und Marlene Kurz, welche Kunstwerke von Frauen das Depot enthält. Besonders sehenswert ist »Prospect Center« (2024), ein Kurzfilm von Camille Dumond. Schauplatz ist der berühmte Garten, den der Regisseur und Künstler Derek Jarman Ende der 80er Jahre, kurz nach seiner HIV-Diagnose, an der südenglischen Küste anlegte — eine Idylle im Schatten eines Kernkraftwerks. Lohnt den Umweg!
Barbara Hess
Clemens Sels Museum, Am Obertor, 41460 Neuss, clemens-sels-museum-neuss.de, Di–Sa 11–17 Uhr, So 11–18 Uhr (letzter Donnerstag im Monat 11–20 Uhr)
Ruhe im Trubel
Das Fotografie-Forum in Monschau
Avantgarde in Monschau: klingt kurios, etwa so wie Kakao mit einem Schuss Senf. Ist aber wahr — und ein Erlebnis. Das »Fotografie-Forum der StädteRegion Aachen«, so der etwas sperrige volle Titel, liegt am Rande der Monschauer Altstadt und überrascht — bei freiem Eintritt — auf drei Etagen mit zeitgenössischer Kunst. Aktuell läuft dort die Ausstellung »Die Tugend der Reduktion«, die eindringlich zeigt, wie sehr sich das Medium der Fotografie dafür eignet, strenge, exakte Bildkompositionen zu entwerfen, die mit wenigen Elementen auskommen und aus ihnen eine ganze Welt ableiten.
Das ist der Kontrast zu dem, was in Monschau sonst geboten ist. Denn die Altstadt kann man sich pittoresker gar nicht vorstellen, verwinkelte, sich kreuzende Gässchen und plötzlich sich öffnende Marktplätze, umsäumt von jahrhundertealten Häusern. Der Ortskern sieht wirklich so aus, als hätte man ihn aus tiefer vormoderner Zeit in unsere Gegenwart gebeamt. Über der Stadt thront eine stolze Burg, durch ihr Zentrum fließt um die alten Häuser herum und unter ihnen hinweg die Rur. Autos fahren nicht durch die Altstadt. Durch die Tuchmanufakturen und den berühmten Monschauer Senf kam schon vor dreihundert Jahren einiges an Wohlstand in die Stadt, das sieht man ihr an. Die Grenze zu Belgien ist bloß einen Spaziergang entfernt, dementsprechend sieht die Architektur ostbelgisch aus — schon alles eine Spur eleganter und gelassener, weniger teutonisch. Überhaupt ist das Flair dieses Städtchens international, alles ist zweisprachig, mehr noch: dreisprachig, denn französisch wird natürlich auch berücksichtigt. Das bedeutet auch: Es ist sehr touristisch, trubelig und im Sommer richtig voll. Wer zu Hause seinen Liebsten Mitbringsel versprochen hat, sollte sich an die Bäckereien halten, die wunderbar würzig-herbe Printen verkaufen, unbedingt die Variante mit Zitronenglasur ausprobieren!
Ein Besuch im Fotografie-Forum verspricht dagegen Ruhe und Fokussierung. Man darf sich gerne von den Touristenströmen treiben lassen, aber in diesem Altbau gegenüber dem Aukloster steigt man aus und besinnt sich aufs Schauen. Die Ausstellungen sind didaktisch gut aufbereitet, der Schwerpunkt der Vermittlungsarbeit liegt auf Workshops für Jugendliche und Schulklassen.
Da Monschau zur »Städteregion Aachen« gehört, ist die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut. Als Start- und Zielpunkt von Wanderungen im Nationalpark Eifel ist die Stadt ebenfalls beliebt, auch die Landschaft bietet viel Abwechslung. Aber das Fotografie-Forum ist das Kleinod, das erst für die richtige Abwechslung sorgt.
Felix Klopotek
Fotografie-Forum der StädteRegion Aachen, Austraße 9, 52156 Monschau, kuk-monschau.de, bis 21.9.; Di–Fr 14–17 Uhr / Sa+So 11–17 Uhr
Sehr erhellend
Das Zentrum für internationale Lichtkunst in Unna
Unna mag nur eine kleine Stadt am östlichen Rand des Ruhrgebietes sein, aber sie beherbergt seit nunmehr fast einem Vierteljahrhundert das Zentrum für internationale Lichtkunst, kurz ZFIL — das Museum ist weltweit bekannt und hat die kleine Mittelstadt zumindest für die Kunstszene attraktiv gemacht. Allerdings fristet die Lichtkunst im musealen Betrieb eher ein, nun ja, Schattendasein. Wohl auch, weil die Installationen oft aufwändig und raumgreifend sind. Hinzu kommt aber, dass auch Fachleute mit der Gattung fremdeln, wenn ihnen die Effekte vordergründig oder dekorativ erscheinen — selbst bei so renommierten, aber eben auch populären Licht-Künstlern wie Olafur Eliasson, der im ZFIL natürlich auch vertreten ist. Das Museum auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei liegt unter der Erde — denn nichts stört den Lichtkunstgenuss so sehr wie natürliches Licht. Das Zentrum, das sich auf Installationen konzentriert, hat dafür auf insgesamt 2600 Quadratmetern eigens Räume geschaffen, um alles zur Wirkung zu bringen. Noch bis Ende des Jahres sind unter dem Titel »Light-Land-Scapes« etwa die »immersiven Raumzeichnungen« von Jeongmoon Choi zu sehen sowie eine Lichtskulptur von Atelier Rosalie/Thomas Jürgens. Doch auch diejenigen, die sich für Lichtkunst bislang nur mäßig interessieren — was keine Schande ist, denn wo käme man mit dieser Kunstform denn schon in Berührung? — lohnt der Besuch unbedingt. Allein der Ort des Museums kann einen schon in Erstaunen versetzen. Vor allem aber ist die Lichtkunst bei allem konzeptuellem Hintergrund der einzelnen Werke, auch bei einer unvorbereiteten Betrachtung, sehr erhellend. Man wird danach anders über Licht denken — und vor allem, anders schauen.
Thea Lünen
Zentrum für internationale Lichtkunst, Lindenplatz 1, 59423 Unna, lichtkunst-unna.de, bis 4.1.2026, das Museum hat keine Öffnungszeiten, stattdessen bucht man sich in eine der öffentlichen Führungen ein, Infos unter: lichtkunst-unna.de/de/tickets