Bald mit mehr LKWs auf den Straßen: Merkenicher Aussichten im Kölner Norden

Das Klärschlamassel

Im Kölner Norden fühlen sich viele von der Politik im Stich gelassen

Der Streit um die geplante Klärschlammverbrennungsanlage in Merkenich spitzt sich zu. Schon lange hängen im Ort Transparente: »Uns stinkt’s — Keine Klärschlamm­verbrennung im Kölner Norden!« Der Gestank wäre womöglich aber nicht die größte Belastung, die das 2021 im Stadtrat mit breiter Mehrheit beschlossene Projekt mit sich bringt. Für Merkenich und die ­angrenzenden Orte sind neben Emissionen und grundsätzlichen Risiken beim Betrieb der Anlage vor allem erhebliche verkehrliche Probleme zu befürchten. Doch Politik und Stadtverwaltung wollen das Projekt auf dem Gelände des bisherigen Heizkraftwerks in ­Merkenich möglichst schnell und reibungslos umsetzen. Denn die Zeit drängt. 

Seit 2017 ist vorgeschrieben, dass der Phosphor im Klärschlamm, der nach der Aufbereitung des Abwassers anfällt, zurückgewonnen werden muss. Die Kommunen sind ab 2029 dazu verpflichtet. Phosphor ist wertvoll, unter anderem für die Produktion von Düngemitteln. 

2021 wurden die Pläne öffentlich, dass der Kölner Klärschlamm künftig in Merkenich verbrannt und die anfallende Asche zum Recycling weitertransportiert werden soll, wohl ins Rheinische Revier. Unter Fachleuten gilt diese Art des Recyclings als ineffizient und nicht klimagerecht. Doch bessere Verfahren, mit denen neben dem Phosphor auch weitere Stoffe wiedergewonnen werden könnten, sind nicht ausreichend erprobt. In den Ratsdebatten wurde das kaum thematisiert. Stattdessen wird das Verfahren parteiübergreifend stets als Beitrag zum Umweltschutz dargestellt.

Andere Standorte als Merkenich werden auch nicht in Betracht gezogen. Denn das Großklärwerk Stammheim befindet sich am gegenüberliegenden Rheinufer. Der Klärschlamm könnte unter dem Fluss hindurch nach Merkenich gepumpt werden. Aber damit sich die Anlage rentiert, benötigt man höhere Kapazitäten — und mehr Klärschlamm. Nur die Hälfte soll ab 2029 aus Köln kommen, der Rest zu gut 20 Prozent aus Bonn und rund 30 Prozent aus kleineren Gemeinden. Und all das soll mit LKWs und teils mit Schiffen nach Merkenich transportiert werden —  zu einer Anlage, die nur rund 130 Meter von der Wohnbebauung entfernt ist und neben der sich ein Fußballplatz, auf dem Kinder spielen, und nicht zuletzt das Naturschutzgebiet Rheinaue befinden.

Nun wird auch, anders als beschlossen, der Klärschlamm aus Bonn statt mit Schiffen doch mit LKWs nach Merkenich gebracht werden. So hat es der Stadtrat von Bonn Anfang Mai beschlossen — aus Kostengründen. Das versetzte die Kölner Politik in Aufregung, hatte man doch die Menschen immer beruhigt, es gebe keine neuen Belastungen durch LKW-Fahrten, im Gegenteil. Das habe schon damals nicht gestimmt, sagt Bruno Klais vom Bürgerverein Merkenich. Zwar würden nach den offiziellen Schätzungen gesamtstädtische Transporte abnehmen, doch in Merkenich und Umgebung ­würden sie steigen. Selbst wenn nun aus Bonn nur E-LKWs kämen, ­ändere das nichts grundsätzlich. Aber selbst die Anlieferung per Schiff hätte Tücken, sagt Monika Wagner von den Umweltfreunden Köln-Nord (UFKN). Angesichts des Klimawandels sei nicht garantiert, dass der Rhein stets schiffbar sei, in den vergangenen Jahren kam es oft zu extremen Wasserständen. 

Hier wird nicht geplant — hier wird getrickst umweltfreunde köln-nord

Für Planung und Bau der Anlage beschloss der Stadtrat, die KLAR GmbH zu gründen, an der neben den Kölner Stadtwerken und den Abfallwirtschaftsbetrieben (AWB) auch die anderen Kommunen beteiligt sind. Ein Termin Anfang Juli im Bezirksrathaus Chorweiler, als Bürgerinnen und Bürger ihre Einwendungen vortragen konnten, sorgte für eine Verschärfung des Konflikts. Helga Wagner von den Umweltfreunden Köln Nord schildert, dass sie und die anderen Besucherinnen und Besucher keine ausreichenden Informationen ­erhalten hätten und »von oben herab« behandelt worden seien. »Die gesamte Veranstaltung hatte ein ziemliches Geschmäckle«, sagt Helga Wagner. Unterlagen seien nur in ­Papierform ausgehändigt worden, und man habe keinen ­Einblick in die gesamten Verfahrensunterlagen erhalten. »Hier wird nicht geplant — hier wird ­getrickst«, heißt es in einer Stellungnahme der UFKN.

Dabei beteuert die KLAR GmbH auf ihrer Homepage, ein »kontinuierlicher, offener und transparenter Dialog ist die oberste Maxime, die den gesamten ­Prozess der Anlage begleiten soll«. Für die Gegner der Klärschlammverbrennung in Merkenich klingt das wie Hohn; auch Bruno Klais vom Bürgerverein Merkenich berichtet von Informationsveranstaltungen, auf denen man etwa die aufgestellten Stellwände nicht habe fotografieren dürfen. 

Im Oktober schon könnte die Genehmigung für die Klärschlamm­verbrennung erteilt werden. Helga Wagner und Bruno Klais wollen weiter dagegen kämpfen. Unterstützung von den Fraktionen im Kölner Stadtrat hätten sie bislang nicht erhalten, sagen sie. Im Wahlkampf taucht das Thema Klärschlammverbrennung nicht auf, auch nicht bei Parteien, die sich sonst umweltpolitisch profilieren wollen.