»Mit Ernährungsbildung ist es nicht getan«
Herr Henn, FIAN setzt sich gegen Hunger im globalen Süden ein. Nun organisieren Sie mit dem Ernährungsrat eine Veranstaltung zur Ernährungsgerechtigkeit in Köln. Wie passt das zusammen?
Unser Mandat ist, die Umsetzung des UN-Sozialpakts zu überwachen, in dem das Menschenrecht auf Nahrung festgeschrieben ist. Wir setzen uns ein, dass der deutsche Staat weltweit seiner völkerrechtlichen Verpflichtung nachkommt und das Recht auf Nahrung schützt. Gleichzeitig versuchen wir, die Verletzung dieses Rechts in Deutschland sichtbar zu machen, etwa durch die soziale Entrechtung von Geflüchteten im Asylbewerberleistungsgesetz oder von Saisonarbeiter*innen. Das Problem ist zuletzt dringlicher geworden.
Inwiefern?
Die soziale Ungleichheit ist größer geworden. Immer größeren Teilen der Gesellschaft ist der Zugang zu angemessener Nahrung eingeschränkt. Zudem nehmen demokratiefeindliche, menschenverachtende Einstellungen zu. Dem wollen wir die Stärkung sozialer Menschenrechte entgegensetzen.
Wie viele Menschen betrifft Ernährungsungerechtigkeit in Köln?
Das wissen wir nicht genau. Was Teil des Problems ist. Ohne Daten lässt sich die Verwirklichung des Rechts auf Nahrung nur schwer realisieren. Ein Viertel der Menschen in Köln ist armutsgefährdet. Es gibt unzählige Suppenküchen, Tafeln sind stark nachgefragt, Initiativen beliefern Kitas und Schulen mit Essensspenden — Indikatoren, dass viele Menschen in Köln keinen Zugang zu angemessener Ernährung haben. Es gibt sichtbare Ernährungsarmut wie Obdachlosigkeit, und es gibt verdeckte Ernährungsarmut. Die betrifft Menschen, die etwa Sozialleistungen oder Rente beziehen, deren Regelsätze aber nicht ausreichen und die deshalb etwa zur Tafel gehen müssen. Wie kann das sein? Wenn man sich die Angriffe aufs Bürgergeld anschaut, geht die Debatte allerdings gerade in die andere Richtung. Ernährungsgerechtigkeit hat aber nicht nur eine materielle Ebene.
Sondern?
Essen ist auch eine soziale Praxis. Wer von Ernährungsarmut betroffen ist, ist vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, hat nicht genügend Geld, um mit anderen Essen zu gehen oder jemanden zu sich nach Hause zum Essen einzuladen. Das hat Einfluss auf die psychische Gesundheit oder Vereinzelung. Ein weiterer Aspekt für würdevolle Ernährung ist Selbstbestimmung. Die drohende Einführung der Bezahlkarte für Geflüchtete würde diese massiv untergraben.
Wo hört bei Ernährung Gerechtigkeit auf und wo fängt Ungerechtigkeit an?
Wir machen das daran fest, dass Betroffene berichten, dass ihr Lebensunterhalt nicht reicht, sich so zu ernähren, wie sie es benötigen. Es geht nicht um Kalorien, die sind in günstigen industriellen Produkten vorhanden, sondern um Nährstoffe, Vitamine, Mineralstoffe. Das Recht auf Nahrung ist eng mit dem Recht auf Gesundheit verknüpft.
Wer von Ernährungsarmut betroffen ist, ist auch vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen
Gute Ernährung scheitert nicht nur am Geld. Wie wichtig ist Ernährungsbildung?
Durch den Zugang zu Informationen, etwa über die sozialen und ökologischen Auswirkungen von Lebensmitteln, können Menschen ihre Rechte besser wahrnehmen und an der Gestaltung ihrer Ernährungssicherung mitwirken.
Doch sehen wir Ernährungsbildung oft kritisch. Warum?
Sie geht häufig mit der Stigmatisierung Betroffener einher. Verantwortung für gesundheitliche Probleme wird individualisiert. Das hat oft einen bildungsbürgerlichen Überlegenheits-Duktus. Man unterstellt sogenannten Unterschichten Nachholbedarf in Ernährungsfragen. Der Staat muss die Industrie stärker in die Pflicht nehmen, etwa über Werbeverbote oder eine Zuckersteuer.
Was kann Ihre Veranstaltung ändern?
Wir wollen Akteure, die sich in Köln für das Menschenrecht auf Nahrung einsetzen, zusammenzubringen. Auf kommunaler Ebene hat man andere Hebel. Ernährungsgerechtigkeit entsteht, wenn Menschen einbezogen werden, die Ernährungsungerechtigkeit erfahren. Man kann Kontakt herstellen, aber auch direkten Einfluss auf Ernährungsgerechtigkeit nehmen. Ich denke etwa an Essen in Kitas und Schulen oder öffentliche Vergaben.
»Gutes Essen für alle — Köln ernährungsgerecht gestalten«: Sa, 6.9., 11–16 Uhr, VHS-Studienhaus am Neumarkt