Selbstkritik und Badewannenkritik
Und dann gab’s wieder Schimpfe von Gesine Stabroth: Während sie Gedanken wälze, welches Gruppengeschenk wir mit Tobse Bongartz ihrer »besten Freundin Tine« anlässlich der Geburtstagsfeier machen könnten, täte ich so, als hätte ich mit all dem nichts am Hut! Ich sei bloß daran interessiert, dass auf der Party das Bier gut gekühlt sei.
Nun trage ich gar keine Kopfbedeckung, wo was dran sein könnte, weder einen Hut noch ein albernes Mützchen wie Tines Lieblingsgäste. Was den Rest anbelangt: Es ist eine sehr schlechte Idee, Bier in der Weise von Gesine Stabroths »bester Freundin Tine« in der Badewanne zu kühlen. Schon bald ist das Wasser lauwarm, die Etiketten lösen sich von den Flaschen, und wer sich dann ein Bierchen schnappt, hat sofort diesen seltsamen Schmier an den patschnassen Händen, den Rest jenes Klebstoffs, mit denen Bierfabrikanten ihr Logo samt Hinweis, dass es sich um ein sehr bekömmliches Getränk handele, auf die Flaschen pappen. Außerdem befinden sich Badewannen überwiegend in Badezimmern, wo auf Partys ständig jemand von innen abschließt, um Pipi zu machen oder mit jemandem herumzuknutschen, der ein albernes Mützchen trägt, während man draußen verdurstet.
Es trifft zu, dass mich dieses Gemeinschaftsgeburtstagsgeschenk nicht sonderlich interessiert, denn ich mag nicht stundenlang darüber brüten, welche Outdoorjacke Gesines Stabroths »bester Freundin Tine« wohl gefallen könnte und — sobald das erschöpfend erörtert ist — noch diskutieren, ob ihr denn auch die Farbe stünde. Doch unterstütze ich gern (oder auch nicht so gern, aber trotzdem) mit ein, zwei Geldscheinchen die Finanzierung dieses Großprojekts, das schon bald aus dem Ruder zu laufen droht (»Vielleicht doch ein Spa-Wochenende und wir kommen alle mit?«). Ich finde, das muss reichen. Ich möchte nicht die Projektleitung übernehmen.
Doch wird’s einem gedankt, wenn man die Wahrheit spricht, »authentisch« ist, Position bezieht, Haltung zeigt, kein Blatt vor den Mund nimmt, auch auf die Gefahr hin, anzuecken oder Beifall von der falschen Seite zu bekommen? I wo! Aber ich will morgens noch in den Spiegel schauen können und kein Interesse heucheln wie Tobse Bongartz, dieser Schleimer. (»Ich finde die Applikationen echt nice, aber dem Konzept Outdoorjacke scheint mir doch eine patriarchal geprägte Auffassung von Aktivität zugrunde zu liegen.«)
Als ich so sprach, atmete Gesine Stabroth tief ein, dann tief aus, dann wieder ein und sprach mit ganz, ganz leiser Stimme, als würde sie mir kondolieren: »Selbstkritik ist nicht so dein Ding, oder?«
Das ist ein Satz, der wie kaum ein zweiter Laschheit und Aggression koppelt. Wer von anderen Selbstkritik fordert, will kritisieren, sich selbst aber nicht die Mühe machen, Kritikpunkte zu finden, die einer Prüfung standhalten. Wo sind denn die triftigen Gründe für die Badewannenbierkühlung? Na?
Die Aufforderung zur Selbstkritik ist gerade in Mode. In einer metaphysisch leergefegten Welt ist Selbstkritik als outgesourcte Zermürbung ein letztes Überbleibsel religiöser Praxis. Der zu Kritisierende soll selbst die Kritik übernehmen. Niemand muss noch von der Kanzel bellen, sondern eine Zusammenrottung Empörter, die sich aus Geltungssucht und moralischem Eifer versammeln oder um Geschenke für Gesine Stabroths »beste Freundin Tine« auszutüfteln, fordert Selbstkritik. Ich finde das zu bequem. Ich sagte dann, dass ich die Idee mit dem Spa-Wochenende eigentlich ganz nice finde. Es gibt dort viele Badewannen. Aber das Bier steht gekühlt in der Minibar. Ich habe mich informiert. Statt wie Tobse Bongartz nur destruktiv zu schwätzen.