Remix, Remodel: »Paris, Texas« als Installation

Malerei mit anderen Mitteln

Die Bonner Ausstellung »W.I.M. — Die Kunst des Sehens« zeigt Wim Wenders zu seinem 80. Geburtstag als ewig Suchenden

Der Twistkönig ist sauer. Allein steht er im Bildhintergrund mit herabhängenden Mundwinkeln und Schultern auf einer Bühne. Das Publikum hat sich abgewendet und jubelt stattdessen einem Performer im Vordergrund zu, der mit gewagten Verrenkungen zu begeistern weiß.

Die kleine Zeichnung aus den frühen 60er Jahren gehört zu den überraschenden Exponaten in der großen Wim-Wenders-Ausstellung, die die Bonner Bundeskunsthalle dem vor allem als Filmemacher bekannten Düsseldorfer zum 80.Geburtstag zum »Geschenk« (Kuratorin Susanne Kleine) macht.

Wer hätte gedacht, dass der für seine melancholischen Roadmovies bekannte Wenders sich in seiner Jugend als Karikaturist ausprobiert hat. Mit »Der Twistkönig« gibt sich der Teenager als humoristischer Beobachter der popkulturellen Praktiken seiner Altersgenoss*innen zu erkennen: Die frühen 60er waren schließlich die Zeit der saisonal wechselnden Tanzmoden — auf den Twist folgten etwa der Mashed Potato, der Watusi und der Hitch Hike. Zugleich wird in dieser frühen Zeichnung schon die typische Ambivalenz deutlich, die in Wenders’ Werk zukünftig immer wieder zu finden sein wird: Faszination für das Neue, Moderne, aber oftmals auch Distanz zum Modischen, zum Zeitgeist, was bis hin zur ausgestellten Nostalgie gehen kann.

Dass sich die Bonner Ausstellung nicht auf den Filmemacher Wenders beschränkt, ist ihr großes Plus. Deutlich wird: Weil er ­alles sein wollte — Bildender Künstler, Fotograf, Schriftsteller, Philosoph — konnte Wenders letztlich nur Filmemacher werden. Denn nur die siebte Kunst kann alle diese Aspekte integrieren. Nicht zu vergessen: die Musik. Auch wenn er sich selber nicht als Musiker versucht hat, spielt Musik für Wenders’ Schaffen schon immer eine wichtige Rolle. Eine ­ganze Sektion der in neun Teile gegliederten Ausstellung widmet sich seinem Verhältnis zur Musik.

Geboren wurde Wilhelm Ernst »Wim« Wenders am 14. August 1945. Düsseldorf war grau und zerbombt in seiner Kindheit, nur die Kamine standen noch, erinnert sich Wenders in der empfehlenswerten Audioführung zur Ausstellung. Einen Fluchtweg fand er in der Kunst: Im Elternhaus gab es Kunstdrucke von van Gogh und Camille Corot, doch ­damit gab er sich bald nicht mehr zufrieden. Er sei das einzige Kind gewesen, dass die Eltern in Mu­seen geschleppt habe und nicht umgekehrt, sagt Wenders.

Weil er alles sein wollte — Bildender Künstler, Fotograf, Schriftsteller, Philosoph — konnte er letztlich nur Filme­macher werden

Die unbändige Neugier des jungen Mannes machen viele Ausstellungsstücke erfahrbar. Das reine Anschauen reichte ihm bald nicht mehr, es scheint, als wollte er alle Kunststile durch Nachahmung verstehen. Nach dem Umzug der Familie nach Oberhausen im Jahr 1960 begann er Aquarelle von Stadt- und Industrielandschaften zu malen, die dem Expressionismus oder der Neuen Sachlichkeit entsprungen sein könnten, außerdem entstanden Bilder, die an Paul Klee erinnern, später kommen Collagen mit Anklängen an Dada und Pop-Art hinzu. Er hat Talent, aber keinen eigenen Stil. Man merkt: Hier erkundet jemand eher, als dass er ein Werk erschafft.

Nach dem Abitur studiert Wenders zunächst Medizin und Philosophie. 1966 geht er dann aber nach Paris, um Maler zu werden. Dort erst, als Stammgast in der legendären Cinémathèque française, findet er zum Kino. Film wird für ihn zur »Fortführung der Malerei mit anderen Mitteln« — und zum Mittel, die Welt mit der Kamera zu erkunden. Das zeigt sich in seinen vielen Roadmovies. Eine Sektion der Ausstellung widmet sich seiner frühen Trilogie »Alice in den Städten« (1974), ­»Falsche Bewegung« (1975) und »Im Lauf der Zeit« (1976) mit Rüdiger Vogler als Alter ego von Wenders. Später kamen Roadmovies wie »Paris Texas« (1984) und »Bis ans Ende der Welt« (1991) hinzu.

Letztere lassen sich neu ­er­leben in der großen Raum­in­stal­lation, die gegen Ende der Aus­stellung den visuellen Höhepunkt setzt. Auf fünf riesigen LED-Bildschirmen hat Wenders selbst Einstellungen aus seinen Filmen und nicht verwendetes Drehmaterial neu zusammengesetzt. Er remixt und dekonstruiert gewissermaßen sein eigenes Werk.

Das so großspurig wirkende »W.I.M.« im Ausstellungstitel soll übrigens für »Wenders in Motion« stehen — Stillstand, das zeigt die Bonner Ausstellung, war wirklich nie sein Ding.

Bis So 11.1.26, Bundeskunsthalle Bonn, Infos: bundeskunsthalle.de