Für mehr Sichtbarkeit der freien Szene kämpfend: AIC; Foto: Heidi Pfohl

Schluss mit dem Katzentisch!

Art Initiatives Cologne (AIC) feiert sein 10. Jubiläum. Grund genug, einen gemeinsamen Blick in die Vergangenheit und in die (unsichere) Zukunft zu wagen

Plüschkatzen hocken auf einem kleinen Tisch im kjubh Kunstverein. Von Jungtier bis zur ausgewachsenen Raubkatze nehmen die animalen Gesellen von Künstler Philipp Emde nicht artig Platz, sondern besetzen den Tisch vielmehr. Die von Doris Frohnapfel und Timo Schmidt kuratierte ­Ausstellung mit dem sprechenden Titel »When Cats Become Form« widmete sich im Juli der Geschichte der Kölner Off-Szene.

Plakate, Editionen und Dokumentationen künstlerischer Interventionen zeugten von langjäh­riger Ausstellungstätigkeit und reichten bis ins Jahr 1988 zurück. Anlass ist die von diesem Jahr an dauerhafte Aufnahme der Zeitdokumente der als Verein organisierten Art Initiatives Cologne (AIC) ins Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung (ZADIK). Dabei handelt es sich um eine längst fällige An­erkennung der Kölner Off-Szene sowie der AIC, welche ihren rund 40 Mitgliedern seit einem Jahrzehnt als Netzwerk und Interessenvertretung dient. Letzteres scheint besonders wichtig, da sich die Freie Szene oftmals am Katzentisch der Kulturpolitik ­wiederfindet.

Wie aber kam es zur Gründung von AIC? Frohnapfel erzählt: »Den Ursprung bildete eine Koje auf der Art Fair 2015. Ein Workshop, zusammen mit dem Kulturamt, entwickelte dann Ideen zur Sichtbarkeit und Öffentlichkeitsarbeit für die Szene.« Aus diesem erste Aufschlag gingen zunächst drei Arbeitsgruppen und Ende des Jahres schließlich der Verein in seiner heutigen Form hervor.

Als Interessenvertretung wird die AIC zwar von der Stadt finanziell unterstützt, größtenteils und im Kern beruht AIC auf der ehrenamtlichen Arbeit, die vom Vorstand oder auch den Arbeitsgruppen ­geleistet wird. Aktuell sind fünf Mitglieder im alle zwei Jahre wechselnden Vorstand tätig. Eine davon ist Glasmoog-Kuratorin Heike Ander. Sie ergänzt: »Das ­Bedürfnis, sich als Kunstiniativen zusammenzuschließen, lässt sich bereits an Vorgängerprojekten wie SUMO ablesen. Mit AIC wollten wir uns institutionalisieren, die Vernetzung stärken und im Zusam­menschluss eine größere Sichtbarkeit herstellen, aber auch den Austausch mit dem Kulturamt ­intensivieren«« Zu den durch die AIC organisierten, kollaborativen Projekten gehört das seit 2016 ­bestehende AIC ON Festival.

Wir reden immer von dieser großen, viel­fältigen freien Szene in Köln. Wie lange ­können wir das noch behaupten?Heike Ander

Mitglied können freie und nichtkommerzielle Kunstinitiativen werden, die länger als ein Jahr aktiv sind und regelmäßige Ausstellungstätigkeit nachweisen können. Die Mitglieder entscheiden über eingehende Bewerbungen. Erst kürzlich hat die AIC die Satzung dahingehend verändert, dass auch kuratorisch tätige Einzelpersonen Mitglied werden können. »Die Szene hat sich sehr verändert«, stellt Ander fest, »weg von festen Institutionen hin zu veränderlichen Strukturen mit ­einem großen freiberuflichen ­Dasein.« Die Betreiberin des Off-Spaces GOLD+BETON Meryem ­Erkus berichtet: »Es gibt Personen, die eigene Räume hatten, aber mittlerweile nomadisch verschiedene Orte bespielen. ­Warum sollen solch gut vernetzte Personen nicht Teil des Netzwerks bleiben?« Eine Entwicklung der letzten ­Jahre: (Off-)Spaces öffnen nicht mehr unbedingt für einen längeren Zeitraum, wie es etwa bei gewachsenen Strukturen wie dem kjubh oder der Simultanhalle normal ist, sondern sind programmatisch bloß temporär angelegt. Tatsächlich sind einige der Räume im 2024 erschienenen Mitglieder-­Index schon wieder aus der kul­turellen Landschaft verschwunden, ein prominentes Beispiel ist die Akademie der Künste der Welt mit ihrem Ausstellungsraum. Wie kommt es zu diesem Exodus?

Von den widrigen Bedingungen, welchen sich die Off-Szene wiederkehrend ausgesetzt sieht, zeugt bereits die Dokumentation der Proteste gegen den Abriss der Josef-Haubrich-Kunsthalle 2002 im Rahmen der Ausstellung im kjubh. Zuletzt hat das Thema ­neuerliche Aktualität aufgrund der Haushaltskürzungen der Stadt Köln erhalten. Dazu kommen der Mangel an adäquaten Räumlichkeiten und prekäre Beschäftigungs­verhältnisse. Ander bereitet die Lage zunehmend Sorge: »Wir sprechen ja gerne von dieser ­großen, vielfältigen, freien Szene in Köln. Wie lange können wir noch darauf bauen? Sicher gab ­es immer schon so etwas wie Stand- und Spielbeine unter den Räumen, aber die aktuelle ­Tendenz geht eher in Richtung Schließung und Prekarisierung.«

Umso wichtiger erscheint die ­Arbeit der AIC, die gemeinsam mit dem BBK bei der Kulturpolitik für Kunsträume und Künstler*innen wirbt. Wenn jedoch die Stelle der Kulturamtsleitung ein Jahr vakant bleibt oder bereits fixierte Recherche- und Arbeitsstipendien Haushaltsstreichungen zum Opfer fallen, erschwert das auch die Arbeit der AIC. »Das ist für mich keine verlässliche Kulturentwicklungsplanung«, befindet Frohnapfel. Ein in der Entstehung begriffener bundesweiter Verein soll künftig Abhilfe schaffen. Das ist wichtig, erklärt Heike Ander, sitzen in den politischen Gremien doch bisher weder Vertreter*innen der Kunsträume noch freie Kurator*innen.

Obendrein ist zum wiederholten Mal auch der Ebertplatz als Kunstort gefährdet. Erkus berichtet von Zugängen zur Passage, die geschlossen werden sollen, sowie von der schlechten Kommunikations- und Informationslage. Dabei bildet der Ebertplatz mit seinem breit gefächerten Programm den Nukleus der Freien Szene. Erkus: »Der Ebertplatz an sich ist schon als Gesamtskulptur zu sehen.« 

Er sei ein Safe Spot, dessen überdachte Infrastruktur über 1.000 Menschen beherbergen kön­ne. Nun werden nicht nur die Räume, sondern die gesamte ­Passage infrage gestellt. Entsprechend wird das diesjährige AIC ON zentralisiert auf dem Ebertplatz stattfinden. Ausgehend von der Idee eines Som­merfestes reicht das Programm von künstlerischen Interventionen über Fingerfood-Buffet bis zu Mitmach-Aktionen. Dazu kommt die Einführung einer Stempelkarte: Wer bis Ende des Jahres Stempel von mindestens zehn verschie­de­nen Off-Spaces aus dem AIC-­Netz­werk sammelt, darf sich über eine kleine Über­raschung freuen. Yves Sanwidi von ROOTS & ROUTES Cologne betont: »Wir möchten den Menschen die Angst vor der Schwelle nehmen: It’s just an art space, it’s not a gallery«. 

Der Besuch lohnt sich, denn wie Katzen sind auch die Kölner Off-Spaces eigenwillig und un­abhängig, lassen sich so leicht nicht unterkriegen. Beispiele für die Bedeutung der Off-Szene auch in der «großen Kunstwelt« gibt es genug, dazu gehört nicht zuletzt Henrike Naumann, die 2017 im GOLD+BETON ausstellte und im kommenden Jahr den deutschen Pavillon bei der Venedig-Biennale bespielen wird. 

Informationen zur Initiative und zu den Mitgliedern unter aic.cologne
Sommerfest: AIC X — 10 Jahre  Kunstinitiativen Köln e. V., Ebertplatz, 29.8., 16–22 Uhr