Im Klang der Vielen die eigene Sprache gefunden
Anfang Juli gab das Kulturamt der Stadt Köln die diesjährige Gewinnerin seines mit 12.000 Euro dotierten »Horst & Gretl Will Stipendium für Jazz/Improvisierte Musik« bekannt: die 1996 im holländischen Leiden geborene Jorik Bergman. Die Jury attestierte der neuen Stipendiatin, dass die Qualität und Originalität sowie die farbige Differenziertheit ihrer kompositorischen Arbeit für größere Ensembles außergewöhnlich sei. Als Flötistin repräsentiere sie eine eigene und im Jazzkontext eher rare Stimme. »Ein besonderes Augenmerk der Jury richtete sich auch auf die intensive und vielfältige Arbeit, die erforderlich ist, größere Ensembles auf freiberuflicher Basis zusammen zu holen, aufrechtzuerhalten und mit Spielanlässen, Musik und Auftrittsmöglichkeiten zu versorgen.«
Dabei ist Bergman noch gar nicht lange in Köln, erst Anfang 2021 zog sie hierher. An der Abteilung Jazz/Pop der Hochschule für Musik und Tanz wollte sie ihren Master machen, nachdem sie bereits ihren Bachelor in Maastricht absolviert hatte. Doch anders als vielleicht vermutet, hat sie nicht ihr Instrument, die Querflöte, im Hauptfach studiert, sondern Jazzkomposition und -arrangement. Professor für dieses Fach in Köln ist der Pianist, Komponist und Arrangeur Florian Ross.
Für ihr Abschlusskonzert im Mai 2023 hat sie ein Orchester zusammengestellt, das sie mit Kölner Instrumentalist:innen wie zum Beispiel mit dem Pianisten (und ehemaligen Stipendiaten des »Horst & Gretl Will Stipendiums«) Felix Hauptmann oder der Schlagzeugerin Mareike Wiening besetzt und augenzwinkernd-ironisch Jorik Bergman And Her Large, Imaginary, Big Band Constellation genannt hat. »Ich liebe Bigbands«, sagt Bergman. »Es ist so cool, was man mit dieser Besetzung alles anstellen kann. Und ich liebe es, wenn in meiner Musik Humor und Ironie zu hören sind. Auch deshalb mag ich das Ironische im Namen meiner Bigband. Wenn ich für mein Orchester schreibe, bin ich ja auch in der Regel alleine und führe mir die Musiker:innen mit ihrem jeweiligen Personalstil nur vor Ohren.«
Über ihr Studium, aber vor allem über ihre Arbeit als Bandleaderin in eigener Sache hat sie ihren Weg in den Orchester-Jazz gefunden. Mit ihren Kompositionen will sie einen Rahmen schaffen, in dem sich die Improvisationskunst der Solist:innen adäquat ausbreiten kann. Dieser Rahmen stellt aber keine Begrenzung dar, sondern gibt die Richtung vor, in die sich der Fluss der improvisatorischen Einfälle der Musiker:innen Bahn brechen soll. »Ich mag es, wenn die Solist:innen in meiner Bigband Charakter haben«, sagt Bergman. »Für mich bedeutet Improvisation ›Im Moment sein‹. Beim Komponieren geht es aber vor allem darum zu zeigen, was schön oder cool klingen könnte. Diese Diskrepanz will ich festhalten und komponiere in meine Stücke oftmals Parts, die es uns Musiker:innen erlauben, spontan agieren zu können.«
Köln ist Bigband-Stadt. Beginnend mit dem Orchester Kurt Edelhagen, das sich der Westdeutsche Rundfunk ab 1957 leistete, und der Kenny Clarke / Francy Boland Big Band, die der Kölner Jazz-Impresario Gigi Campi Anfang der 1960er auf den Weg brachte, gibt es aktuell neben der WDR Big Band eine Reihe von freien Großensembles wie das Cologne Contempary Jazz Orchestra oder das Subway Jazz Orchestra. Dass sich in diesem Umfeld eine junge Komponistin wie Bergman gut aufgehoben fühlt, ist naheliegend.
Ihr sei wichtig, so Bergman, nicht nur die Tradition zu kennen, sondern diese auch zu würdigen: »Ich liebe Duke Ellington, Sammy Nestico oder Thad Jones. Ich würde mir wünschen, so wie sie komponieren zu können. Manchmal schreibe ich tatsächlich einen Blues, das macht mir dann einen Riesenspaß. Aber ich könnte nie ausschließlich straight-ahead komponieren.« Dass Bergman längst ihre eigene Sprache gefunden hat, zeigen auch die Preise und Wettbewerbe, die sie seit ihrem Umzug nach Köln gewonnen hat. So gewann sie beispielsweise die Kompositionswettbewerbe vom Jugendjazzorchester NRW und Bundesjazzorchester, zudem war sie Teil der »European Composers« vom Subway Jazz Orchestra und der »Académie de Composition Jazz« des französischen Orchestre National de Jazz.
Bergman fühlt sich einer Jazztradition verpflichtet, die widerständig und auch widerspenstig ist. Das legen einige ihrer anderen Kompositionsvorhaben offen. So hat sie 2021 vom Kölner Week-End Fest den Auftrag für ein »Julius Eastman Project« bekommen und »Stay On It« dieses afroamerikanischen Komponisten (1940–1990) bearbeitet. »Eastmans Musik ist so klar und simpel, gleichzeitig auch so kompakt. Für mich als Komponistin ist es faszinierend zu sehen, wie man aus so wenig Material eine so schöne Musik schöpfen kann. Und der Titel des Eastman-Stücks, ›Stay On It‹, hätte man fast als Kommentar auf die 2021 zu Ende gehende Corona-Pandemie verstehen können. Deshalb haben wir es auch zur Eröffnung des Festivals gespielt.« Dass die Besetzung rein weiblich gewesen ist, sei zwar zufällig gewesen, betont Bergman, aber dennoch politisch intendiert, weil Frauen noch immer benachteiligt sind, immer noch gesamtgesellschaftlich, aber auch ganz spezifisch im Jazz.
Manchmal schreibe ich tatsächlich einen Blues, das macht mir einen Riesenspaß. Aber ich könnte nie ausschließlich straight-ahead komponieren
Jorik Bergman
Über ihre Rolle als Komponistin, Bandleaderin und Dirigentin eines eigenen Jazzorchesters hat sie einen anderen Zugang zur Querflöte bekommen. Weil sie ihr Instrument nicht an einer Musikhochschule studierte, hat sie sich darauf einen spielerischen Umgang bewahrt. »Wenn ich Flöte spiele, ist das für mich wie Sprechen, auch der Klang passt zu mir. Außerdem liegt die Flöte, was das Klangspektrum betrifft, oftmals über den anderen Instrumenten im Orchester.« Deshalb leitet sie mittlerweile Flöte-spielend ihre Large, Imaginary, Big Band Constellation und dirigiert nonchalant so die Musiker:innen im Orchester. Gelernt hat sie das über die Zusammenarbeit mit Simon Below (Piano) und Viktor Gelling (Bass), weil sie für dieses Trio ganz anders komponiert als für das Orchester. »Im Trio kann ich mit den beiden nur Musik spielen«, so Bergman. »Ich muss nicht alles kontrollieren, sondern kann einfach loslassen. Ich weiß, was ich als Flötistin kann, und schreibe es dann so auf. In dieser Art und Weise arbeite ich mittlerweile auch beim Komponieren für die Bigband.«
Der Kurator vom Week-End Fest, Jan Lankisch, hat ihr noch einen weiteren Auftrag von Bedeutung verschafft: Für das Debütalbum des 101-jährigen, afroamerikanischen Saxofonisten und langen Leiters vom Sun Ra Arkestra, Marshall Allen, hat sie die Streicher für das Stück »African Sunset« auf dessen spätem Debüt »New Dawn« geschrieben. In diesem Frühjahr ist es auf Lankischs Label Week-End Records erschienen. »Mit Marshall und einigen Musiker:innen vom Sun Ra Arkestra zu arbeiten, war etwas ganz Besonderes für mich. Allerdings habe ich es unterschätzt, wie spontan sie sein können: Marshall hat das Stück mit meinem Streicher-Arrangement im Konzert ganz anders gespielt als noch bei den Proben.«
Bergman ist seit vergangenem Jahr auch Stipendiatin von NICA artist development, dem Förderprogramm des Landes NRW unter dem Dach des Kölner Stadtgarten. Mit Unterstützung von NICA hat sie ein neues Quintett gestartet, das als Take Me To Space Mitte August im Stadtgarten seine Live-Premiere gefeiert hat: »Es ist mit Teis Semey an der Gitarre aus Amsterdam und Louise van den Heuvel am E-Bass aus Brüssel besetzt, neben mir an der Flöte, Felix Hauptmann am Keyboard und E-Piano und Alex Parzhuber am Schlagzeug. Die Musik ist als langes Stück in acht Sätzen durchkomponiert und sehr elektrisch.« Und dann steht noch das Preisträgerkonzert für das »Horst & Gretl Will Stipendium für Jazz/Improvisierte Musik« im Rahmen der Cologne Jazzweek am 5. September an. Auch dafür hat Bergman eigens ein Nonett zusammengestellt, mit dem sie ein Programm spielen will, das sie — typisch für sie — humorvoll-launisch mit »Perennial Potpourri« betitelt hat.
stadtrevue präsentiert
Fr 5.9, Jorik Bergman — Perennial Potpourri, Stadtgarten, 20 Uhr