Lebenswerk Industriedenkmal
Es klopft, es hämmert, es staubt. Doch mitten in der Baustelle, im neuen Holzfoyer, liegt er, das kostbare Stück: ein lang erkämpftes Kleinod, ausgestellt im Glaskasten wie ein edles Kunstwerk. Dabei ist es nur ein Stück Papier: ein »Mietvertrag für Gewerberäume«. Drei Jahre lang haben Anja Kolacek und Marc Leßle ihn mit der Stadt verhandelt, härter erkämpft könnte eine Vereinbarung kaum sein.
Seit einem halben Jahr dürfen die beiden Künstler und Stadtaktivisten von raum13 also wieder jenes 10.000 Quadratmeter große Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste im Otto-Langen-Quartier nutzen, die alte Fabrik der Klöckner-Humboldt-Deutz-AG, jene historische Gasmotorenfabrik, in der einst der Verbrennungsmotor erfunden wurde. Mehr als drei Jahre lang verfiel das Gebäude, weil die Künstler zwangsgeräumt wurden, obwohl die Stadt Köln es doch vom ehemaligen Investor für 21 Millionen Euro gekauft hatte und sich alle Parteien einig waren, es raum13 erneut zur Belebung zu überlassen. So, wie sie es mehr als zehn Jahre lang getan hatten: Ein Reallabor fand hier statt, eine Kunst- und Theaterbühne, ein Diskursraum, in dem der Geschichte der Fabrik, der Mobilität, der gesellschaftlichen Veränderung, der nötigen Stadtentwicklung nachgespürt wurde. Zeitzeugen sprachen hier, Künstler stellten aus, es wurde gefeiert. In den dreieinhalb ungenutzten Jahren waren Verfall und Vandalismus jedoch immens: Kupferrohre wurden gestohlen, Fenster eingeschlagen, zuvor liebevoll hergerichtete Räume verwüstet.
Doch nun ist der Besuch der denkmalgeschützten Großfabrik in der Deutz-Mülheimer Straße, mit seiner wunderschönen roten Backsteinfassade, wieder möglich — und allein schon räumlich ein Ereignis. Kein Wunder, dass hier regelmäßig Filme gedreht werden — gerade war eine deutsch-spanische Produktion vor Ort, mit rund 50 Leuten. Hier gibt es Weiten und Ausblicke, von denen man andernorts im engen Köln nur träumen kann. Eine verwirrende, verwunschene, von Pflanzen durchwachsene Industrie-Kathedrale, mit irren Fluchten, Treppenhäusern, braungetäfelten Büros, als befände man sich in einem Bühnenbild von Anna Viebrock. Und das mitten in jenem von Spekulanten verwüsteten und kahlgeschlagenen ehemaligen Industriequartier in Mülheim-Süd — in dem seit Jahren bizarrer Baugruben-Stillstand herrscht.
Nun wird hier wieder gearbeitet: Jeden Samstag treffen sich rund 15 Fans, Freunde und Förderer des Projekts von raum13, ziehen Kabel, setzen Plexiglasscheiben ein, bauen Rigips-Platten ab, legen wunderschöne alte Gusssäulen frei. »Wir wollen den Ort aus seiner eigenen Geschichte und Substanz heraus entwickeln«, sagt Anja Kolacek. Mit dem Fernziel, wieder einen Kulturort, eine große Freiluftbühne zu schaffen — und das Areal langfristig zu einem Quartier für Kultur, Gewerbe und Wohnen zu entwickeln, mit Marc Leßle zusammen spricht sie von einem »Weltort der Weltmotorisierung«.
Doch vorher ist noch ziemlich viel zu tun. Der Bauantrag für die erste Phase des Wiederaufbaus ist eingereicht, die Umsetzung dürfte rund eine Million Euro kosten, Brandschutz und Fluchtwege müssen eingerichtet werden, mehrere Wanddurchbrüche sind geplant, viele Deckenabhängungen müssen weichen. Die meisten Arbeiten geschehen in Eigenleistung, gerade fand eine vierzehntägige, tägliche Sommerwerkstatt mit Freiwilligen statt.
Wir wollen den Ort aus seiner eigenen Geschichte und Substanz heraus entwickelnAnja Kolacek
Unter ihnen auch Frank Hermann, im Hauptberuf an der FH Köln Professor für Fahrzeugtechnik. In seiner Freizeit kommt er halt nach Mülheim, schraubt Deckenplatten ab, entbarrikadiert Fenster oder zieht im Keller Kabel, damit wieder Strom fließen kann. Leider wurde nämlich ein Trafo für das öffentliche Stromnetz auf der Straße abgebaut — momentan wird das gesamte Gebäude daher mit einer improvisierten, mobilen PV-Anlage versorgt, geliehen von einem Förderer. Eigentlich läuft sie ziemlich gut. Nach ein paar Stunden Arbeit gibt es dann ein gemeinschaftliches Mittagessen im neu eingerichteten Hof 2, der von nun an der Eingang für alle Besucher sein wird: efeubewachsen, idyllisch, Bierbänke und Sonnenschirme stehen gemütlich herum.
Und dann, zum Feierabend der Sommerwerkstatt, beginnt das Kulturprogramm. Ein regelmäßiger, kostenloser, möglichst niederschwelliger »Kulturkiosk« über Politik und Stadtentwicklung. Während die Gäste beim Wein sitzen, lädt sie ein Impulsgeber zum Diskutieren ein. Diesmal ist es Frank Hermann selbst, der davon spricht, wie wir von der ersten Mobilitätswende, die hier an diesem Ort begann, zur zweiten kommen.
Doch das war alles nur ein Testlauf, denn im September soll das Kulturprogramm so richtig losgehen: vom 12. bis 14. September findet die Ausstellung »echt & real« statt, begleitet von Performances und Lesungen, etwa von Matthias Hornschuh, der hier sein neues Buch »Wir geben uns auf: KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit« vorstellen — und feiern wird. Eröffnet werden soll auch das »Deutsche Kunstmuseum Köln« in Zusammenarbeit etwa mit Judith Behmer vom Rheingold Institut und dem Labor am Ebertplatz. Der Künstler Wolfgang Stöcker vom Internationalen Staubarchiv wird darin einen »Staubraum« einrichten. Passt auf jeden Fall zum pittoresken Baustellen-Gefühl des Ortes. Immer wieder soll auch performt werden — von den Kuratoren, oder auch vom spektakulären Gebäude mit seinen weiten Dimensionen selbst, wo schon das Schieben von Pflanzen oder das Wenden eines Tanzbodens ein Ereignis werden kann.
»Performances zwischen Architektur und Tanz und Alltag«, nennt Anja Kolacek das, die selbst Regisseurin und Choreografin ist. Deshalb freut sie sich besonders auf die Bühne, die, sowie der Bauantrag genehmigt wird, im dritten Hof entstehen wird. Dann wird der Ort endlich für Tanz, Theater, Musik bespielbar sein.
Ob es in dem Areal, das sich nun ständig ändert, letztlich doch zum Wohnen kommen wird, wie es eigentlich einst geplant war in dem Reallabor, das raum13 als »Modellquartier, Ankerpunkt und Heimat für Viele« bezeichneten? Dazu müssen wohl noch viele Bauarbeiten und Anträge geleistet werden. Dass sie das auch noch schaffen, ist nicht ausgeschlossen: Anja Kolacek und Marc Leßle haben das »Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste« zu ihrem Lebenswerk auserkoren. Ein Besuch bei ihnen kann man
nur wärmstens empfehlen.