Umgehungsstraßen der Verzweiflung
Die Verzweiflung schlägt auf der Bowlingbahn zu. Unbeschwert feiert man mit der Familie den Geburtstag des Vaters, bis nebenan auf der eben noch unbeleuchteten Bahn plötzlich Typen in T-Shirts der rechtsextremen Freien Sachsen erscheinen. Sie grölen über ihre Strikes und setzen Bierkrüge an, während die Kellnerin das Fußballtrikot des eigenen Sohnes kommentiert, bei RB Leipzig, »da sind ja kaum noch Deutsche«. Dann ist es die Pandemie, die Heike Geißlers Ich-Erzählerin die grausame Bulimie von damals ins Gedächtnis ruft; oder Fans von Bayern München, die am frühen Morgen mit ihrer Boombox den gesamten ICE-Waggon beschallen: Das provoziert Verzweiflungen.
Eng entlang der politischen Gegenwart operieren die Bücher von Heike Geißler. 2014 erschien die fulminante literarische Reportage »Saisonarbeit« über die Arbeit der Autorin in einer Logistikhalle von Amazon, 2022 der Roman »Die Woche«. Auch an kollaborativen Theaterarbeiten und Performances ist Geißler regelmäßig beteiligt. Mit »Arbeiten« erschien in diesem Jahr auch noch ein weiterer Essay von ihr.
Wie schreibt man über ein Großgefühl wie die Verzweiflung in den Polykrisen der Gegenwart? Der literarische Text müsste doch der Schwammigkeit solcher schillernder Konzeptwörter Genauigkeit und Konkretion abverlangen, um nicht in sentimentale Selbstgerechtigkeit zu rutschen, was Heike Geißler sehr genau weiß, aber »ich will nicht festlegen, determinieren«, und man kann es verstehen — der Rechtsruck ist doch auserzählt, das wissen wir schon alles.
Zwischen den Alltagsszenen vom Stückschreiben und Dönerholen für die beiden Söhne gilt es für die Ich-Erzählerin, »von der Verzweiflung zuerst einmal abzulenken«, als führe der Text Umgehungsstraßen. Damit wäre man beim Kern des Essays angelangt: Schon der Titel zeugt von der Weisheit dieses Buchs, denn die Verzweiflung wird doch erst aufgefächert in ihrem Plural glaubhaft. Verwandlungskünstlerin, Wrestler, ungestümer Teenager, Streckennetz, innere Landschaft, all das ist die Verzweiflung. »Ich komme nicht um Bilder und Metaphern herum, ich stürze mich ja förmlich darauf, immer darauf spekulierend, dass ein Bild nicht nur eine Entsprechung ist, sondern zugleich ein Entwurf nach vorn, ein Schritt auf einem irgendwie unsichtbaren, unklaren Weg«, schreibt Geißler.
Meistens geht diese Spekulation auf, und sie ist als literarische Grundbewegung einem Gegenstand wie der Verzweiflung gegenüber allzu verständlich, und doch bleibt jede Metapher uneigentliche Rede, ein Schritt, aber ein Schritt zur Seite, weg vom Gegenstand des Sprechens. Manchmal wünscht man sich von diesem Essay einen Tick mehr Showing und weniger Telling, eine szenische Bowlingbahn mehr und zwei Sprachbilder weniger, eine leichte Reduzierung der Dosis »Ablenkung«.
Ein wendiges, höchst bewegliches Schreiben, in dem es pulsiert und das in alle Richtungen drängt
Trotzdem, auf den Umgehungsstraßen von Heike Geißlers Essay gewinnt man präzise Eindrücke von der Verzweiflung, aus verschiedensten Perspektiven. Sie ist sozialisationsspezifisch, die in der DDR aufgewachsene Erzählerin hat »Groll, nachtragend sein und Resignation gelernt«. Man kann sich schämen für die Verzweiflung, die so schnell verdächtig wird, auf der Couch der eigenen Privilegien zu jammern. Voller Widersprüche ist die Verzweiflung, die manchmal die Freundlichkeit auch dem schlimmsten Gegenüber nicht ablegen lässt und manchmal das innere »brüllende Pferd« sattelt, tief verstrickt mit ihrem Anlass. Im Toskana-Urlaub mit den beiden Söhnen in Deutschland-Trikots fiebert die Ich-Erzählerin beim Spiel der Nationalmannschaft mit, obwohl sie doch sonst entschieden jeden Rassismus im Zeichen deutscher Nationalsymbole ablehnt.
Heike Geißlers »Verzweiflungen« sind ein Ringen, Abbrechen, Umkehren und Springen, ein wendiges, höchst bewegliches Schreiben, in dem es pulsiert und das in alle Richtungen drängt. Kürzestgeschichten mit märchenhaftem Einschlag sind in den Text montiert, Listen, Emojis und Grabstein-Inschriften, ein großer Chor von Stimmen und Echos. Darunter Clara Zetkin, Cassie Thornton und die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak, aber auch David Foster Wallace, Gustav Mahler, Kurt Tucholsky. Wo die Verzweiflung lähmt, da lässt sich zumindest noch literarisch die Schulter kreisen, das Knie beugen,
gelenkig bleiben.
Performative Lesung mit Heike Geißler und Anna Lena von Helldorff: So 14.9., Orangerie, 17 Uhr
Heike Geißler: »Verzweiflungen«, Suhrkamp, 221 Seiten, 18 Euro