Mythos und Geschichte: Philipp B. Williams; Foto: Nicholas Nichols

Wir bauen eine Stadt

Philipp B. Williams erzählt die Geschichte blühender Schwarzer Communitys

»Um die Reise anzutreten, musst du dich rückwärts bewegen«, schreibt Philipps B. Williams auf den ersten Seiten seines Romans »Ours«. Rückwärts bewegt sich zuerst die Pistolenkugel aus dem Körper eines Schwarzen Jungen und dann die Zeit — zurück in die 1830er Jahre. Eine ehemalige Sklavin steht in der Bank des Ortes Graysville, zückt 1500 Dollar und kauft damit ein paar Grundstücke. Dann beginnt der white flight, und schließlich wird Graysville zu »Ours«, einem Refugium für Schwarze Menschen, die der Sklaverei entkommen sind.

Saint, so der Name der Frau, taucht anschließend in den Sklavenbaracken von ganz Arkansas auf und hilft deren Bewohner*innen, indem sie die Grundlagen ihrer Versklavung zerstört: die Plantagen. Saint wird zur Schutzheiligen von Ours, aber nicht zur Anführerin. Und so gesellen sich auch im Roman bald weitere Figuren an ihre Seite: die beiden Jungen Luther-Philip und Justice etwa, die gemeinsam die Welt erkunden und deren Freundschaft sie auch Grausamkeiten ertragen lässt, wenn sie in einer besonders bedrückenden Schilderung die Überreste erhängter Menschen in einem Baum entdecken. Die Geschlechtsidentität und Pronomen von Frances dagegen liegen im Auge des Betrachters, und die junge Joy hat offene Rachegelüste. Keine der vielen Figuren bekommt von Williams jedoch den Status einer Hauptfigur verliehen. Stattdessen bilden ihre Geschichten die gemeinsame Erzählung, aus der »Ours« hervorgeht. 

Williams Utopie kommt ohne die Details zur Regierungs- und Lebensführung aus, die viele ­Texte dieses literarischen Genres durchzieht. In Ours lebt man ohne Bürgermeister*in und auch ohne Plenum. Das Leben dort wird stattdessen mithilfe von mäandernden Beschreibungen von Landschaften, Eindrücken und Stimmungen gezeichnet, was den Lesenden ebensoviel abverlangt, wie überhaupt an die Existenz dieses verwunschenen Orts glauben zu können. 

Für ihn seien Geschichte und Mythologie gleichberechtigt, hat Williams einmal imInterview gesagt. Sein Ours ist eine Überlagerung verschiedener Stätten afro-amerikanischer Geschichte von der »Black Wall Street« in Tulsa bis zu Vierteln, die Autobahnen, Seen oder Parks weichen mussten — so wie Ours selbst. Im Roman verschwindet die Stadt schließlich unter dem Rollfeld des Flughafens von St. Louis. »Ours« schreibt so die Geschichte dessen, was unwiederbringlich verloren ist als Geschichte dessen, was hätte sein können.

Phillipp B. Williams: »Ours. Die Stadt: Roman«, S. Fischer, 704 Seiten, 28 Euro.
stadtrevue präsentiertMi 24.9., Literaturhaus, 19.30 Uhr