Guedra Guedra vermisst den Dancefloor neu
Wer hätte gedacht, dass diese Idee 2025 noch so erfrischend klingen kann — oder besser: wieder so erfrischend. Zu Beginn eines jeden Tracks gibt es einen kurzen Schnipsel Klang-Material, ein Sample, das dem eigentlichen Track fremd ist. Dieses Sample ist mehr Signal als Thema, auch wenn es später im Track noch mal auftaucht. Es hat eher collagierende Funktion. Anders als etwa im klassischen Jazz geht es bei Guedra Guedra nicht darum, ein Thema improvisatorisch durchzuarbeiten. Es geht um Stimmungen, die jäh aufblitzen und die uns mitreißen, hineinreißen in so quirlige wie treibende, aufgekratzte wie bisweilen undurchdringliche Disco-Tracks — näher am Upbeat-Techno als am Drum’n’Bass.
Wer darauf tanzt, soll sich verlieren. Sonst geht es uns wie dem Taxifahrer, der in einem der Videos von Guedra Guedra — getrieben von diesem Sound — hektisch, geradezu panisch durch den Verkehrsstress manövriert. Wer bei dieser Musik meint, nachdenken zu müssen, dem wird schwindelig.
So plakativ mit Samples umzugehen, als hätte man gerade erst die Möglichkeiten des Samplings entdeckt (Nun, die Ära des digitalen Samplings begann 1979!) — das muss man wollen, dahinter steckt doch ein Programm! Und tatsächlich: Was zu Beginn kurz aufgerufen wird — und durch die Kürze des Samples, es sind jeweils nur Sekundenbruchteile, zu etwas Hektischem, Gedrängtem, Nervösem wird —, ist traditionelles Material. Jedenfalls sollen wir es so wahrnehmen: Ganz kurze, flackernde Stroboskop-Impressionen von marokkanischem Straßenleben, von arabischer Musik, schrillen Flöten und Schalmeien. Stimmfetzen aus dem Maghreb. Hinter Guedra Guedra verbirgt sich der marokkanische Produzent Abdellah M. Hassak, der seit 2020 veröffentlicht. »Mutant«, so heißt dieses Meisterwerk des Herzrasens und Zähneklapperns, des Ausschüttelns und Wegrennens, ist sein zweiter Longplayer.
Diese Samples sind keine Spielmarken, die beliebig zum Einsatz kommen. Wir müssen sie als Auftakt verstehen. Wofür? Es dauert vier Stücke, ehe mit dem fünften ein ruhiger Track folgt, der komplexer durchgearbeitet ist und etwas Liedhaftes ausstrahlt, Momente der Nachdenklichkeit zulässt. Jetzt erschließt sich das Programmatische der Musik voll und ganz: Hat das Spiel mit den Arabo-Samples zunächst etwas Plakatives, zeigt Hassak nun, wie sich daraus zeitgenössische Stücke bauen lassen — so visionär wie raumzeitlich eindeutig abgesteckt. Das ist sein Afrofuturismus. Die Zukunft der Dance- und Bass-Musik liegt in Nordafrika.
Tonträger: »Mutant« erscheint am 29.8. auf Smugglers Way und ist auch via Bandcamp erhältlich —
guedraguedra.bandcamp.com