Big Thief sind die großen wertkonservativen Innovatoren von Folk und Rock
Für einen kurzen Moment habe ich tatsächlich gedacht, dass es das gewesen sein müsste. Big Thief waren für ein paar Jahre die relevanteste Indie-Band der USA — in einem Jahrzehnt, den 2010ern, das weitaus mehr von Solokünstler*innen geprägt wurde. Doch vielleicht wäre ihre Zeit als genreführender Leitstern nun vorüber. Der Hype um die Gruppe um Songwriterin Adrianne Lenker schien abzuflauen; möglicherweise musste sich der Indie-Zeitgeist wieder in andere Richtungen entwickeln. So ein Hype kann ja nicht ewig andauern.
Wie ich mich getäuscht habe … Völlig klar, dass Big Thief mit »Double Infinity« wieder das schönste Indie-Album des Jahres veröffentlichen! Ohne Probleme könnte man die Platte als bisher bestes Werk der Band bezeichnen; mir fällt keine Gruppe ein, bei der man zum Zeitpunkt ihres sechsten Albums noch sagen kann, sie würde mit jeder Veröffentlichung besser werden. Doch Big Thief sind halt Big Thief — ein Synonym für Großartigkeit.
Auf der vorherigen Platte, dem weit ausgreifenden Doppelalbum »Dragon New Warm Mountain I Believe In You«, probierten Big Thief unglaublich viel aus. Man hätte dieses Meisterwerk fast als wegweisende Karte für die restliche Karriere der Band sehen können; jedes ihrer Genre-Experimente hätte das Potenzial zur Blaupause einer neuen Schaffensphase gehabt. Sicherlich haben Big Thief ihr Pulver auf »Dragon New Warm Mountain I Believe In You« verschossen, oder? Schließlich war jenes Album eine Reise, die theoretisch ewig hätte weitergehen können … Wie zum Teufel soll es danach weitergehen? Mit einem halb so langen Album, das deutlich fokussierter daherkommt und trotzdem Neuland erkundet: »Double Infinity«.
Einen derart hypnotisierenden, basslastigen Song wie »No Fear« fand man in ihrer Diskographie bisher vergebens; gegen Ende wird der Song mit seinen rückwärts abgespielten Soundeffekten besonders trippy. Doch gleichzeitig hat das Album etwas Direktes, ist vor allem lyrisch oft konkreter als der Vorgänger. Ein tolles Beispiel aus »Incomprehensible«, dem Opener der neuen Platte: »In two days it’s my birthday and I’ll be 33.
That doesn’t really matter next to eternity. But I like a double number, and I like an odd one too. And everything I see from now on will be something new«. Der Song ist auf Frontfrau Adrianne Lenker zugeschnitten, lebt von einer lässigen Beiläufigkeit — und endet obendrein mit einem hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft.
Während man am Ende von »Dragon New Warm Mountain I Believe In You« gehört hat, wie Drummer James Krivchenia fragt, was die Band als Nächstes ausprobieren könnte, bleibt zum Schluss des sphärischen »Double Infinity« keine Frage mehr offen. Weil Big Thief ihren Sound auf eine elegante Art weiterentwickelt haben. Das liegt nicht zuletzt an Krivchenia — neben Levon Helm (von The Band) und Bryan Devendorf (von The National) ist er mein Lieblingsdrummer —, der dem Album einen tiefen Groove verleiht. Seit jeher wird unterschätzt, wie körperlich die Musik von Big Thief ist, und eben diesen Aspekt haben sie auf »Double Infinity« verstärkt. Der rhythmisch scharfe Song »Words« klingt so, als würde die Band sich an Funkmusik ausprobieren wollen … zumindest auf ihre eigene Weise.
Es kommen die Stücke, für die man die Gruppe seit jeher liebt. »Los Angeles« wird von einer simplen Akkordfolge getragen, zu denen Adrianne Lenker immer öfter tendiert (während man sie früher eher mit komplexen, Elliott-Smith-ähnlichen Harmonien assoziiert hat). Der Countryrock-Song handelt vermutlich von einer Beziehung, lässt sich aber auch als Kommentar auf den engen Zusammenhalt innerhalb von Big Thief lesen: Wir träumen unsere Träume gemeinsam, singt sie. Das spürt man sofort. Es passt also, dass der beste Song des Albums, »Grandmother«, auch der allererste Big-Thief-Song ist, den alle Bandmitglieder gemeinsam geschrieben haben.
Die stärkste Kunst findet keine brandneuen Themen, sondern andere Zugänge zu Altbekanntem — wie der Liebe. Die Liebessongs von Lenker sind im Kontext von Big Thief eben deshalb so schön, weil es meistens auch so klingt, als würde Lenker zu ihren Bandkollegen singen. Ich war alleine, als ich dich/euch traf, singt sie im Closer »How Could I Have Known«. Und dann war sie’s eben nicht mehr.
Tonträger: »Double Infinity« erscheint am 5.9. auf 4ad/Beggars Group/Indigo