»Es gibt auch mit 70 noch Coming-outs«
Als 1975 das »glf Sozialwerk« gegründet wurde, aus dem später das Rubicon hervorging, war es nur wenige Jahre her, dass man für schwulen Sex noch ins Gefängnis kommen konnte. Heute ist der einst kleine Verein, der Lesben und Schwule beim Coming-out unterstützte, zu einer Institution mit knapp dreißig Mitarbeiter*innen geworden. Mit trans*-Beratung, Anti-Gewalt-Hilfen oder Offenen Treffs für Seniorinnen, International Queers oder Regenbogenfamilien ist das Angebot wesentlich vielfältiger geworden. Das Ziel aber ist das gleiche: queere Menschen dabei zu unterstützen, selbstbewusst und angstfrei zu leben. Wir haben mit vier Mitarbeiter*innen über ihre Arbeit gesprochen.
Als vor fünfzig Jahren das »glf Sozialwerk« gegründet wurde, galten Sie als »Coming-out-Maschine« von Köln. War das damals Ihre bestimmende Aufgabe?
Martin Heinze: Ja, das war so. Als zweiter Schwerpunkt kam die HIV-Prävention hinzu. Auch Geschlechterfragen waren von Anfang an Teil des Rubicons, aber das Thema trans* wurde erst mit der Zeit Teil des Beratungsangebots. Übrigens war auch die Stadtrevue damals wichtig — mit Kontaktanzeigen wie »Er sucht ihn« oder »Sie sucht sie«. Das hat unsere Interessen sichtbar gemacht.
Mike Nienhaus: Ich habe meine erste lesbische WG über die Stadtrevue gefunden. Ohne solche Angebote hätten wir uns kaum gefunden.
Heinze: Ab den 90er Jahren stellte sich in der Beratung öfter die Frage: Wie wollen wir queere Menschen eigentlich alt werden? Spätestens seit der Jahrtausendwende geht es verstärkt um die Familiengründung mit Kindern.«
Mit »Baraka« gibt es auch einen Offenen Treff für queere Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte. Was passiert dort?
Faisal Attar: Wir bieten einen wöchentlichen Treffpunkt sowie Beratung, Empowerment und viele Freizeitangebote. Zudem machen wir Asylberatung etwa mit dem Kölner Flüchtlingsrat oder bieten Unterstützung bei Asyl-Anhörungen.
Das sind viele neue Aufgaben.
Heinze: Wir haben uns immer mitentwickelt. Gerade beim Thema trans* mussten wir uns erst einarbeiten.
Wir schauen immer: Was brauchen die Menschen?
Nienhaus: Heute ist der trans*-Bereich einer unserer größten. Es gibt auch mit 70 noch Coming-outs, der
Beratungsbedarf ist enorm.
Mit welchen Fragen kommen die Menschen heute zu Ihnen?
Merit Kummer: Viele fragen nach Namens- und Personenstandsänderung, medizinischer Transition oder suchen nach passenden Begriffen zur eigenen Orientierung und Identität, ob trans*, nicht-binär, demisexuell oder aromantisch. Unsere Gruppen bieten dafür Raum. Trans*-Personen gehen etwa oft jahrelang nicht schwimmen, wegen strikt binärer Umkleiden und Duschen. Deshalb haben wir das trans*-Schwimmen initiiert. Viele waren zwanzig Jahre nicht im Schwimmbad und sind überglücklich, endlich wieder im Wasser zu sein.
Sie haben auch eine »Trans*Kids«-Gruppe. Was passiert dort?
Kummer: Die Kinder genießen einfach das Zusammensein. Sie machen Seifenblasen, spielen, singen — sie sprechen gar nicht viel über trans*-Themen.
Nienhaus: Die Nachfrage ist riesig. Das erste Kind, das ich erlebt habe, war vier Jahre alt, als es sagte: »Hört mir zu. Ich bin ein Mädchen und heiße Marie. Vergesst alles andere.« Dieses Kind ist mit einem Penis auf die Welt gekommen, es hatte einen Jungennamen. Aber seit dieser Ansage heißt das Kind Marie. Die Kinder sind häufig sehr jung, aber das Thema zeigt sich in jedem Alter.
Sie beraten auch die Eltern der »Trans*Kids«. Wie gehen sie damit um?
Kummer: Das Thema trans* ist in den Elternhäusern und Schulen angekommen. Die Eltern sind häufig unterstützend, aber es ist immer noch ein Prozess. Und es gibt wahrscheinlich auch Eltern, die nie zu uns kommen würden.
Heinze: Oft ist auch nur das eine Elternteil unterstützend, das andere nicht. Das birgt ein großes Konfliktpotenzial und endet im schlimmsten Fall auch vorm Familiengericht.
Welche Antworten haben Sie auf die Frage nach dem Altwerden gefunden?
Nienhaus: Wir haben einen Besuchsdienst aufgebaut für ältere Community-Mitglieder, die allein leben und wenig Kontakt haben. Wir begleiten sie zum »Late-Bloomer-Frühstück« — Late-Bloomer sind die, die sich mit über 50 geoutet haben — oder zum »Golden-Girls-Stammtisch«. Sie haben einfach andere Biografien. Manchen Hochaltrigen fällt es schwer, über Kinder zu reden, und erst nach vielen Gesprächen wird dann mal gesagt, dass die Person Kinder durch einen Sorgerechtsentzug verloren hat, nachdem sie sich geoutet hat. Viele haben auch unter dem Paragraphen 175 gelitten, dem »Schwulenparagraphen«, der erst 1994 abgeschafft wurde. Dadurch sind Existenzen zerstört worden. Auch viele trans*-Personen outen sich spät oder haben Diskriminierungen erfahren, etwa bei der Arbeit oder im Gesundheitswesen. Und auch HIV und Alter ist ein eigenes Thema, das in der Gruppe schwuler Männer 50+ bewegt wird.
Heinze: Ein Wunsch wäre deshalb, dass es mehr Angebote gibt für queeres Wohnen im Alter.
Viele fragen nach Namens- und Personenstandsänderung, medizinischer Transition oder suchen nach passenden Begriffen zur eigenen Orientierung und Identität Merit Kummer
Wünschenswert wäre doch, dass sich alle Einrichtungen dafür öffnen.
Heinze: Natürlich, und das geschieht zum Glück auch. Unser Altersteam bildet etwa die Sozialbetriebe Köln fort, und auch die AWO ist aktiv. Das ist großartig, dass sich heteronormative Strukturen da öffnen. Für die einen ist es gut, in der Mehrheitsgesellschaft anzukommen, für andere bleibt es wichtig, queere Schutzräume zu erhalten. Laut Statistik hat die Zahl der Gewalttaten gegen queere Menschen in Köln zugenommen.
Bekommen Sie das auch zu spüren?
Nienhaus: Definitiv. Die Menschen berichten uns davon, wie sie in der Bahn beschimpft werden oder von Übergriffen. Gewalt geschieht auch in Partnerschaften. Die Unsicherheit nimmt zu.
Kummer: Viele fragen sich, ob sie sich noch outen können. Die Angst ist spürbar — auch in Köln.
Attar: Geflüchtete erzählen oft, dass sie mit dem Traum nach Deutschland kommen, offen mit ihrer Freund*in auf der Straße Händchen zu halten. Die Realität ist leider oft eine andere.
In den USA haben viele Unternehmen ihre Diversitätsprogramme eingestellt. Haben Sie den Eindruck, dass auch hierzulande der Wind sich dreht?
Kummer: Ja. Im ersten Entwurf des neuen Gewalthilfegesetzes waren inter-, nicht-binäre und trans*-Personen als besonders schutzbedürftig aufgeführt, doch auf Druck der CDU wurde das gestrichen. Der politische Rückenwind ist weg, der Gegenwind ist deutlich zu spüren.
Nienhaus: Köln wurde von der EU zur »europäischen Hauptstadt für Integration und Vielfalt« erklärt. Zuletzt hat die Stadtarbeitsgemeinschaft Queerpolitik beschlossen: Köln bleibt queer! Das ist aber kein Selbstläufer, sondern wir müssen etwas dafür tun. Die vermehrten Gewalttaten in Köln zeigen, dass wir beides haben: Eine weltoffene Stadt, in der in jedem Lied die Toleranz besungen wird. Und zugleich passiert die Gewalt.
Kummer: Rubicon hat kürzlich die Gründung des Vereins Proteqt mit unterstützt, der ein Schutzhaus für queere Menschen schaffen will — analog zu den Frauenhäusern der 70er Jahre. Denn Schutzräume sind heute so notwendig wie damals.
In München gibt es bereits einige Krisenwohnungen für diese Gruppe. Wie sieht es in Köln aus?
Nienhaus: Das Schutzhaus steht im LSBTI-Aktionsplan der Stadt, wurde aber nicht weiterverfolgt. Immer mehr Menschen mit Gewalterfahrung kommen zu uns — aber wir haben keinen Ort, um sie in Sicherheit zu bringen. Frauenhäuser nehmen nicht immer trans*-Frauen auf.
Da müssen wir noch einiges tun, um das binäre Denken aufzubrechen.
Was war Ihr bewegendster Moment in der Arbeit?
Attar: Wenn ich Menschen vor fünf Jahren beraten habe und heute sehe, welche Entwicklung sie genommen haben, dann ist das für mich sehr bewegend.
Heinze: Ein Pater, den ich beraten habe, hatte ein schwules Coming-out. Der Abt hat ihn unterstützt. Der Pater ist schließlich aus dem Kloster ausgetreten und hat offen schwul gelebt. Später hat er mir einen Dankesbrief geschrieben. Oder die Frau, die sich in die Erzieherin ihrer Kinder verliebt hat, und mit ihr zusammengekommen ist. Diese Menschen erleben oft Widerstände, aber in vielen Fällen geht es gut aus.
Kummer: Für mich war es der erste Trans Pride 2018. Da sind wir zusammen durch die Straßen gezogen, es gab Workshops, Partys und Picknicks. Das war ein besonderer Moment, in Köln gemeinsam so sichtbar zu sein.
Nienhaus: Auf der CSD-Demo in diesem Jahr ist mir eine Mutter aus unserer Trans*Kids-Gruppe aufgefallen, die sich demonstrativ an die Seite ihres Kindes gestellt hat. Das finde ich großartig! Und all die Regenbogenfamilien, die wir begleitet haben! Das sind oft sehr lange Prozesse, um Familie werden zu können. Wenn es dann trotzdem klappt und wir später die Kinder kennenlernen: Das ist einfach toll! Auch, dass wir heute mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Köln über Schutzhäuser für queere Menschen reden können oder mit dem Gesundheitsamt über die Hormonversorgung von trans*-Menschen, ist großartig — und es ist nicht selbstverständlich.