Geister der Vergangenheit: Liane Düsterhöft, Hanna Heckt; Foto: Studio Zentral

In die Sonne schauen von Mascha Schilinski

Mascha Schilinski spürt virtuos transgenerationalen Traumata auf einem norddeutschen Hof nach

Haben Sie sich je gefragt, wer wohl früher in Ihrer Wohnung, Ihrem Haus gelebt hat? Und ob die Leben dieser früheren Bewohner*innen unsichtbare Spuren hinterlassen haben, die bis ins Heute hineinwirken? Oder weniger esoterisch: Gehen familiäre Traumata — selbst solche, von ­denen man gar nichts weiß — womög­lich auf folgende Generationen über? Genau diese Fragen hat sich Mascha Schilinski gestellt. In ihrem zweiten Spielfilm »In die Sonne schauen«, der nach seiner umjubel­ten Weltpremiere in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, entfaltet sie ein hypnotisches Generationendrama über weiblichen Schmerz, der sich durch ein ganzes Jahrhundert zieht. Dabei scheint es fast, als wäre der eigentliche Pro­tagonist des Films der Handlungsort, ein abgelegener Vierseitenhof in der Altmark, der uns an einer Art ­gespenstischem stream of concious­ness teilhaben lässt.

Assoziativ verknüpfte Szenen, Träume, Blicke aus dem von Traumata und Leid geprägten Leben unterschiedlicher Frauen spinnen uns ein. Da ist zum einen die siebenjährige Alma (Hanna Heckt), die mit ihren Schwestern in den 1910er Jahren auf dem Hof aufwächst. Ihre Kindheit ist vor allem von tragischen Ereignissen geprägt, die sie beobachtet, ohne sie ganz zu begreifen. So etwa, als ihr ­Onkel angeblich einen »Arbeitsunfall« hat und ihm ein Bein amputiert werden muss. Die Bauerntochter Erika (Lea Drinda) in den 1940er Jahren ist wiederum fasziniert von diesem einbeinigen ­Onkel. Die Teenagerin Angelika (Lena Urzendowsky), die in den 1980er Jahren auf dem Hof in der DDR lebt, entdeckt ihre weiblichen Reize, wird jedoch von ihrem ­Onkel und ihrem gleichaltrigen Cousin sexuell bedrängt. Ihre ­geistig stets abwesend wirkende Mutter scheint davon nichts mitzubekommen. In den 2020er Jahren wiederum wollen Lenka (Laeni Geiseler) und ihre Schwester Nelly (Zoë Baier) mit ihren ­Eltern dort einen unbeschwerten Urlaub verbringen. Doch die Geister der Vergangenheit scheinen in ihre Gegen­wart hineinzuwirken und treiben die Mädchen in eine existenzielle Krise — ein Zusammenhang, der allerdings rätselhaft bleibt.

Es bleibt das Gefühl, etwas Außer­ge­wöhn­liches gesehen zu haben, das einen so schnell nicht loslassen wird

Assoziativ springen Schilinski und Editorin Evelyn Rack immer wieder vor und zurück in der Zeit. Schilins­kis traumwandlerisches Regietalent wird dabei kongenial von der ­Bildsprache ihres Lebensgefährten ­Fabian Gamper ergänzt. Seine ­Kamera geistert durch Räume, ganz nah an den Figuren, wechselt virtuos die Perspektiven. Dabei kreiert er Sequenzen, die teilweise an Michael Hanekes ­Historiendrama »Das weiße Band« erinnern. Im strengen 4:3-Format schafft Gamper Bilder, die sich tief ins Unterbewusstsein eingraben und noch lange im Kopf herumspuken. Auch das Sounddesign ist phänomenal: Es verstärkt Geräusche, als befände man sich permanent in einer Ausnahmesituation, in der der Hörsinn bis aufs ­Äußerste geschärft ist.

»Ich möchte lieber, dass die Leute einen Film fühlen, bevor sie ihn verstehen«, zitiert Schilinski gern den Filmemacher Robert Bresson und setzt diesen Anspruch auf konsequente und beeindruckende Weise um. Die Regisseurin, die bereits in ihrem Debüt »Die Tochter« die emotionale Verstrickung einer Kleinfamilie eindringlich erfahrbar machte, droht allerdings in ihrem zweiten Werk vor lauter Traumata das komplexe ­Innenleben ihrer Figuren immer wieder aus dem Blick zu verlieren. Als bestünde das Leben von Frauen ausschließlich aus Schmerz. Die ermächtigende Kraft weiblicher Solidarität etwa kommt in ­ihrem Kosmos nicht vor. So bewundernswert die formale Kon­sequenz und schauspielerische Wucht von »In die Sonne schauen« ist, über eine Laufzeit von mehr als zweieinhalb Stunden wird der konstante emotionale Druck zur Belastungsprobe.

Dennoch bleibt das Gefühl, ­etwas Außergewöhnliches ­ge­sehen zu haben, das einen so schnell nicht loslassen wird. ­Ein spektakulärer Film, der mutig ­mit neuen Formen des Erzählens experimentiert. Ein Film, den man sich mehr als einmal ansehen kann — in der Gewissheit, immer wieder neue Facetten daran 
zu entdecken.

D 2025, R: Mascha Schilinski, D: Hanna Heckt, Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler, 159 Min. Start: 28.8.